Waffen im Syrienkrieg Assads Arsenal des Schreckens

Metertiefe Krater, tödliche Druckwellen: Mit dem Einsatz von bunkerbrechenden Bomben und Flammenwerfersystem hat das Assad-Regime eine neue Zerstörungskraft im Kampf um Aleppo entfesselt. Was macht die Waffen so vernichtend?

Bomben-Einschlagsort in Aleppo
REUTERS

Bomben-Einschlagsort in Aleppo

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Es gab Hoffnung in Aleppo, doch spätestens seit diesem Wochenende ist sie wieder versiegt. Nach der kurzen Waffenruhe gehen die Kämpfe im Osten der syrischen Stadt weiter, noch dazu mit einer vorher nicht gekannten Intensität, wie der Uno-Sonderbeauftragte Staffan de Mistura in seinem jüngsten Bericht feststellte. Darin zeichnet er ein furchtbares Bild: Die vom Regime abgeworfenen Bomben lassen nicht nur die Gebäude einstürzen, sondern hinterlassen metertiefe Krater im Boden, zerstören Keller, Bunker und Versorgungsleitungen. Und sie töten viele Zivilisten.

Das Regime von Baschar al-Assad und seine Verbündeten zeigen in der nun etwa fünf Tage andauernden Offensive auf die ehemals größte Stadt des Landes eine neue Härte - und bedienen sich dabei offenbar Waffen, die noch größere Zerstörung anrichten als bisher. Mehr als 200 Menschen sollen über das Wochenende getötet worden sein. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon sagte, er sei entsetzt über die eiskalte militärische Eskalation. Der systematische Einsatz derartiger Waffen in dicht besiedelten Gebieten komme einem Kriegsverbrechen gleich.

Dabei geht es nicht nur um die Bunkerbrecher. Die britische Zeitung "Sunday Times" berichtete auch über weitere tödliche Waffen, die von dem Regime in Aleppo eingesetzt werden. Ein Überblick:

  • Bunkerbrechende Bomben: Nach Angaben von Mistura gibt es Bilder aus Aleppo, die bis zu fünf Meter tiefe Krater zeigen. Dort sollen sogenannte Bunkerbrecher explodiert sein. Sie dringen weiter in den Boden ein als die vorher eingesetzten Bomben und explodieren erst, nachdem sie sich schon tiefer eingegraben haben. Anwohner berichten von kleineren Erdbeben in Aleppo in den vergangenen Nächten, die auch auf Einschläge der Bunkerbrecher schließen lassen. Das russische Militär hat sich schon im Oktober vergangenen Jahres gerühmt, über Präzisionsbomben vom Typ Betab-500 zu verfügen, die in Syrien gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) eingesetzt werden sollten. Damit könne jede unterirdische Infrastruktur zerstört werden, heißt es in einem "RT"-Bericht.
  • Brandbomben: Den Vereinten Nationen liegen zudem Berichte, Videos und Bilder vor, die den Einsatz von Brandbomben belegen sollen. Die würden so gewaltige Feuerbälle erzeugen, "dass sie die pechschwarze Dunkelheit in Ost-Aleppo erleuchten, als ob es Tag wäre", schreibt de Mistura in seinem Bericht. Die Bomben enthalten in der Regel brennbare Mittel, die sich beim Aufschlag verteilen und größere Flächen in Brand stecken, wie etwa Phosphor oder Thermit. Die Phosphorbombe enthält zusätzlich Kautschuk. Der Stoff lässt das Brandmittel noch stärker haften. Wenn ein Opfer versucht, die Flammen auszuschlagen, verteilt es das Brandmittel noch weiter auf dem Körper. Die syrische Luftwaffe soll Brandbomben auch schon in Daraja und Homs abgeworfen haben. Dabei seien auch Kampfstoffe eingesetzt worden, die Napalm ähneln. Im Gegensatz zu chemischen Waffen sind Brandbomben nicht komplett geächtet. Eine internationale Vereinbarung verbietet aber den Einsatz in Gebieten, in denen viele Zivilisten wohnen.
  • TOS-1A: Die "Sunday Times" schreibt, dass zudem Raketenwerfer des Typs TOS-1A in Aleppo eingesetzt wurden. Davon haben demnach oppositionelle Gruppen berichtet. Die Raketenwerfer feuern Geschosse ab, die beim Aufprall zu riesigen Feuerbällen werden und eine enorme Druckwelle auslösen. Dadurch werden ebenfalls Tunnel- und Grabensysteme zerstört. Die Feuerbälle sollen Menschen im Umkreis von mehreren Hundert Metern töten können.
  • Fassbomben: Medienberichten zufolge werden auch Fassbomben in Aleppo eingesetzt - auf diese Waffe greift das Regime schon seit einigen Jahren bei seinen Attacken zurück. Dabei handelt es sich um Ölfässer - Schläuche können auch verwendet werden -, die mit Sprengstoff und Granatensplittern gefüllt sind und über dem Angriffsziel abgeworfen werden. Sie sind nicht zwingend effektiver als normale Bomben. Sie sind allerdings relativ günstig herzustellen und können auch mit chemischen Stoffen gefüllt werden. Erst Anfang September mussten Dutzende Menschen in Aleppo nach einem Fassbombenangriff mit Atemproblemen behandelt werden. Regierungstruppen sollen dort Chlorgas abgeworfen haben.

Die syrische Armee gibt an, nur Rebellen ins Visier zu nehmen und keine zivilen Ziele. Es würden Präzisionswaffen eingesetzt, um Tunnel, Bunker und Kommandozentralen zu zerstören. Doch gleichzeitig harren mindestens 250.000 Menschen im belagerten Ostteil der Stadt trotz widrigster Lebensumstände aus, unter den Eingeschlossenen sind mindestens 100.000 Kinder. Insgesamt sollen zwei Millionen Menschen von der Trinkwasserversorgung abgeschnitten sein.

Nicht nur die Rebellengruppen gehen davon aus, dass die jüngsten Angriffe des Regimes eine Bodenoffensive in Aleppo vorbereiten sollen. Auch das syrische Militär spricht davon. Die Nachrichtenagenturen Reuters und Associated Press zitieren eine Stimme aus Armeekreisen, wonach der Luftangriff ein umfassender sei, der eine Bodenoffensive einschließe und einige Zeit andauern werde.

SPIEGEL TV Magazin

Mitarbeit: Abeer Ayyoub

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