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Geheime Anlage: "Nordkorea hat am syrischen Atomwaffenprogramm mitgewirkt" 

Ein Interview von Erich Follath

Präsident Assad: Geheimprojekt "Zamzam" Zur Großansicht
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Präsident Assad: Geheimprojekt "Zamzam"

Syriens Diktator baut nach SPIEGEL-Informationen eine geheime Atomanlage. Der frühere Chef der IAEA-Waffenkontrolleure beschreibt im Interview die Tricks, mit denen Syrien schon einmal eine solche Anlage geheim halten wollte.

Zur Person
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    Olli Heinonen, 69, ist finnischer Staatsbürger und hat in Helsinki als Radiochemiker promoviert. Er arbeitete über ein Vierteljahrhundert für die IAEA und hat heute einen Lehrauftrag an der amerikanischen Eliteuniversität Harvard. Heinonen gilt als weltweit führender Experte für Atomwissenschaft und Proliferation.
SPIEGEL: Doktor Heinonen, zu welchem Schluss kommen Sie als Experte, wenn Sie sich die neuen Satellitenaufnahmen von Kusair anschauen und für uns auswerten?

Heinonen: Die getarnten Eingänge zu der unterirdischen Anlage, das Gebäude, der Luftschacht - all das erinnert mich stark an etwas, an ein Layout, mit dem wir uns oft beschäftigt haben. Es erinnert mich an Fordo, die iranische Urananreicherungsanlage bei Ghom...

SPIEGEL: ...ein Geheimprojekt, das ebenso wenig bei der IAEA angemeldet war wie jetzt das syrische. Aber Iran hat die Existenz von Fordo längst zugegeben, die Anlage wird durch die internationalen Kontrolleure der IAEA überwacht. Von der syrischen Einrichtung wusste die Welt bisher nichts. Die wenigen Waffenexperten, denen das Projekt überhaupt aufgefallen war, vermuteten da bisher allenfalls ein Lager für Scud-Raketen. Könnte da auch ein Reaktor verborgen sein?

Heinonen: Ein Reaktor braucht sehr viel Wasser zur Kühlung, deshalb glaube ich das eher nicht.

SPIEGEL: Bei der Anlage von Kusair gibt es einen tief gegrabenen Brunnen. Und vermutlich eine Verbindung zu dem vier Kilometer entfernten Seita-See.

Fotostrecke

6  Bilder
Satellitenfotos: Geheimanlage in Syrien
Heinonen : Man müsste dafür ziemlich dicke Verbindungsrohre haben, eine Pipeline vom See, einen Untergrundtank. Ich gehe eher von einer Anreicherungsanlage aus. Allerdings muss ich sagen, dass ich mich bei allen Verdachtsmomenten nicht allein aufgrund eines Satellitenbilds darauf festlegen kann, dass es sich um eine Nuklear-Einrichtung handelt.

SPIEGEL: Die Analysen der Geheimdienstexperten basieren nach unseren Recherchen nicht nur auf den Bildern. Sondern vor allem auf mitgeschnittenen Telefongesprächen, die den Chef der syrischen Atombehörde mit dem Projekt, Codename "Zamzam", in direkte Verbindung bringen.

Heinonen : Gut, das ist Ihre Erkenntnis, davon weiß ich nichts. Ich habe aber meine eigenen Erfahrungen mit dem syrischen Regime und seinen nuklearen Plänen.

SPIEGEL: Sie führten 2008 einen Expertentrupp der IAEA nach Syrien, um nach einem verbotenen Atomprojekt zu forschen. Es war die letzte IAEA-Mission, die ins Land durfte. Wie kam es dazu?

Heinonen : Als die Israelis im September 2007 mit ihrer Luftwaffe in den syrischen Luftraum eindrangen und eine Fabrik namens Kibar bei Deir al-Sor bombardierten, gab es bald Gerüchte, es hätte sich um eine Nuklearanlage gehandelt. Wir baten Präsident Baschar al-Assad dringend darum, dort eine Inspektion durchführen zu können.

"Man hatte offensichtlich aufgeräumt"

SPIEGEL: Syrien ist als Unterzeichnerstaat des Atomwaffensperrvertrags, anders als etwa Israel oder Pakistan, doch dazu verpflichtet.

Heinonen : Richtig, aber wir wurden trotzdem hingehalten. Schließlich hat man uns, viele Monate nach der Bombardierung, die Inspektion genehmigt. Vor Ort hatte man offensichtlich aufgeräumt. Wir fanden trotzdem noch Uranpartikel.

SPIEGEL: Bei allen Verdachtsmomenten fehle der letzte Beweis für einen verbotenen Reaktor, heißt es im IAEA-Bericht dazu. Erst 2011 rang sich die IAEA zu der Schlussfolgerung durch, dass es sich mit "hoher Wahrscheinlichkeit" um einen Reaktor gehandelt habe - nachdem der SPIEGEL die Vorgänge bei Deir al-Zor rekonstruiert hatte. War das der Übervorsicht geschuldet, hatte es politische Gründe?

Heinonen : Die Syrer versuchten mit allen möglichen Tricks, die Existenz der Uranpartikel zu erklären. Mal kamen sie über die iranische Grenze geschwirrt, mal hatten sie die Israelis hinterlassen. Wir mussten dem natürlich akribisch nachgehen. Ich habe das getan. Aber ich war bald davon überzeugt, dass die Syrer blufften: Kibar war ein Atomreaktor.

SPIEGEL: Sie hatten den Verdacht, dass es im Land noch andere verborgene Nuklearanlagen geben könnte?

Heinonen : Wir wollten dringend drei weitere verdächtige Orte untersuchen, die mit dem Reaktor in Verbindung zu stehen schienen. Vor allem die Anlage Mardsch al-Sultan bei Damaskus, wo es Hinweise auf ein syrisches Pilotprojekt zur Urananreicherung gab. Wir erhielten keine Genehmigung mehr, ein klarer Vertragsbruch.

"Jetzt ist Assad am Zug"

SPIEGEL: Die IAEA hat eine solche Inspektionsreise auch nach Ihrem Ausscheiden als Vize-Direktor und Chef der "Atomwachhunde" immer wieder gefordert, zuletzt noch im Herbst 2014 - ohne Erfolg. Die Vermutung drängt sich auf, dass Assad etwas zu verbergen hat.

Heinonen : Ja. Ich bin mir auch sicher, dass Nordkorea am syrischen Atomwaffenprogramm mitgewirkt hat. Dafür gibt es viele technische Gründe, Kibar wies beispielsweise verblüffende Ähnlichkeiten mit der Anlage Yongbyon auf. Übrigens habe ich in Nordkorea den führenden Atomfachmann Chou Ji Bu getroffen, den Sie in Ihrem Bericht erwähnen, mehrfach sogar.

SPIEGEL: Sie kennen den mysteriösen Mann, der Kibar entscheidend mitgebaut haben soll und jetzt verdächtigt wird, Syriens Bombenpläne voranzutreiben?

Heinonen : Ich habe ihn bei Überwachungsreisen der IAEA in seiner Heimat getroffen. Er ist ein hervorragender Metallurgie-Experte, wir verstanden uns gut. Und dann passierte etwas Merkwürdiges: Er verschwand von der Bildfläche. 2007 haben die Nordkoreaner den damaligen IAEA-Chef Mohamed ElBaradei und mich in Pjöngjang zu einem Essen mit all ihren Experten eingeladen. Nur Chou fehlte. Er sei erkrankt, hieß es. Anschließend teilte man mir mit, er hätte einen besonders wichtigen Auftrag übernommen. Dann wurde aus Geheimdienstquellen ein Foto veröffentlicht, das ihn an der Seite des syrischen Atomchefs zeigte. Seither ist Chou nie mehr aufgetaucht.

SPIEGEL: Und wahrscheinlich in Damaskus geblieben. Lassen Sie uns zur neuen verdächtigen Anlage "Zamzam" zurückkommen - halten Sie es für plausibel, dass Syrien in einer Geheimanlage 8000 Brennstäbe verborgen hält, wie der SPIEGEL schreibt?

Heinonen : Das ist exakt die Menge, die eine Anlage wie Kibar gebraucht hätte. Da die Einrichtung im Jahr 2007 vor der Inbetriebnahme stand, muss es den Brennstoff schon gegeben haben. Wo sie ihn hergestellt haben, ob in Nordkorea oder - wahrscheinlicher - irgendwo in Syrien, wo er verblieben ist, all das wüsste ich gerne.

SPIEGEL: Was würden Sie Assad raten?

Heinonen : Er ist jetzt am Zug. Es gibt nur eine Möglichkeit für ihn, den Verdacht aus der Welt zu schaffen: Assad muss eine unabhängige internationale Expertenkommission der IAEA nach Mardsch al-Sultan und nach Kusair lassen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Sorgen
weltfrieden 12.01.2015
muss man sich wohl nicht machen, werden doch die USA einem solchen Treiben nicht so lange zusehen, dass es gefährlich werden kann. Assad zeigt damit aber wieder einmal, was er vor hat. Damit gehört er endgültig auf die schwarze Liste.
2.
AbuHaifa 12.01.2015
Für mich sagt der Mann eindeutig: Syrien hat keine Atomanlage. Früher mal, heute nicht.
3. Das
VacekKacek 12.01.2015
wird auch Zeit, dass die arabischen Staaten auch einmal den Finger an den Zünder bekommen. Dann können sie es endlich einmal richtig krachen lassen. Dann wirds ein demnächst lustiges Sylvester mit Israel. Und Kimi ist doch clever, endlich hat Nordkorea auch einmal ein Exportschlager. Und das beste ist, die USA kann nichts dagegen machen. Denn Kimmi ist A-versichert.
4. Die USA scheinen dem Drängen der Türkei
recepcik 12.01.2015
Nachzugeben und versuchen einen bevorstehen Abgriff auf Syrien zu untermauern. Dieses Treiben wird nur den Terroristen nutzen. Niemand wird uns weismachen dass Syrien, dass seit drei Jahren gegen die Dschihadisten aus aller Welt kämpft ein Atomprogramm auf die Beine stellt.
5.
AbuHaifa 12.01.2015
Zitat von recepcikNachzugeben und versuchen einen bevorstehen Abgriff auf Syrien zu untermauern. Dieses Treiben wird nur den Terroristen nutzen. Niemand wird uns weismachen dass Syrien, dass seit drei Jahren gegen die Dschihadisten aus aller Welt kämpft ein Atomprogramm auf die Beine stellt.
Zumal in Qusair, das bis zum Juni 2013 in der Hand der Rebellen war und wo nach der Eroberung durch die syrische Armee kein Stein mehr auf dem anderen steht. Auch Homs war lange in der Hand der Islamisten. Das heißt also, das angebliche Atomprogramm bestünde erst seit anderthalb Jahren. Oder hat die syrische Armee diese kleine Enklave die ganze Zeit verteidigt? Außerdem läge die Anlage in einer Gegend, die alles andere als sicher ist, denn Arsal im Libanon, das nur unweit von Kusair liegt, ist, so haben es deutsche Medien berichtet, eine Hochburg der Nusra-Front. Assad hat sich in der Vergangenheit strategisch sehr klug angestellt, warum sollte er also eine Atomanlage bauen, von der er nicht sicher kann, dass er sie in naher Zukunft auch verteidigen können wird. Und atomares Material in der Hand von Islamisten wäre wohl der größte GAU, der dem Regime in Damaskus passieren könnte. Mein Fazit: Offenbar hat der Spiegel es immer noch nicht aufgeben, Assad zum Abschuss freizugeben.
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Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Imad Khamis

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