C-Waffen in Syrien Assad-Regime liefert selbst Beweis für Sarin-Attacke

Die Ermittler sind sicher: Beim Angriff auf die syrische Stadt Chan Scheichun im April wurde Sarin als Chemiewaffe eingesetzt. Ein Beleg dafür kam ausgerechnet aus Damaskus.

Krater in Chan Scheichun
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Krater in Chan Scheichun

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Drei Monate sind seit dem mutmaßlichen C-Waffenangriff auf die syrische Kleinstadt Chan Scheichun vergangen. Nun hat eine unabhängige Untersuchungskommission der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) einen 78-seitigen Bericht zu dem Vorfall vom 4. April vorgelegt.

Die wichtigste Erkenntnis: Am 4. April wurde Sarin oder eine Sarin-ähnliche Substanz in Chan Scheichun eingesetzt. Ausgangspunkt war jener Ort am nördlichen Stadtrand, an dem sich jetzt ein Krater in einer Straße befindet. Das geht aus Bodenproben des Kraters hervor, die von OPCW-Inspektoren ausgewertet wurden.

Die Ermittler haben nicht nur Proben überprüft, die von den in Chan Scheichun herrschenden Aufständischen gesammelt wurden. Sie untersuchten auch Proben aus dem Ort, die von der syrischen Regierung übergeben wurden. Offenbar hatte ein Kollaborateur des Regimes das Material gesammelt und aus dem Ort geschafft. Das syrische Regime hatte die Proben vor der Übergabe an die OPCW selbst in einem Labor untersuchen lassen und diese Ergebnisse der OPCW weitergeleitet.

Auch die Experten des syrischen Regimes fanden in dem untersuchten Material Sarin-Rückstände. Damit ist ausgeschlossen, dass die OPCW-Ermittler die Proben manipulierten. Entsprechende Vorwürfe von Assad-Anhängern kursieren immer wieder im Netz.

Eingeschränktes Mandat für die OPCW-Ermittler

Weil sich das Gift vom Explosionskrater aus in der Umgebung verbreitete, kommen die OPCW-Ermittler zu dem Schluss, dass das Sarin gezielt als Waffe eingesetzt wurde. Das ist ein Kriegsverbrechen.

Die Inspektoren haben lediglich das Mandat, herauszufinden, ob Giftgas in Syrien eingesetzt wird - nicht aber von wem. Moskau hatte eine Uno-Resolution blockiert, die es der OPCW erlaubt hätte, die Verantwortlichen zu ermitteln und zu benennen.

Doch der Bericht liefert weitere Belege dafür, dass die offizielle Darstellung der syrischen und russischen Regierung nicht stimmt. Und der Report widerlegt auch die Theorie des US-Journalisten Seymour Hersh, der jüngst in der "Welt" behauptet hatte, die syrische Luftwaffe habe am 4. April ein Gebäude in Chan Scheichun bombardiert, in dem Waffen und Chemikalien gelagert wurden. (Lesen Sie hier unsere ausführliche Rekonstruktion zum Giftgasangriff, die am 12. April veröffentlicht wurde)

Die Regierungen in Moskau und Damaskus behaupten bislang, an jenem Dienstag habe die syrische Luftwaffe zwischen 11.30 und 12 Uhr ein Waffenlager von Terroristen in Chan Scheichun bombardiert. In Folge dieses Angriffs seien Chemikalien freigesetzt worden, die den Tod von mehreren Menschen verursachten.

Der genannte Zeitpunkt ist bereits als Lüge entlarvt: Um 6.30 Uhr Ortszeit meldeten Augenzeugen aus der Stadt Luftangriffe. Um 7.59 Uhr veröffentlichte der lokale Reporter Mohammed Sallum al-Abd auf YouTube ein Video, das die Attacke zeigt. Anhand des Sonnenstandes zeigt sich, dass das Video kurz nach Sonnenaufgang aufgenommen worden sein muss. An jenem Dienstag ging die Sonne in Chan Scheichun etwa um 6.15 Uhr auf.

Die genauen Koordinaten des angeblich bombardierten Gebäudes haben bisher weder der Kreml noch das Assad-Regime veröffentlicht. Das russische Verteidigungsministerium sprach lediglich davon, dass sich das Ziel am östlichen Stadtrand von Chan Scheichun befunden habe. Satellitenbilder aus den Tagen nach dem Angriff zeigen kein zerstörtes Gebäude im Ort, auf das die Beschreibung der Syrer und Russen passt.

OPCW widerlegt Seymour Hersh

Gleiches gilt für die Theorie von Hersh, der behauptet, eine syrische 500-Pfund-Bombe habe gegen 6.55 Uhr ein zweistöckiges Betonziegelgebäude im Norden von Chan Scheichun getroffen. Dabei seien dann Chemikalien wie Chlor freigesetzt worden, nicht aber Sarin. Zwar gibt es in der Umgebung des Kraters mehrere kaputte Häuser, doch Satellitenbilder belegen, dass diese lange vor dem 4. April zerstört worden waren.

Hersh behauptet zudem unter Berufung auf einen früheren Mitarbeiter des US-Verteidigungsministeriums und der CIA, dass eine russische Drohne dieses Gebäude tagelang beobachtet hätte. Unklar ist, warum der Kreml - sollte Hershs Behauptung stimmen - diese Drohnenbilder nicht veröffentlicht, um die Darstellung der OPCW, der US-Regierung sowie der französischen und deutschen Auslandsgeheimdienste öffentlich infrage zu stellen.

Stattdessen ist nun - nicht zuletzt mit Beweismaterial, das vom syrischen Regime übergeben wurde - klar, dass am Morgen des 4. April mit Sarin gefüllte Munition in einer Straße am Nordrand von Chan Scheichun einschlug. Der OPCW-Bericht bestätigt damit die Darstellung von Augenzeugen kurz nach dem Vorfall. Dagegen ist die von Damaskus und Moskau verbreitete Version nicht länger haltbar.

Aufschlussreich ist die Auflistung der Stoffe, die neben Sarin in den untersuchten Proben aus Chan Scheichun gefunden wurde: Diisopropylmethylphosphonat (DIMP), das bei der Synthese der beiden Sarin-Ausgangsstoffe Methylphosphonsäuredifluorid und Isopropanol entsteht, sowie Hexamin. Eine ungewöhnlich hohe Konzentration dieser Chemikalie war bereits in den Proben vom Giftgasangriff auf Vororte von Damaskus 2013 sowie später in den Ausschreibungsdetails zur Vernichtung der syrischen Chemiewaffenbestände aufgetaucht.

Signatur syrischen Sarins

Laut Aussage von Ake Sellström, dem schwedischen Leiter des Uno-Untersuchungsteams, das 2013 den Einsatz von Chemiewaffen in Syrien prüfte, benutzte das syrische Militär Hexamin als Korrosionsschutz. Es gilt gewissermaßen als eine chemische Signatur syrischen Sarins.

Der Fund dieser Stoffe widerlegt auch Hershs Theorie, dass die Giftwolke durch die Freisetzung von Düngemitteln, Desinfektionsmitteln und anderen Chemikalien beim Luftangriff auf ein Gebäude freigesetzt wurde.

Nach dem Vorfall Anfang April hatten syrische und russische Regierung auf eine unabhängige Untersuchung gedrängt. Nun, da die Ergebnisse der unabhängigen Ermittler nicht nach Wunsch ausfallen, versuchen beide Staaten, die OPCW zu diskreditieren.

Tatsächlich bleiben auch nach Veröffentlichung des OPCW-Berichts wichtige Punkte ungeklärt: Da nach der Auswertung von Blutproben der Opfer, Bodenproben vom Tatort und Zeugenbefragungen unstrittig ist, dass Sarin oder eine Sarin-ähnliche Substanz eingesetzt wurde, verzichtete die OPCW darauf, eigene Ermittler nach Chan Scheichun zu entsenden. Schließlich ist der Auftrag der Ermittler damit erfüllt. Wer das Gift eingesetzt hat, sollen sie nicht herausfinden.

Es obliegt nun einem zweiten Gremium, dem sogenannten Gemeinsamen Untersuchungsmechanismus (Joint Investigative Mechanism), die Verantwortlichen für den Angriff zu benennen. Dessen Mitglieder - Experten von OPCW und Vereinten Nationen - sollen unter anderem die Militärbasis Schairat besuchen, von der aus der Angriff auf Chan Scheichun geflogen wurde. Von diesem Gremium sind auch Aussagen zu der eingesetzten Munition zu erwarten. Mit einem Bericht ist jedoch nicht vor November zu rechnen.

Viel Zeit für Assad und seine Verbündeten, im Syrienkrieg Fakten zu schaffen.

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