Opposition zeigt Fotos toter Häftlinge Blick in Assads Folterkerker

Das Regime von Syriens Diktator Assad hat Zehntausende ermordet. Leichen werden für die Akten abgelichtet und dann vergraben. Ein desertierter Fotograf hat seine Aufnahmen bei Facebook veröffentlicht - für die Hinterbliebenen.

Galgen in einem Gefängnis in Damaskus (Archivbild): Tausende sterben in Haft
Getty Images

Galgen in einem Gefängnis in Damaskus (Archivbild): Tausende sterben in Haft


Es kann sehr schnell gehen, in Syriens Folterkerkern zu landen. Salaheddin al-Tabbaa, einen 22-jährigen Zahnmedizinstudenten aus Damaskus, traf es an der Passkontrolle. Am 5. September 2014 wollte der junge Mann wie so oft nach Beirut fahren. Der syrische Grenzposten nahm Tabbas Ausweis entgegen und gab seinen Namen in den Computer ein.

"Gesucht", leuchtete es auf dem Bildschirm auf. Gesucht vom syrischen Militärgeheimdienst Abteilung 227 - einem der unzähligen Spitzeldienste des Landes. Tabbaa wurde festgenommen. Seitdem fehlt jede Spur von ihm, keine Anklage wurde erhoben. Eltern und Freunde wissen nicht einmal, ob er noch lebt.

So wie Salaheddin al-Tabbaa ist es seit Beginn des Konflikts mehr als 200.000 Syrern ergangen: Ihre Spur verlor sich in den Gefängnissen und Folterzellen des Landes. Unter ihnen sind Menschenrechtler, Journalisten und Mediziner. Mit der Kampagne "Free Syria's Silenced Voices" setzen sich "Internationale Menschenrechtsorganisationen gemeinsam für ihre Freilassung ein.

Ein letztes Foto der Leiche

Syrien war unter der Herrschaft der Assad-Familie schon immer für seine Folter berüchtigt. Neu ist allerdings, wie systematisch und in welchem Umfang sie seit Ausbruch des Konflikts zum Einsatz kommt. Von Ermordungen in "industriellem Ausmaß" sprechen unter anderem die Ermittler des US-Außenministeriums. Zusammen mit dem FBI haben sie Fotos und Akten zu Tötungen in Syrien ausgewertet.

Seit 2011 wurden Zehntausende zu Tode gefoltert. Penibel bürokratisch nehmen danach syrische Militärfotografen ein Porträt von jedem Toten auf - für die Akten. Danach werden die Leichen in Massengräbern entsorgt.

Die Angehörigen bekommen die Leichname grundsätzlich nicht übergeben. Manchmal erhalten sie einen Umschlag mit den Habseligkeiten, die der Tote bei sich hatte - ein Handy, einen Ehering. Meist jedoch erfahren die Hinterbliebenen nichts über das Schicksal ihrer Lieben.

Deshalb hat sich Syriens Opposition in dieser Woche entschieden, auf Facebook die Fotos eines desertierten syrischen Militärfotografen zu veröffentlichen. Porträts von Leichen (ACHTUNG: In diesem Facebook-Post werden äußerst verstörende Aufnahmen gezeigt, d. Red.), damit die Angehörigen zumindest Gewissheit haben.

Zeuge in blauer Kapuze: Fotograf "Caesar" bei einer Aussage in Washington
REUTERS

Zeuge in blauer Kapuze: Fotograf "Caesar" bei einer Aussage in Washington

"Caesar" schmuggelte die Bilder aus dem Land

Der Mann, bekannt nur unter dem Codenamen "Caesar", war 2013 aus dem Land geflohen. Auf digitalen Datenträgern hatte er eine große Menge an Fotos mitnehmen können - und sie später den US-Behörden übergeben. Die meisten der Aufnahmen sollen über zwei Jahre im Krankenhaus 601 in Damaskus entstanden sein. Dorthin wurden viele der Opfer aus den Gefängnissen gebracht. Die Echtheit der Fotos haben internationale Experten bestätigt.

Besonders häufig trifft es in Syrien Menschen wie Tabbaa: jung und engagiert. In seiner Freizeit half der Student beim Syrischen Roten Kreuz. Er lieferte Lebensmittel an Menschen, deren Zuhause im Krieg zerbombt worden war. Die erschütternden Fotos bei Facebook, es sind bereits mehr als tausend und werden ständig mehr, zeigen viele junge Menschen wie ihn.

Ob sich Salaheddin al-Tabbaa selbst unter den abgelichteten Toten befindet, ist bisher nicht bekannt.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 43 Beiträge
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alfredjosef 07.03.2015
1. Assad nicht gut für Syrien
Ein weiterer Hinweis darauf, dass Assad niemals der Regierungschef eines geeinten, friedlichen, freien Syriens sein kann. Solange er und seine Verbrecherbande auch nur einen Rest des Landes regiert, wird der Aufstand nicht enden. Wer Frieden und Gutes für die Menschen dort will, kann und darf nicht auf Assad setzen. aj
mr.brand 07.03.2015
2. wenn das stimmt...
...ist dies eines der schwehrwiegensten, übelsten Verbrechen der Neuzeit...das Problem ist (und das ist u.A. die Tragik an der Sache), dass man nicht mehr unterscheiden kann ob diese Vorwürfe stimmen oder nicht, da alle (politisch) Beteiligten Parteien nicht gerade durch Ehrlichkeit aufgefallen sind - egal ob Assad oder die syrische Opposition bzw. die Amerikanischen Autoritäten. Solange die Menschen in den jeweiligen Regionen bereit sind ihre Mitmenschen aus ideologischen/religiösen Gründen umzubringen bzw. die Machthaber dieser Welt lediglich Ihre eigenen Geopolitischen Interessen verfolgen wird sich bezüglich solcher Grausamkeiten nie etwas ändern...ob diese Meldung nun stimmt oder nicht ist eigentlich irrelevant - nicht weil es so schrecklich ist, sondern weil Macht nach bestimmten Parametern funktioniert und individuell korrumpiert (siehe Putin/Obama,etc.). Das größte Problem bei der Sache ist, dass man fast keiner Quelle 100% glauben kann, weil man die Interessen der Involvierten nicht 100% durchschauen kann (oder aus individueller Erfahrung/Erziehung heraus entsprechend einschätzt). Das ist ein (wahrscheinlich)nicht zu lösendes Problem mit dem wir uns wohl oder Übel arrangieren müssen...bis wir den Planeten komplett ruiniert haben ...Last Chance to leave this Planet before it gets recycled!
ali.wie.brecht 07.03.2015
3. Die schrecklichen Bürokraten
sind doch bis Ende der 80er von einem deutschen Staat geschult worden. Vielleicht kommen einem diese schrecklichen Bilder deshalb so vertraut vor.
arrache-coeur 07.03.2015
4.
Dieser Artikel ist eine Wiederveröffentlichung...
ratxi 07.03.2015
5. Wie immer...
Da kann einem wirklich nur schlecht werden. Offiziell heisst es bestimmt wieder, die Fotos sind von ausländischen Geheimdiensten. Wie immer in solchen und ähnlichen Fällen...
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