Politik

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Trumps Beziehungen mit der Türkei

Verhältnismäßig gestört

US-Präsident Trump droht, die Türkei wirtschaftlich "zu zerstören" - sollte sie die Kurdenmiliz YPG angreifen. Sein Gepolter über Social-Media-Kanäle macht eine friedliche Lösung des Konflikts noch unwahrscheinlicher.

Von , Istanbul

REUTERS

Donald Trump

Montag, 14.01.2019   16:26 Uhr

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Es braucht Jahre, oft Jahrzehnte, um in der internationalen Politik Beziehungen aufzubauen. Um sie zu zerstören oder zumindest zu beschädigen, genügt manchmal ein einziger Tweet. Die Türkei werde "wirtschaftlich zerstört" werden, wenn sie die Kurden in Nordsyrien angreife, schrieb US-Präsident Donald Trump am Sonntagabend auf Twitter.

Es war eine Drohung, wie sie zwischen Nato-Partnern so selten vorgekommen ist. Die Reaktion aus der Türkei folgte prompt: "Du kannst nichts erreichen, indem du der Türkei wirtschaftlich drohst. Wir werden uns keiner Drohung beugen", sagte der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu am Montag.

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Das Verhältnis zwischen Ankara und Washington ist seit Monaten schwer belastet:

Türkei betrachtet die YPG als PKK-Ableger

Der Konflikt über den Umgang mit der kurdischen Miliz YPG könnte nun zu einem endgültigen Bruch zwischen den beiden Nato-Partnern führen. Die USA kämpfen in Syrien gemeinsam mit der YPG erfolgreich gegen die Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS). Die Türkei hingegen betrachtet die YPG als Ableger der Guerillaorganisation PKK, die von der EU wie von den USA als Terrororganisation eingestuft wird. Erdogan-Sprecher Ibrahim Kalin behauptete am Montag, es gebe keinen Unterschied zwischen dem IS, der PKK und der YPG.

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Als Trump im Dezember nach einem Telefonat mit Erdogan überraschend ankündigte, amerikanische Truppen aus Syrien abzuziehen, schien der Streit kurzfristig beigelegt. Nun eskaliert er von Neuem. US-Außenminister Mike Pompeo bekräftigte bereits Anfang Januar, man werde nicht zulassen, dass die Türkei "Kurden abschlachte", was in Ankara für Empörung sorgte. Erdogan ließ US-Sicherheitsberater John Bolton bei dessen Besuch in der türkischen Hauptstadt vergangene Woche auflaufen.

Das türkische Militär ist vor einem Jahr in die syrische Stadt Afrin einmarschiert, um die YPG aus dem Grenzgebiet zu vertreiben. Nun würde Erdogan den Einsatz gerne auf den Nordosten des Landes ausdehnen. Die türkische Regierung verlegte am Wochenende weitere Soldaten und Panzer an die Grenze zu Syrien. "Wir werden tun, was immer nötig ist, um die Terroristen zu töten", sagte Erdogan.

Friedliche Lösung immer unwahrscheinlicher

Die US-Regierung ist trotzdem nach wie vor überzeugt, einen Kompromiss mit der Türkei zu finden. Trump kündigte am Sonntag in seinem Tweet an, eine 32 Kilometer lange "Sicherheitszone" zwischen der Türkei und Syrien schaffen zu wollen. Was genau er damit meint, führte der US-Präsident jedoch nicht näher aus.

Da sich die meisten kurdischen Städte wie Kobane oder Kamischli in unmittelbarer Nähe zur Grenze zur Türkei befinden, wäre es für Erdogan durchaus ein Erfolg, würde sich die YPG aus dem Gebiet zurückziehen. Es ist trotzdem unklar, ob er einen Militäreinsatz abbläst - jetzt, da US-Soldaten ohnehin bald Syrien verlassen.

Fraglich bleibt zudem, ob sich das Regime von Syriens Diktator Baschar al-Assad und dessen Unterstützer, Russland und Iran, auf einen solchen Deal einlassen würden. Durch Trumps Tweet ist eine friedliche Lösung des Konflikts in Nordsyrien ein weiteres Stück unwahrscheinlicher geworden.

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