Terrorvideo aus Syrien "Jeder Bruder soll Dschihad machen"

Es sind verstörende Bilder: Zum ersten Mal meldet sich ein syrischer Widerstandskämpfer mit einem Video in deutscher Sprache zu Wort. Darin ruft Hajan M., der lange Zeit in Kassel gelebt hat, Radikale zum Heiligen Krieg auf. Die Behörden sind alarmiert.

Von , Düsseldorf


Der Mann mit dem schwarzen Vollbart sitzt im Rollstuhl. Er ist schwerverwundet, sein rechtes Bein musste amputiert werden, doch die Kameraden haben ihn an die Front geschoben. Jetzt trägt er eine Flecktarnjacke, hockt hinter einem Wall aus Sandsäcken und feuert, was das russische Maschinengewehr hergibt.

Der Mann heißt Hajan M., ist 38 Jahre alt und hat lange Jahre in Kassel gelebt. Inzwischen kämpft er auf der Seite der Aufständischen in Syrien und ruft in mehreren verstörenden Videos aus dem Krisengebiet erstmals auf Deutsch andere Radikale dazu auf, in den Dschihad zu ziehen. Die Streifen, die im Netz kursieren und die der Norddeutsche Rundfunk am Dienstagabend in Teilen ausstrahlen wird, werfen ein Schlaglicht auf die deutschen Extremisten im Nahen Osten.

Nach Erkenntnissen der Behörden haben sich inzwischen zahlreiche Salafisten aufgemacht, um das Regime von Baschar al-Assad gewaltsam zu stürzen, darunter sollen weite Teile der hierzulande verbotenen Gruppe Millatu Ibrahim sein. Die Dienste gehen davon aus, dass sich etwa ein Dutzend sogenannter Grenzgänger zwischen der Türkei und Syrien bewegen, um immer wieder in den Bürgerkrieg einzugreifen. Das Einbehalten der Reisepässe, wie es deutsche Sicherheitsorgane regelmäßig bei Gefährdern mit internationalen Bezügen praktizieren, verfängt hier nicht. In die Türkei dürfen Deutsche mit dem Personalausweis einreisen.

Europäische Extremisten reisen nach Syrien

Wie laut "Frankfurter Allgemeiner Zeitung" aus einem vertraulichen Papier des EU-Anti-Terrorismus-Koordinators Gilles de Kerchove hervorgeht, fliegt derzeit eine "nennenswerte Zahl" europäischer Extremisten nach Syrien, um dort zu kämpfen. Es sei zu befürchten, dass die Zahl der Gotteskrieger sogar noch zunehmen könne. "Hunderte von gut ausgebildeten Dschihadisten könnten nach Europa zurückkehren und das Risiko für Terroranschläge erhöhen", zitiert die Zeitung aus dem Dokument.

Fotostrecke

6  Bilder
Hajan M.: Gotteskrieger aus Kassel
Einer von ihnen ist der Syrer Hajan M., der von 1999 bis 2006 in Kassel lebte und mit einer Deutschen verheiratet ist. Der "Zeit" zufolge ermittelte die Polizei in dieser Zeit wegen Gewalttaten gegen den zweifachen Familienvater, zu Verurteilungen scheint es jedoch nicht gekommen zu sein. Inzwischen soll er als Stadtteilkommandeur im syrischen Homs fungieren. Bei den Kämpfen wurde er an beiden Beinen verwundet, das rechte musste ihm daraufhin abgenommen werden.

Auf einem Sofa sitzend spricht M. auf Deutsch in die Kamera: "Jeder Bruder, der mich hört, soll Dschihad machen" - damit er sich nach seinem Tod vor Gott rechtfertigen könne. "Du kannst von Deutschland nach Syrien fliegen. Du kannst hierher kommen und Dschihad machen." An anderer Stelle hält M. seinen deutschen Führerschein und einen Mitgliedsausweis der AOK in die Kamera.

"Neue Qualität"

Deutsche Sicherheitskreise erkennen in dem ersten deutschsprachigen Film aus dem syrischen Kampfgebiet eine "neue Qualität" islamistischer Propaganda. Man nehme die Videos ernst und prüfe deren Hintergründe, hieß es. Die Beamten befürchten, dass die heroisierende Darstellung eines Glaubenskriegers andere Verirrte radikalisieren könne.

"Wir stellen eine stetig zunehmende Propaganda im Netz fest", sagte kürzlich der Leiter des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes, Burkhard Freier. Alle ein bis zwei Wochen veröffentlichten Propagandisten wie Mahmoud, Denis Cuspert oder die Chouka-Brüder neue Videos im Internet. So war im Dezember ein Film aufgetaucht, der dem Salafisten Murat K. huldigt. Der 26-Jährige hatte im vergangenen Mai in Bonn zwei Polizisten mit einem Messer schwer verletzt und war deshalb zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt worden.

Die Hetze hat nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden Folgen. Laut Freier verdoppelte sich die Zahl der Salafisten in Nordrhein-Westfalen (NRW) binnen eines Jahres auf tausend Männer, davon sollen ungefähr hundert gewaltbereit sein und auch vor Anschlägen nicht zurückschrecken. Diese Dschihadisten, so Freier, fielen im vergangenen Jahr mit einer erhöhten Reisetätigkeit auf. Viele seien in Nordafrika oder im Nahen Osten gewesen, um anschließend zurück nach NRW zu kommen. "Diese Rückkehrer schätzen wir als besonders gefährlich ein."

Aus einem vertraulichen Papier des Bundeskriminalamts geht hervor, dass die deutschen Sicherheitsbehörden von rund 900 Personen mit "islamistisch-terroristischem Potential" ausgehen. 250 dieser Männer haben demnach im Ausland eine paramilitärische Ausbildung absolviert. Daraus könnten "Einzelpersonen oder Kleinstgruppen" hervorgehen, "die sich - auch ohne Auftrag einer terroristischen Vereinigung - aus religiösen Gründen heraus zu gewalttätigen Vergeltungsaktionen verpflichtet sehen", notierten die Staatsschützer.


TV-Tipp: "Panorama 3", NDR Fernsehen, Dienstag um 21.15 Uhr

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.