Beirut - Das syrische Staatsfernsehen nennt keine Details, nur so viel: Über der Hauptstadt Damaskus ist ein Hubschrauber der Armee abgestürzt. Nach Berichten von Augenzeugen hatte der Helikopter den Stadtbezirk Dschubar beschossen. Dort sei es zu heftigen Gefechten zwischen Aufständischen und Truppen von Präsident Baschar al-Assad gekommen. Die Kämpfer der Freien Syrischen Armee aus dem benachbarten Viertel Kabun hätten den Helikopter abgeschossen. Auch Rebellengruppen meldeten, sie hätten den Hubschrauber abgeschossen. Ein Internetvideo zeigt einen Helikopter, der in Flalmmen aufgeht und dann abstürzt. Im Hintergrund ist zu hören, wie Aufständische "Gott ist der Größte" rufen. Die Angaben lassen sich von unabhängiger Seite nicht überprüfen.
Zuvor hatte die in London ansässige syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtet, dass es in dem Bezirk Dschubar heftige Kämpfe zwischen Rebellen und Regierungstruppen gegeben habe, die von Hubschraubern unterstützt würden. Unklar ist, mit welchen Waffen der Hubschrauber abgeschossen worden sein könnte.
Offenbar hat bereits zuvor ein Geschoss aus Richtung des Stadtviertels Kabun einen zentralen Platz in Damaskus getroffen. Anwohner berichten, dass auf dem Abassiyyin-Platz im Norden der Stadt, einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt, Samstagnacht ein Geschoss, mutmaßlich von einer Panzerfaust, einschlug und ein Auto zerstörte. Assad-treue Milizen errichteten daraufhin Checkpoints um den Platz. Das Geschoss wurde mutmaßlich von Rebellen abgefeuert, die sich in einem nahe gelegenen Wald zwischen Kabun und dem Vorort Rukn al-Din aufhalten.
Neue Details zu angeblichem Massaker in Daraja
Insgesamt sollen bei Kämpfen zwischen Revolutionsbrigaden und Regierungstruppen im Süden von Damaskus am Montagmorgen 20 Menschen getötet worden sein. Wie Aktivisten berichten, waren unter den Opfern auch fünf Kinder, die im südlichen Umland von Damaskus starben.
Nach Berichten von Bewohnern ist in der syrischen Hauptstadt die Lage extrem angespannt. An den Einfahrtsstraßen zur Stadt seien Militärcheckpoints errichtet und mehrere Straßen gesperrt worden, berichteten Bewohner SPIEGEL ONLINE. Zudem wurden innerhalb der Stadt Checkpoints aufgebaut.
Viele Bewohner vermeiden es inzwischen, auf die Straße zu gehen, vor allem abends. Zu groß ist die Angst, versehentlich in Kämpfe zwischen Rebellen und Assad-treuen Soldaten zu geraten - oder von einer Bombe der Rebellen getroffen zu werden. Der Krieg rückt immer näher heran, auch an die Reichen-Stadtviertel von Damaskus, die sich bisher noch der Illusion von Frieden hingeben konnten.
Tausende sind bereits aus der Hauptstadt geflohen. Ein libanesischer Grenzbeamter sagte am Montag, binnen weniger Stunden hätten mehr als 6000 Menschen die Grenze überquert. Die meisten Flüchtlinge stammten aus den südlichen Vororten von Damaskus.
Neue Details gibt es zu dem Massaker, das nach Rebellenangaben in dem Damaszener Vorort Daraja stattgefunden haben soll. Ein Mitarbeiter der "New York Times", der am Sonntag in Daraja war, berichtete, er habe mehrere Leichen übereinander in langen, dünnen Gräbern gesehen. Abu Ahmad, ein 40-jähriger Bewohner von Daraja, sagte der "New York Times": "Die Assad-Kräfte haben sie kaltblütig umgebracht. Ich habe Dutzende Tote gesehen. Sie wurden erschossen oder mit Messern erstochen, die sie an ihren Kalaschnikows angebracht hatten. Das Regime hat ganze Familien umgebracht, einen Vater, die Mutter und die Kinder."
"Es gibt keine Lösung"
Am Sonntag wurden die Opfer nach Angaben der Aktivisten in einem Massenbegräbnis beigesetzt. In einem Video war zu sehen, wie die Leichen mit einem Schlauch abgespritzt wurden - als Ersatz für die rituelle Totenwaschung, die der Islam vorschreibt. Ähnlich wie bei früheren Massakern in Syrien gaben die Staatsmedien "Terroristen" die Schuld an dem Blutbad. Das Staatsfernsehen zitierte Präsident Assad mit den Worten, seine Regierung werde weiterkämpfen, "koste es was es wolle". Erneut machte er ausländische Kräfte für den Aufstand verantwortlich.
Die in London ansässige Beobachtungsstelle für Menschenrechte teilte am Sonntag mit, mindestens 320 Leichen seien in den vergangenen Tagen in Daraja gefunden worden. Unter den Toten seien Frauen und Kinder. Die Menschen seien durch Gewehrschüsse und Gruppenexekution getötet worden. Die örtlichen Koordinierungskomitees, die den Widerstand im Land organisieren, berichteten sogar von mehr als 630 Toten und machten Regierungstruppen dafür verantwortlich. In Daraja seien außerdem 1755 Menschen festgenommen worden, hieß es. Damit sollte angedeutet werden, dass es noch Hunderte weitere Tote geben könnte. Die Informationen sind für SPIEGEL ONLINE nicht zu überprüfen.
Assad-Kräfte führen seit über einem Jahr immer wieder Razzien in Vororten von Damaskus durch, die als regimefeindlich gelten. In diesem Jahr wurden solche Vororte wiederholt abgeriegelt und bombardiert. Zuletzt berichteten Aktivisten in mehreren Fällen von Massakern. Trotz des brutalen Vorgehens gelingt es aber dem Regime offenbar nicht, die Aufständischen zu besiegen. Diese ziehen sich bei Angriffen schnell aus dem Vorort in die umliegenden Wälder zurück.
"Es gibt keine Lösung", sagte Abu Firas SPIEGEL ONLINE, der aus Daraja stammt, den Vorort jedoch schon vor einigen Monaten verlassen hatte, weil sein Haus dort vom Artilleriefeuer des Regimes zerstört wurde. "Wir werden bombardiert. Die Rebellen ziehen sich zurück und kommen danach wieder."
Beobachter vermuten, dass Angriffe der Rebellen auf den an Daraja angrenzenden Militärflughafen Mezze der Grund für die große Militäroperation und den Einsatz der Vierten Division waren - deren Aufgabe ist vor allem der Schutz der Hauptstadt. Die Aktivisten glauben, dass Assad und sein innerer Kreis den Flughafen für eine mögliche Flucht sichern wollen, sollte er die Kontrolle über die Hauptstadt verlieren.
ras/anr/dapd/Reuters/AP/dpa
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Syrien | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH