Rekonstruktion: Die Todesnacht von Hula

Von , Beirut

Die Panzer kamen nachts und feuerten auf schutzlose Dorfbewohner: Mit Entsetzen hat die Welt auf das Massaker in der syrischen Ortschaft Hula reagiert. Die Truppen des Assad-Regimes sollen einige der Opfer aus nächster Nähe erschossen haben.

Massaker an Dorfbevölkerung: Todesnacht in Hula Fotos
DPA

My Lai. Sabra und Schatilla. Srebrenica. Und jetzt Hula. Gemessen an der weltweiten Empörung, die das jüngste Massaker in dem Dorf im Nordosten Syriens ausgelöst hat, könnte dessen Name bald ebenso als Chiffre für die Ermordung von Zivilisten stehen wie die Ortsnamen aus Vietnam, dem Libanon und Bosnien-Herzegowina. Die Nachricht vom Angriff auf die Ortschaft, bei dem in der Nacht von Freitag auf Samstag nach Uno-Angaben mindestens hundert Menschen den Tod fanden, wurde am Wochenende rund um den Globus mit Abscheu quittiert. Der Uno-Sicherheitsrat, der am Sonntagnachmittag zu einer Sondersitzung zusammenkam, verurteilte die syrischen Angriffe scharf - und machte die Assad-Regierung dafür verantwortlich.

Zuvor hatte das Blutbad von Hula am Sonntag mehr Tote nach sich gezogen, direkt wie indirekt: Einerseits erlagen vor Ort mehrere der 300 bei dem Angriff Verwundeten ihren Verletzungen, letzte Zählungen gehen inzwischen von 109 toten Dorfbewohnern aus. Andererseits hat das Massaker schwere politische Beben in Syrien ausgelöst: Am Sonntag gingen nach Aktivistenangaben bis zu 3000 empörte Syrer in der Hauptstadt Damaskus auf die Straße, um gegen das blutrünstige Vorgehen des Regimes zu protestieren. Sicherheitskräfte sollen dabei das Feuer auf die Demonstranten eröffnet haben, zwei Männer sollen getötet worden sein: Hula scheint noch lange nicht vorbei.

Dutzende getötete Kinder unter 10 Jahren

Berichten von Aktivisten zufolge hatten syrische Sicherheitskräfte und regimetreue Schlägertrupps in Hula ein Blutbad unter der Zivilbevölkerung angerichtet. Beobachter der Vereinten Nationen, die dem Dorf am Morgen danach einen Besuch abstatteten, bestätigten, dass alle Indizien - zum Beispiel die vor Ort gefundenen Hülsen von Panzergranaten - darauf hindeuteten, dass es von den Truppen des Regimes angezettelt worden sei. Bilder, die während des Besuchs der Blauhelme gedreht wurden, lösten weltweit Entsetzen aus: Mehr als 30 der Getöteten sind Kinder im Alter von unter 10 Jahren. Auf einigen Aufnahmen sind Kleinkinder zu sehen, die per Kopfschuss hingerichtet worden zu sein scheinen.

Während die überlebenden Dorfbewohner am Samstagmittag ihre Toten zu Grabe trugen, nannten Staatschefs und Diplomaten das Massaker brutal, unsäglich und unmenschlich.

Angesichts der Anwesenheit der Blauhelme konnte das syrische Regime am Wochenende nicht leugnen, dass sich in der Ortschaft außerhalb der Rebellenhochburg Homs Schreckliches ereignet hatte. Also verlegte sich die Regierung in Damaskus darauf, Schuldzuweisungen abzugeben. Das Regime trage keinerlei Verantwortung für das Blutbad, es sei von Terroristen angerichtet worden sei, hieß es im Staatsfernsehen.

Hula: Umgeben von drei alawitischen und einem schiitischen Dorf

Ausländischen Journalisten wird seit Beginn des Aufstands in Syrien vor nunmehr 15 Monaten kaum je die Einreise in das als Polizeistaat geführte Land gestattet. Die Informationen syrischer Aktivisten, auf die sich viele Medien lange verließen, sind jedoch zunehmend mit Vorsicht zu genießen: Selbst anfangs noch um Neutralität bemühte Augenzeugen vor Ort sind nach Monaten in Lebensgefahr inzwischen der Versuchung erlegen, Anti-Assad-Propaganda statt akkurater Informationen zu verbreiten. Mit einiger Mühe konnte man sich am Sonntag trotzdem ein Bild davon machen, was wirklich in Hula geschah.

Seinen Anfang nahm das Blutbad Augenzeugen zu Folge am Freitagmittag. Nach dem wichtigsten Gebet der Woche zogen etwa 5000 bis 6000 Demonstranten durch die aus vier Dörfern bestehende Siedlung Hula. Die einstmals auf den Ackerbau konzentrierten Einwohner des Marktfleckens sind politisch aktiv geworden, seitdem sich die nächstgrößere Stadt Homs im vergangenen Jahr als Rebellenhochburg etabliert hat.

In den vorangegangenen vier Jahrzehnten der Diktatur hielten die Menschen von Hula lieber still: Die sunnitische Ortschaft ist von drei alawitischen und einem schiitischen Dorf umgeben. Die Einwohner mussten wohl davon ausgehen, dass ihre direkten Nachbarn aus religiösen Gründen regimetreu sind. Präsident Baschar al-Assad ist - ebenso wie der Großteil seiner Führungsriege und die berüchtigsten Einheiten seiner Streitkräfte - Alawit. Die engsten Verbündeten seines Regimes, der Iran und die libanesische Miliz Hisbollah, sind schiitisch geprägt.

Doch seit sich im vergangenen Winter eine Einheit der Freien Syrischen Armee in Hula einrichtete, galt der Ort als befreit. Zwar kontrollierte die Armee weiter die Ausfallstraßen, doch im Ort wagten die Einwohner, ihrem Unmut gegen das Regime Luft zu machen, so wie am vergangenen Freitag.

Schwerer taktischer Fehler: Oppositionstruppen zogen sich aus Hula zurück

Während der Demonstration hätten - wie in den vergangenen Monaten schon öfter - Schützen der Armee das Feuer auf die Marschierenden eröffnet, sagte ein Augenzeuge SPIEGEL ONLINE. Dabei habe es einige Tote gegeben, die Demos hätten sich aufgelöst.

Im Laufe des Nachmittags habe die im Ort stationierte Einheit der FSA unter Führung von Hauptmann Mahmud dann beschlossen, die Toten zu rächen: Bei Einbruch der Dunkelheit hätten die Rebellenkämpfer zeitgleich alle Checkpoints im und um das Dorf angegriffen. So weit deckt sich das mit der Aussage des Sprechers des Außenministeriums, Dschihad al-Makdisi. Der sagte am Sonntag, am Freitagnachmittag sei es "von zwei Uhr bis elf Uhr abends" in Hula zu einem Angriff von "Terroristen" auf die dort stationierten Regierungstruppen gekommen. Das syrische Regime bezeichnet die Aufständischen durchweg als Terroristen.

Nach ihrer Offensive gegen die Regierungstruppen scheinen die Männer der FSA, die einem Augenzeugen zu Folge im Laufe des Nachmittags schwere Verluste erlitten hatten, dann einen entscheidenden taktischen Fehler begangen zu haben: Anstatt ihre Stellung im Dorf zu halten, beschloss Hauptmann Mahmud, seine Einheit zurückzuziehen. Damit überließen die Kämpfer die Dorfbewohner ungeschützt der Rache der Armee.

Informant: 26 Dorfbewohner von Freischärlern ermordet

Nachdem sich die FSA gegen halb zwölf nachts aus Hula zurückgezogen hatte, nahm das Militär die Ortschaft unter schweren Beschuss. Panzergranaten und Mörser sollen zum Einsatz gekommen sein, ein Augenzeuge sprach gar von Raketen.

Die meisten Toten seien in dem Bombenhagel ums Leben gekommen, so der Informant. 26 Menschen jedoch seien in Feuerpausen von durchs Dorf ziehenden Freischärlern im Dienste des Regimes ermordet worden. Bei den Mördern habe es sich um Regimeanhänger aus den benachbarten, verfeindeten Dörfern gehandelt, so der Zeuge, dessen Aussagen nicht zu überprüfen sind.

Was immer auch in Hula genau vorgefallen sein mag: Die Ereignisse könnten einen Wendepunkt im andauernden Konflikt in Syrien markieren. Unter dem Eindruck der Bilder der getöteten Kinder erklärten Mitglieder der Freien Syrischen Armee (FSA) den Uno-Friedensplan für "tot". Wie der US-Sender CNN berichtet, hat einer der Anführer der FSA die Mitglieder dazu aufgefordert, sich für das Massaker zu rächen: Nach einer langen Geduldsprobe sei es schlicht nicht mehr möglich, den Friedensplan aufrecht zu halten.

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insgesamt 115 Beiträge
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1. was geschah denn nun in der Nacht ?
systemfeind 27.05.2012
Zitat von sysopDer Uno-Sicherheitsrat kommt zu einer Sondersitzung zusammen, weltweit wächst die Empörung über das Massaker von Hula: Truppen des Assad-Regimes sollen das schutzlose syrische Dorf unter Beschuss genommen haben. Was geschah in der Nacht, in der dort mehr als 92 Menschen starben, darunter 32 Kinder? Syrien: Rebellen schwören Rache für Massaker in Hula - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,835523,00.html)
ich dachte der Spiegel würde nunmehr berichten was in der Nacht geschah . Hat der Spiegel keine Reporter vor Ort ? warum nicht ? wir hätten wirklich gerne erfahren was in der Nacht , in Syrien geschehen ist . oder wir hätten die Seite weggeklickt und arte eingeschaltet .
2. mehr als 92 Menschen starben, darunter 32 Kinde
paulroberts 27.05.2012
Zitat von sysopDer Uno-Sicherheitsrat kommt zu einer Sondersitzung zusammen, weltweit wächst die Empörung über das Massaker von Hula: Truppen des Assad-Regimes sollen das schutzlose syrische Dorf unter Beschuss genommen haben. Was geschah in der Nacht, in der dort mehr als 92 Menschen starben, darunter 32 Kinder? Syrien: Rebellen schwören Rache für Massaker in Hula - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,835523,00.html)
Heftig, das kommt zwar nicht an das ran , was die Nato in Afghanistan verbricht, ist aber dennoch zu verurteilen.
3. Andersherum könnte es auch gewesen sein
derandersdenkende 27.05.2012
Zitat von sysopDer Uno-Sicherheitsrat kommt zu einer Sondersitzung zusammen, weltweit wächst die Empörung über das Massaker von Hula: Truppen des Assad-Regimes sollen das schutzlose syrische Dorf unter Beschuss genommen haben. Was geschah in der Nacht, in der dort mehr als 92 Menschen starben, darunter 32 Kinder? Syrien: Rebellen schwören Rache für Massaker in Hula - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,835523,00.html)
Hauptmann Mahmud mußte zur Kenntnis nehmen, daß die Dorfbewohner mehrheitlich hinter der Regierung stehen und hat reagiert, wie Terroristen halt reagieren. Bevor nachweislich der Hergang geklärt ist, gilt auch diese mögliche Ablaufvariante ebenso, wie die abenteuerlichen Varianten interessierter Kreise!
4. Usa und nato
spiegel_affäre 27.05.2012
Zitat von paulrobertsHeftig, das kommt zwar nicht an das ran , was die Nato in Afghanistan verbricht, ist aber dennoch zu verurteilen.
sind NICHT per se böse. aber die kriegsführung mit drohnen und bomben darauf ausgelegt tote soldaten zu vermeiden. das ist ein unterschied wie tag und nacht. wenn nato soldaten kriegsverbrechen begehen, dann kommen sie vor ein kriegsgericht und hoffentlich lange in den knast. ergebnis=tote kinder, zivilisten intention=rache, machtdemo ergebnis=tote kinder, zivilisten intention=terror/taliban bekämpfen Sehen sie den Unterschied?!?!?!?
5.
sagichned 27.05.2012
Bei Jugoslavien wurde damals das reguläre bekämpfen von sogenannten "widerständlern" in rugovo als massaker an "unschuldigen" kosovaren verkauft und damit der krieg gerechtfertig, obwohl sogar unobeobachter vor ort waren und das korrekt wiedergegeben haben. Den medien war es egal.
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