Von Ulrike Putz, Beirut
Syrien rüstet sich offenbar für die entscheidende Phase im Kampf zwischen dem Regime von Baschar al-Assad und den Rebellen. In den Reihen der Aufständischen wird nun offen zur großen Schlacht aufgerufen. Die in Istanbul sitzende politische Führung der Opposition appellierte am Donnerstag an die Kämpfer der Freien Syrischen Armee (FSA), ihre Bemühungen zu verstärken. Kommandeure der FSA haben bereits angekündigt, das Regime mit einer Großoffensive in die Knie zwingen zu wollen. Als Zeitpunkt dafür nennen Rebellenführer den 20. Juli. Das ist der Beginn des Fastenmonats Ramadan und gleichzeitig das Ende der Uno-Beobachtermission in Syrien.
"Wenn die Uno-Mission vorbei ist, werden die militärischen Führer des Aufstands die Stunde null ausrufen. Dann werden die Säulen des Regimes wie Dominosteine fallen", sagte Abu Jasan, Kommandeur der in der Region Homs operierenden Wadi-Brigade, SPIEGEL ONLINE. In besagter Stunde null werde sich entscheiden, wer diesen Krieg gewinnen werde. Die FSA setzte dabei auf simultane Attacken im ganzen Land. "Die Führung der Rebellenarmee bereitet große Überraschungen für das Regime vor. Zivilisten werden demonstrieren, und überall im Land wird die FSA angreifen", so Abu Jasan.
"Der kommende Monat wird der Monat des Blutes in Syrien werden. Das Regime und wir werden ausfechten, wessen Knochen zuerst brechen", prophezeit auch Abu Jassir, ein Kommandeur der Farok-Brigade in Homs. "Sowohl das Regime als auch die FSA haben von der Beobachtermission der Uno profitiert", so der Kämpfer, der sich nach einer Verwundung im libanesischen Tripolis erholt. "Wir haben unsere Waffenarsenale gefüllt. Wir haben unsere Kämpfer, die im Libanon behandelt wurden, zurückgeschickt. Jetzt sind wir entschlossen, die Operation Stunde null zu starten", sagte Abu Jassir. "Die Zeit für den großen Tag ist gekommen."
Rebellen töten Dutzende Soldaten - Regimetreue erschießen Zivilisten
Tatsächlich scheint es so, als bewege sich der bewaffnete Konflikt nach monatelanger Stagnation in diesen Tagen auf einen Höhepunkt zu. Trotz aller Bemühungen der internationalen Gemeinschaft, eine Lösung zu finden.
Am Wochenende töteten Rebellen nach Oppositionsangaben mehr als 80 Soldaten. Am Montag dann kündigte die Freie Syrische Armee den im Friedensplan Kofi Annans vorgesehenen Waffenstillstand auf. Seitdem liefern sich Aufständische und Regierungstruppen heftige Kämpfe. Die schwersten Gefechte gab es in der Küstenregion Latakia. Hier leben neben Sunniten und Christen auch viele Mitglieder der alawitischen Glaubensgemeinschaft, der auch die Assads angehören. Ein Sprecher des Sondergesandten Annan räumte angesichts der Gewalt ein, Syrien könne bereits in einen Bürgerkrieg abgeglitten sein.
Am Mittwoch sollen regierungstreue Milizen und Sicherheitskräfte ihrerseits in zwei Dörfern in der Provinz Hama erneut ein Massaker an Zivilisten verübt haben. Der Sprecher des syrischen Nationalrats, Mohammed Sermini, sagte, unter den etwa hundert Toten in den Dörfern Kubeir und Maarsaf seien auch etwa 20 Frauen und 20 Kinder. Nach Angaben von Aktivisten verwehrten regimetreue Milizen einer Gruppe von Uno-Beobachtern am Donnerstag den Zugang zu Kubeir. Eine Sprecherin der Uno sagte dazu nur, man versuche, sich Zugang zum Ort des Vorfalls zu verschaffen.
Erst Ende Mai war es in der Ortschaft Hula zu einem Massaker gekommen. Bei dem Angriff waren mehr als hundert Zivilisten niedergemetzelt worden, etwa ein Drittel davon Kinder.
Offenbar strebt auch das Regime eine Entscheidung zum 20. Juli an
Und das Regime? Offizielle Verlautbarungen zu einer bevorstehenden Entscheidungsschlacht gibt es nicht. Doch auch in den Kreisen der Unterstützer Assads kursiert der 20. Juli als Stichtag.
Ali Fidda hat ein Faible für martialische Sprache: "Die letzten 15 Minuten einer Schlacht sind immer die gewalttätigsten", sagt der 39-Jährige, und er meint das offenbar symbolisch. Man solle sich nicht wundern, wenn in den kommenden Tagen neue Nachrichten von blutigen Auseinandersetzungen aus Syrien kämen: Das syrische Regime habe beschlossen, mit den "Terroristen" im Land aufzuräumen. "Die Säuberung Syriens wird nicht ohne großes Blutvergießen möglich sein."
Fidda sitzt in seinem Jeans-Laden in der libanesischen Hafenstadt Tripolis, sein Herz schlägt für Damaskus: Der 39-Jährige ist einer der Repräsentanten der libanesischen Alawiten, der wohl glühendsten Unterstützer des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad diesseits der Grenze. Fidda meint zu wissen, was das syrische Regime denkt: Die von der ebenfalls alawitischen Assad-Familie dominierte syrische Führung halte ihre libanesischen Glaubensgenossen über ihre Pläne auf dem Laufenden, sagt Fidda.
Glaubt man dem, was Fidda ganz unverblümt erzählt, stehen Syrien schwere Zeiten bevor: "Am 20. Juli endet die Uno-Mission in Syrien. Spätestens dann wird die syrische Armee das letzte Wort in diesem Konflikt sprechen." Um der Armee den Sieg zu Beginn des Ramadan zu erleichtern, wolle das Regime aber schon in den kommenden Wochen "den Druck auf die Terroristen erhöhen". Von den Uno-Beobachtern wolle man sich dabei nicht stören lassen: "Wir profitieren doch von ihrer Anwesenheit. Ihretwegen war es in den vergangenen Wochen recht ruhig. Wir haben die Zeit genutzt, um Informationen über die Terroristen zu sammeln. So können wir jetzt gezielter zuschlagen", sagt Fidda, der von "wir" spricht, wenn er das syrische Regime meint. Und die syrische Führung versucht, die Aufständischen im Land stets als vom Ausland gesteuerte Terroristen zu diskreditieren.
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