Syrien Russische Drohne filmte Uno-Konvoi vor Luftangriff

Die Attacke auf einen Uno-Hilfskonvoi bei Aleppo war höchstwahrscheinlich ein vorsätzlicher Angriff. Eine russische Drohne filmte die Lastwagen kurz vor dem Luftschlag.

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Tagelang saß der Hilfskonvoi fest. Dann, am Montagnachmittag erteilte das Regime von Diktator Baschar al-Assad den Vereinten Nationen endlich die Erlaubnis. Ein Konvoi von 31 Fahrzeugen der Uno und des Roten Halbmondes machte sich daraufhin aus dem vom Regime kontrollierten Westteil Aleppos auf den Weg nach Urum al-Kubra, eine von Aufständischen kontrollierte Kleinstadt. Die 78.000 Menschen in dem Ort sollten mit Nahrung, Wasser und Medikamenten versorgt werden.

Die Uno hatte alle Konfliktparteien über den Konvoi informiert, die Fahrzeuge waren eindeutig als humanitärer Transport gekennzeichnet. Trotzdem wurden die Lastwagen nach ihrer Ankunft in Urum al-Kubra von mehreren Geschossen getroffen. Die Weißhelme, die zivilen Helfer in den von der syrischen Opposition beherrschten Gebieten, sprachen von vier Helikoptern, die mehrere Fassbomben auf die Fahrzeuge abgeworfen haben sollen. Andere Beobachter berichteten, dass Raketen am Tatort eingeschlagen seien.

18 der 31 Trucks wurden nach Uno-Angaben zerstört, außerdem wurden ein Lagerhaus des Syrischen Roten Halbmondes sowie eine Klinik getroffen. Mindestens 20 Menschen kamen ums Leben: Unter ihnen ist Omar Barakat, der lokale Direktor des Roten Halbmondes.

"Sollte sich dieser rücksichtslose Angriff als gezielte und vorsätzliche Attacke gegen die Helfer herausstellen, dann würde dies ein Kriegsverbrechen darstellen", sagte der Chef der Uno-Hilfseinsätze, Stephen O'Brien.

Und vieles deutet auf einen gezielten Angriff durch die syrische oder russische Luftwaffe hin: Eine russische Drohne, die den Waffenstillstand in Aleppo und Umgebung überwachen sollte, filmte die Lastwagen, nachdem sie am östlichen Stadtrand von Urum al-Kubra eingetroffen waren. Der russische Staatssender RT stellte die Bilder live ins Internet. Darauf sind die Fahrzeuge deutlich zu erkennen. Das legt den Schluss nahe, dass die Angreifer ganz genau wussten, wen sie treffen.

Für den Luftschlag kommen nur Assads Truppen und ihre russischen Verbündeten in Frage, denn die Anti-IS-Koalition der USA ist in dem Gebiet nicht aktiv - weil Urum al-Kubra und Umgebung nicht unter Kontrolle des "Islamischen Staats" (IS) stehen, das IS-Territorium liegt zig Kilometer entfernt.

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Syrien: Heimtückischer Angriff auf Hilfskonvoi

Die syrischen Staatsmedien schweigen den Angriff tot, der Kreml hatte nach stundenlangem Schweigen zugesagt, den Vorfall untersuchen zu wollen. Kurz darauf teilte ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Moskau mit, weder die syrische noch die russische Luftwaffe seien für den Angriff verantwortlich.

Trotz der eigenen Drohnenbilder behauptete Generalmajor Igor Konaschenkow, Sprecher des russischen Wehrressorts: "Nur die militanten Gruppen hatten alle Informationen über die Hilfskonvois in Syrien." Das stimmt nicht. Die Uno-Hilfsorganisation Ocha hatte selbst getwittert, dass die Lieferung auf dem Weg nach Urum al-Kubra war.

"Wir haben Videoaufzeichnungen geprüft und keine Anzeichen festgestellt, dass die Wagenkolonne von Munition - welcher Art auch immer - getroffen wurde. Zu sehen sind keine Bombentrichter, die Wagen weisen keine Schäden durch eine Druckwelle auf. Alles, was wir im Video gesehen haben, ist eine direkte Folge eines Brandes", sagte Konaschenkow.

Ernsthafte Konsequenzen wird es ohnehin nicht geben: Sollte sich doch noch herausstellen, dass das russische Militär den Konvoi selbst angriff, wird Moskau von einem Versehen sprechen. Sollte die syrische Armee verantwortlich sein, wird Russland wie üblich eine Verurteilung des Assad-Regimes im Uno-Sicherheitsrat verhindern.

Es gehört längst zur Strategie Syriens und Russlands, das Leben der Zivilisten im Land unerträglich zu machen und die Menschen in den von Rebellen kontrollierten Orten kollektiv zu bestrafen. Davon zeugen die wiederholten, gezielten Luftangriffe auf Krankenhäuser, Schulen und Märkte. Und dazu gehören auch Attacken auf Hilfskonvois.

Eine direkte Folge des Angriffs von Urum al-Kubra: Die Uno und der Rote Halbmond stellen alle Hilfslieferungen in Syrien vorerst ein. Hunderttausende Syrer in den von Aufständischen beherrschten Gebieten sind dringend auf humanitäre Hilfe angewiesen. Ihre Lage wird dadurch noch verzweifelter. Genau das, was Assad will.

syd



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