Konfliktlinien in Syrien Der internationale Bürgerkrieg

Russland und die Türkei entscheiden über das Schicksal von Idlib. Startet Diktator Assad nun eine Offensive - und wie geht der israelisch-iranische Konflikt in Syrien weiter? Der Überblick.

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Erst die Schlacht um Ost-Ghuta, dann die unerbittliche Offensive in der Südprovinz Daraa - auch 2018 ist für Syrien ein tödliches Jahr. Nach Angaben des Welternährungsprogramms der Uno ist es überdies mit Blick auf die Versorgung der Menschen das schlimmste Jahr in der jüngeren Geschichte des Bürgerkriegslandes.

Grund sind nicht nur die anhaltenden Kämpfe und die dadurch zerstörte Infrastruktur, sondern auch eine anhaltende Dürre. In der Folge sei die Weizenproduktion in diesem Jahr so schlecht ausgefallen wie sei 1989 nicht mehr. Vor dem Krieg exportierte die Regierung in Damaskus bis zu 1,5 Millionen Tonnen Weizen jährlich, mittlerweile muss die gleiche Menge importiert werden.

Nun, da der Winter naht, ist das eine Hiobsbotschaft für viele Zivilisten - vor allem für die rund drei Millionen Syrer in Idlib im Nordwesten des Landes, von denen fast die Hälfte Vertriebene sind.

Idlib: Die Frist läuft ab

Im Spätsommer hatte es lange so ausgesehen, als würde das von Russland und Iran unterstützte Assad-Regime zur Offensive auf die letzte Region in Rebellenhand ansetzen. Internationale Hilfsorganisationen warnten vor einer neuen humanitären Katastrophe.

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Doch dann einigten sich Kremlchef Wladimir Putin und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan auf einen Deal. Die Menschen in Idlib hoffen seither auf eine friedliche Lösung.

Der Deal, der am 17. September in Sotschi verkündet wurde, sieht vor, dass ein großer Teil von Idlib unter der Kontrolle der Aufständischen bleibt. Entlang der bisherigen Frontlinie soll bis zum Montag ein 15 bis 20 Kilometer breiter demilitarisierter Korridor eingerichtet werden, der die Konfliktparteien trennt.

Bislang sah es so aus, als würde dieses Abkommen auch tatsächlich umgesetzt. Am Mittwoch verkündete die Türkei bereits den Abzug aller schweren Waffen aus der vereinbarten Pufferzone um Idlib.

Und auch Russlands Außenminister Sergej Lawrow äußerte sich zufrieden: Ein Teil der Anti-Assad-Milizen habe sich bereits aus dem Gebiet zurückgezogen. Im Übrigen wolle man bei der Einhaltung des Zeitplans nicht allzu kritisch sein. Wichtig sei nicht, dass alle Kämpfer tatsächlich bis Montag abgezogen seien. Entscheidend sei, grundsätzlichen Willen zur Einhaltung des Deals zu demonstrieren. Genau das ist nun wieder offen.

Das einflussreichste Rebellenbündnis in Idlib, die Dschihadistenallianz Hajat Tahrir al-Scham (HTS), will die Vereinbarung der Türkei scheinbar nicht umsetzen. "Wir haben unsere Entscheidung zum Dschihad und zum Kampf zur Umsetzung unserer gesegneten Revolution nicht aufgegeben", erklärte HTS am Sonntagabend wenige Stunden vor Ablauf der Frist.

Assad verkündet Amnestie

Auch Assad hält derweil unverändert an dem Ziel fest, Idlib zurückzuerobern. Doch die syrische Armee ist nach sieben Jahren Krieg personell ausgezehrt. Jüngstes Zeichen dafür ist die Amnestie für Fahnenflüchtige, die der Präsident in dieser Woche verkündet hat. Jeder Deserteur, der sich in den nächsten vier bis sechs Monaten stellt, soll straffrei bleiben. Er muss aber zugleich damit rechnen, unverzüglich zum Militärdienst eingezogen zu werden.

Ohne aktive russische Hilfe kann Assad Idlib nicht zurückerobern. Deshalb liegt das Schicksal der Provinz unverändert in Putins Händen.

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Idlib: Die Frist läuft ab

Aber der Kreml verstrickt sich im syrischen Vielfrontenkrieg indirekt immer weiter in einen weiteren Konflikt, der mindestens genauso gefährlich ist - der israelisch-iranische Schattenkrieg. Die Regierung in Teheran nutzt die Präsenz ihrer eigenen Militärberater, der ihr treu ergebenen libanesischen Hisbollah und anderer Schiitenmilizen, um aus Syrien heraus Erzfeind Israel anzugreifen.

Irans Weg nach Israel - der "schiitische Halbmond"
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Irans Weg nach Israel - der "schiitische Halbmond"

Die israelische Armee bombardiert seit Jahren immer wieder iranische Waffentransporte und Stützpunkte im Bürgerkriegsland - und greift auch syrische Stellungen tief im Hinterland an, die von iranischen Revolutionswächtern genutzt werden. 800 Luft- und Artillerieschläge auf 200 Ziele waren es allein in den zurückliegenden eineinhalb Jahren.

Putin und Netanyahu wollen sich wieder treffen

Im September kam es bei einem dieser Angriffe zu einem folgenreichen Zwischenfall: Syriens veraltete Luftabwehr hatte versucht, vier israelische F-16-Kampfjets mit dem veralteten S-200-Luftabwehrsystem abzuschießen - und dabei ein russisches Militärflugzeug vom Typ Iljuschin Il-20 getroffen.

15 russische Soldaten starben bei dem Absturz. In der Folge stattete der Kreml das syrische Regime mit dem modernen S-300-Luftabwehrsystem aus, das Angriffe aus einer Entfernung aus 250 Kilometern abfangen kann. Das hat Konsequenzen:

  • Russland bindet Assad weiter an sich. Der Diktator bekommt das S-300-Paket nicht umsonst, sondern wird dafür zahlen müssen. Möglicherweise mit der Vergabe von Wirtschaftsaufträgen beim Wiederaufbau des Landes.
  • Gleichzeitig macht Moskau damit Jerusalem deutlich, dass die israelische Armee künftig nicht mehr die alleinige Lufthoheit über Syrien haben wird - außer, es setzt nicht auf den F16-Kampfjet, sondern vermehrt auf das neue 100 Million Dollar teure F35-Flugzeug, das für die Luftabwehr unsichtbar ist. Davon besitzt Israel aber weitaus weniger Maschinen.

Israel ist über diesen Schritt verärgert - dürfte aber dennoch weitermachen wie bisher und im syrischen Luftraum agieren. Auch deshalb, weil die israelische Armee die Fähigkeiten und Lücken des S300-Systems, das Syrien erhalten hat, aus gemeinsamen Militärmanövern mit den Nato-Ländern Griechenland und Zypern kennt, die ebenfalls damit ausgestattet sind.

Ob im Idlib-Konflikt oder im Machtkampf zwischen Israel und Iran: Moskau mischt überall mit, will aber an keiner Front eine totale Eskalation riskieren. Da passt auch ins Bild, dass Israels Premier Benjamin Netanyahu vor wenigen Tagen bekannt gab, dass er mit Putin telefoniert habe und es bald wieder ein Treffen der beiden geben werde. Ohne den russischen Staatschef geht in Syrien wenig.

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