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13. Dezember 2012, 12:04 Uhr

Syrien-Krieg

Russland spekuliert über Assads Fall

Mit Waffen und Geld unterstützt Russland den syrischen Diktator Assad - doch der Kreml ist offenbar nicht mehr sicher, ob er auf den richtigen Mann setzt. Moskaus Vize-Außenminister Bogdanow sagt: "Ein Sieg der Opposition ist leider möglich."

Moskau - Seit fast zwei Jahren versucht der syrische Machthaber Baschar al-Assad, den Aufstand gegen seine Herrschaft blutig niederzuschlagen. In dem brutalen Bürgerkrieg weiß er nur noch wenige Verbündete hinter sich, darunter: Moskau.

Doch erstmals scheint sich die russische Regierung auf den Sturz Assads vorzubereiten. "Die Führung verliert mehr und mehr die Kontrolle im Land", sagte Vize-Außenminister Michail Bogdanow laut der Agentur Itar-Tass. Deshalb sei eine Niederlage von Präsident Assad möglich. "Leider kann der Sieg der syrischen Opposition nicht mehr ausgeschlossen werden."

Zusammen mit China hat Moskau im Uno-Sicherheitsrat mehrere Sanktionsanläufe blockiert, die gegen Syriens Machthaber gerichtet waren. Noch im Oktober hatte der Putin-Vertraute Wladimir Jakunin in einem Interview mit SPIEGEL ONLINE offen russische Waffenlieferungen an Damaskus verteidigt.

Vize-Außenminister Bogdanow signalisierte auch jetzt keine Absicht, sich der Position des Westens anzunähern und Sanktionen mitzutragen. Rund 130 Länder haben die syrische Opposition inzwischen anerkannt, darunter die USA. Bogdanows Aussagen wurden von Beobachtern aber als Zeichen gewertet, dass Russland von Assad abrücken könnte.

Noch am Wochenende hatte der Kreml Berichte dementiert, wonach er über die Zukunft des syrischen Machthabers verhandle. Moskau lehne Gespräche über einen möglichen Rücktritt von Assad ab, sagte Außenminister Sergej Lawrow am Sonntag. Man sei aber zu Treffen mit dem Uno-Beauftragten Lakhdar Brahimi und US-Gesandten bereit. "Das Wichtigste ist jetzt, dass alle Seiten die Waffen niederlegen und verhandeln", so Lawrow.

Eskalation im Bürgerkrieg

Doch statt eines Waffenstillstands erlebte Syrien am Donnerstag erneut blutige Gewalt. 40.000 Menschen sind in dem Bürgerkrieg bislang ums Leben gekommen. Mindestens 16 Menschen wurden nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Sana am Donnerstag getötet, als eine Autobombe in Katana, einem Vorort der syrischen Hauptstadt Damaskus, explodierte. 20 Menschen hätten Verletzungen erlitten, hieß es. Der Anschlag soll sich gegen eine Offizierssiedlung gerichtet haben. Unter den Opfern seien auch Schüler einer benachbarten Grundschule mit Kindergarten.

Regimegegner berichteten von Luftangriffen auf Ziele in den Vororten Harasta und Samalka. Bei Gefechten zwischen Rebellen und Regierungstruppen im Viertel Dschobar soll ein Deserteur getötet worden sein. Am Mittwoch hatten syrischen Behördenangaben zufolge mehrere Bombenexplosionen das Gebäude des Innenministeriums in Damaskus erschüttert. Dabei seien mindestens fünf Menschen ums Leben gekommen.

Im Kampf gegen Aufständische setzt die Führung in Damaskus nun offenbar auch Kurzstreckenraketen ein. Die Armee beschieße die Rebellen mit Scud-Raketen, sagte ein hochrangiger US-Vertreter. Solch ein Schritt wäre eine erhebliche Eskalation in dem seit Monaten anhaltenden Bürgerkrieg. Auch ein Nato-Vertreter in Brüssel, der anonym bleiben wollte, sagte, dass in den vergangenen Tagen innerhalb von Syrien Scud-Raketen zum Einsatz gekommen seien. Zudem herrscht Angst, dass Assad seine Chemiewaffen einsetzen könnte.

Die Türkei hatte bereits im Herbst dringlich um die Unterstützung der Nato gebeten, nachdem mehrere Granaten aus Syrien in der Südtürkei eingeschlagen waren. Nun sollen im Rahmen der Nato-Mission künftig zwei deutsche "Patriot"-Raketenabwehrsysteme entsendet werden - wenn der Bundestag am Freitag zustimmt, was erwartet wird. Sollte Machthaber Assad stürzen, sollen die "Patriots" bleiben. "Bisher gab es die Sorge: Wird das Regime Rache üben, wenn es sich halten kann? Jetzt fragen sich alle: Was machen wir, wenn das Regime stürzt? Es gibt einen Zerfall. Ein Grund für die Vorsorgemaßnahme mit den 'Patriots' ist, dass unkontrollierte Gruppen in Aktion treten könnten", sagte der türkische Außenminister Ahmet Davutoglu der Zeitung "Sabah". Er ließ offen, ob es sich dabei um Reste des Regimes oder Kräfte aus den Reihen der Aufständischen handeln könnte.

kgp/dpa/AP/Reuters

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