Waffenruhe in Idlib Erdogans teurer Triumph

Die russische und die türkische Regierung haben sich auf eine Feuerpause in der syrischen Rebellenprovinz verständigt. Doch damit fangen die Probleme für Erdogan erst an: Seine Truppen müssen örtliche Dschihadisten unter Kontrolle bekommen.

Demonstrant mit syrischer Fahne und Gewehr
DPA/ AP/ DHA

Demonstrant mit syrischer Fahne und Gewehr

Von und , Moskau und Istanbul


Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte in der Außenpolitik zuletzt wenig Erfolg: Er überwarf sich mit den USA, und auch im Nahen Osten verlor die Türkei an Einfluss. Umso größer fällt nun der Jubel in Ankara aus über den Deal, den Erdogan am Montag mit seinem russischen Amtskollegen geschlossen hat.

Denn Erdogan brachte Kremlchef Wladimir Putin bei einem Treffen in Sotschi dazu, die Großoffensive auf die syrische Provinz Idlib zu stoppen oder zumindest aufzuschieben - und stattdessen eine gemeinsame Pufferzone zu etablieren. Von einem "Triumph" für Erdogan schrieb selbst der regierungskritische türkische Autor Cengiz Candar.

Der türkische Staatschef kann nun für sich beanspruchen, eine humanitäre Katastrophe verhindert zu haben. Idlib ist einer der letzten Rückzugsorte für Rebellen in Syrien. Ein Militärschlag Russlands, Irans und des syrischen Regimes hätte wohl erneut Tausenden Zivilisten das Leben gekostet und Hunderttausende in die Flucht getrieben.

Erdogan (l.) und Putin in Sotschi
ALEXANDER ZEMLIANICHENKO/POOL/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Erdogan (l.) und Putin in Sotschi

Aber für die Türkei sind die Probleme in Idlib mit dem Sotschi-Deal trotzdem nicht erledigt: Zwar ist die Pufferzone ein gemeinsames russisch-türkisches Projekt. Der Regierung in Ankara fällt bei der Umsetzung jedoch die weitaus schwierigere Aufgabe zu: Sie muss moderate Rebellen von den Dschihadisten um den Al-Qaida-Ableger Haiat Tahrir al-Sham (HTS) trennen und dafür sorgen, dass letztere bis zum 15. Oktober, also in weniger als einem Monat, die Pufferzone verlassen. Can Kasapoglu vom Istanbuler Thinktank Edam spricht von einem extrem "engen Zeitplan".

Dschihadisten schwören Kampf bis zum Ende

Erdogan ist es bereits in der Vergangenheit nicht gelungen, die HTS-Kämpfer unter seine Kontrolle zu bringen. Und auch jetzt schwören die Dschihadisten, bis zum Schluss zu kämpfen. "Es gibt keinen Grund, für HTS und andere Gruppen abzuziehen, nur weil zwei ausländische Mächte entschieden haben, dass sie kein Massaker sehen wollen", sagt Thanassis Cambanis von dem amerikanischen Thinktank "The Century Foundation".

Spielende Kinder in der Stadt Morek
AFP

Spielende Kinder in der Stadt Morek

Die Türkei muss den Dschihadisten wohl eine Alternative anbieten - sonst, so fürchten Beobachter, drohe in Idlib eine offene Auseinandersetzung mit HTS und möglicherweise Vergeltungsschläge in türkischen Großstädten. Das türkische Militär hat bereits 1300 weitere Soldaten nach Idlib entsandt. Es könne sehr schnell "schmutzig" werden, warnt Sam Heller von der International Crisis Group, einer Nichtregierungsorganisation.

Unklar ist auch, wie Syriens Diktator Baschar al-Assad auf den Sotschi-Deal reagiert. Assad hat wiederholt bekräftigt, "jeden Meter" Syriens zurückerobern zu wollen. Das Regime in Damaskus befinde sich gegenwärtig in einer komfortablen Position, sagt der US-Sicherheitsexperte Aaron Stein: Es könne dabei zusehen, wie die Türkei die Rebellen entwaffne, ohne selbst eingreifen zu müssen. Sämtliche Parteien, so scheint es, spielen in dem Konflikt auf Zeit.

Die Offensive auf Idlib ist gestoppt, aber nicht endgültig abgeblasen. Zwar hat Russlands Präsident Putin durchaus ein Interesse an einer politischen Lösung - jedoch nur zu seinen Konditionen. Bereits in der Vergangenheit haben sich Assad, Russland und Iran nicht an Vereinbarungen gehalten, die sie mit der Türkei und anderen Staaten geschlossen haben. Selbst Ankaras Verbündete stellen sich nach wie vor auf Krieg ein: "Wir halten uns bereit, denn wir trauen den Russen nicht", sagte ein Sprecher der "Nationalen Befreiungsfront" der britischen Zeitung "Telegraph".

Idlib werde sich für die Türkei früher oder später zu einem Albtraum entwickeln, glaubt der türkische Politologe Burak Kadercan. "Der türkisch-russische Deal ändert daran nichts."



© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.