Geheime Söldner in Syrien Russlands Tote zweiter Klasse

Es gibt die russischen "Helden", die in Syrien sterben - und es gibt die, über deren Tod niemand offiziell sprechen will: die Söldner einer Privatarmee. Die Angehörigen fordern eine Würdigung ihrer Männer.

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Von , Moskau


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Seit Tagen blockt der Kreml ab: Es gebe keine Informationen über Getötete in Syrien, sagte Sprecher Dimitrij Peskow. Dabei ereignete sich in der Nacht vom 7. auf den 8. Februar der bisher schwerste Zusammenstoß von Truppen unter amerikanischer Führung und Assad-treuen Einheiten mit russischen Kämpfern.

Auch Maria Sacharowa, Sprecherin des Außenministeriums, verfiel zunächst in ihre übliche Sprechweise, nannte Berichte über Dutzende oder Hunderte tote russischer Kämpfer nahe der Stadt Deir al-Sor "klassische Desinformation", um dann doch zu bestätigen:

"Nach vorläufigen Angaben kann als Ergebnis bewaffneter Zusammenstöße, deren Gründe nun aufgeklärt werden, die Rede von fünf Toten sein, sie sind mutmaßlich russische Staatsbürger."

Um russische Militärangehörige handele es sich nicht, betonte sie.

Sacharowas Erklärung ist insofern erstaunlich, als Russland damit das erste Mal seit Beginn des Militäreinsatzes Ende September 2015 einräumt, dass russische Nicht-Militärangehörige in Syrien ums Leben gekommen sind. Die Sprecherin bestätigte damit, was schon längst bekannt ist - in Syrien kämpfen zwei russische Armeen:

  • die offizielle, deren Kämpfer wie Helden gefeiert werden, wie zuletzt der abgeschossene Pilot einer Su-25, der sich selbst tötete, um einer Gefangennahme zu entgehen - dessen Begräbnis wurde gar im Staatsfernsehen gezeigt;
  • und die inoffizielle, "Wagners private Sicherheitsfirma", deren Tote im Verborgenen begraben werden. Die Privatarmee, bis zu 3000 Mann sollen es sein, ist nach ihrem Chef Dmitrij Utkin benannt, einem Ex-Oberstleutnant der Spezialkräfte des Militärgeheimdienstes GRU, Kampfname "Wagner".
Sarg des Piloten Roman Filipow
REUTERS/ Russian Defence Ministry

Sarg des Piloten Roman Filipow

Die Existenz der Söldnergruppe, die nach Recherchen des Medienhauses RBK in Argentinien registriert ist, wurde nie vom Kreml bestätigt. Dabei kursieren Bilder von Wladimir Putin, wie er Utkin am 9. Dezember 2016, dem "Tag der Helden des Vaterlandes", einen Orden verleiht. Nach dem russischen Strafgesetzbuch ist russischen Bürgern außerhalb der Armee die Teilnahme an bewaffneten Konflikten im Ausland verboten.

Bis zu 300 verletzte und tote Kämpfer?

Dass nur fünf Wagner-Kämpfer bei dem US-Luftangriff nahe der Stadt Deir al-Sor im Osten Syriens umgekommen sein sollen, hält in Russland kaum einer für glaubwürdig. Doch wie viele es insgesamt in Wirklichkeit sind, wird man wohl kaum erfahren.

Die veröffentlichten Zahlen schwanken je nach Quelle. Reuters sprach mit Verweis auf unterschiedliche Quellen von bis zu 100 Toten und 200 Verletzten. Die Verwundeten, viele mit schweren Verletzungen, seien nach Russland in vier Krankenhäuser in St. Petersburg und Moskau sowie nahe der Hauptstadt in Krasnogorsk gebracht worden.

Militärkrankenhaus in Krasnogorsk
REUTERS

Militärkrankenhaus in Krasnogorsk

Bisher haben das Conflict Intelligence Team (CIT), russische Aktivisten, die Informationen über Militäreinsätze recherchieren, und Medien die Namen von mindestens zehn Wagner-Männern veröffentlicht, die in Syrien getötet wurden. Viele waren nicht allein in Syrien im Einsatz, sondern jeweils mit weiteren Männern aus ihrem Ort oder Umfeld, etwa Oleg Tereschenko aus der Siedlung Krylowskaja in der südrussischen Region Krasnodar oder Ruslan Gawrilow, 37 Jahre, aus dem Dorf Kedrowoje, 1400 Kilometer östlich von Moskau im Ural.

SPIEGEL ONLINE

Kirill Ananjew aus Moskau, Mitglied der linksradikalen Partei Drugaja Rossija, habe seit knapp einem Jahr in Syrien bei einer Wagner-Einheit als Kommandeur einer Artillerie-Einheit gekämpft, sagt der Co-Vorsitzende Aleksandr Awerin SPIEGEL ONLINE.

Wie er vom Tod Ananjews erfahren habe? "Über eine Quelle in Syrien, mehr will ich dazu nicht sagen." Man versuche gerade herauszufinden, wie es einem zweiten Mann gehe. Ananjew war schon länger bei der Wagner-Truppe: Erst kämpfte er im Donbass in der Ostukraine 2014 bis 2017: "Nicht des Geldes wegen, er wollte die Interessen Russlands schützen", sagt Awerin. Und in Syrien? "Das möchte ich nicht kommentieren." Er fordert, dass die Wagner-Truppe endlich legalisiert werden müsse. Er spricht von einer "Lücke" im russischen Gesetz, die zu schließen sei.

Kirill Ananjew, Foto auf Facebookseite der Partei Drugaja Rossija
Facebook/ Drugoros

Kirill Ananjew, Foto auf Facebookseite der Partei Drugaja Rossija

"Ich will, dass dieser Männer gedacht wird"

Etwa 1200 Euro bis 2000 Euro im Monat bekommen die Söldner der Wagner-Truppe laut CIT, je nach Erfahrung, plus hohe Prämien bei Kampferfolgen. Anspruch auf eine Versorgung ihrer Hinterbliebenen haben sie nicht, auch nicht auf eine anständige Bestattung.

Bevor die Kämpfer in den Einsatz ziehen, werden sie im südrussischen Krasnodar auf einer Basis trainiert. Auch Stanislaw Matwejew war dort, wie die Frau des Kosaken dem Internetportal Znak erzählte (Die deutsche Übersetzung finden sie bei dekoder.org). Sie beklagt, dass ihr Mann und seine Kameraden in Syrien keinerlei Schutz hatten:

"Wie die Schweine wurden sie zur Schlachtbank geführt. Ich will, dass die Regierung sie rächt."

Und sie fordert ein angemessenes Gedenken:

"Ich will, dass dieser Männer gedacht wird, dass die Frauen sich nicht schämen müssen für ihre Männer und die Kinder stolz sein können auf ihre Väter."

Doch der Staat wird sich nicht darum kümmern. Mehrmals hat es schon Diskussionen gegeben, Privatarmeen einen rechtlichen Rahmen zu geben, auch jetzt wird in der Duma wieder darüber diskutiert.

Farkchanur Gawrilowa, Mutter eines der Wagner-Soldaten
AP

Farkchanur Gawrilowa, Mutter eines der Wagner-Soldaten

Erstmals hatten regierungskritische russische Medien über die Söldnereinsätze in der Ostukraine vor drei Jahren berichtet, auch in Libyen und im Sudan sollen sie sein. In Syrien erledigen sie die gefährlichen Einsätze, kämpften an vorderster Front, etwa in Palmyra, erzählt Ruslan Lewijew von CIT. Bis zu 200 Wagner-Männer starben bis Ende vergangenen Jahres, schätzt er.

Für den Kreml ist der Einsatz der Privatarmee praktisch. Er kann den Militäreinsatz in Syrien gegen den islamistischen Terror als Krieg ohne große Verluste darstellen, bisher sind nach offiziellen Angaben 44 Soldaten ums Leben gekommen.

Unbequeme Fragen für den Kreml

Dass nun so viele Wagner-Kämpfer verletzt und getötet wurden, bedeutet für den Kreml viele unbequeme Fragen - und das nicht nur, weil die Lage am Boden entgegen Putins Erklärung über einen Sieg in Syrien alles andere als ruhig ist. Was machten die Russen nahe Deir al-Sor? Wie konnte es zu dem US-Angriff kommen? Und wieso warnte das mit den Amerikanern ständig in Verbindung stehende russische Hauptquartier in Syrien die Truppen der Privatarmee nicht? Wenn doch die russische Armee den Luftraum kontrolliert.

Dmitrij Utkin (r.), Kampfname "Wagner", mit Putin und anderen Kämpfern

Dmitrij Utkin (r.), Kampfname "Wagner", mit Putin und anderen Kämpfern

Bisher, so war die Annahme, operiert die Söldnerarmee, hinter der offenbar der Oligarch Jewgenij Prigoschin als Investor steht, unter Aufsicht des Militärgeheimdienstes GRU. Doch im vergangenen Jahr berichtete das Portal "Fontanka", seit 2017 komme nicht das russische Verteidigungsministerium, sondern die syrische Regierung für Finanzierung und Ausstattung der privaten Armee auf.

Gibt es also Interessenskonflikte? Dass beim Einsatz der Wagner-Armee nicht nur militärische Interessen im Vordergrund stehen, legen weitere Medienberichte nahe. So soll die Firma Ewro Polis von Prigoschin laut einem Vertrag, der AP vorliegt, 25 Prozent der Ölvorkommen von einer staatlichen syrischen Ölfirma bekommen, die Wagner-Kämpfer erobern und schützen sollen.

Die Gegend um Deir al-Sor ist reich an Ölvorkommen.


Zusammengefasst: In Syrien sind bei einem US-Luftangriff russische Kämpfer einer Privatarmee getötet worden. Warum sie sterben mussten und wie viele es sind, ist unklar. Russlands Führung hat nun zumindest das erste Mal seit Beginn des Syrieneinsatzes eingeräumt, dass fünf Männer gestorben seien. Angehörige der "Wagner"-Kämpfer fordern, dass ihrer Toten gedacht wird - doch das sieht das Gesetz nicht vor. Privatarmeen sind illegal.



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