Ausländische Dschihadisten in Syrien Handwerker des Krieges

Abu Jahja kommt aus Frankreich, zieht mit Birkenstock-Latschen und Kalaschnikow in den Kampf gegen Diktator Assad. Er ist einer von vielen ausländischen Dschihadisten, die auf Seiten der syrischen Rebellen kämpfen. Ihr Ziel: ein islamischer Staat.

REUTERS

Aus Aleppo berichtet Kurt Pelda


Er nennt sich Abu Jahja, ein Kriegsname, wie es ihn in Syrien zu Tausenden gibt. Abu Jahja ist 27 Jahre alt. Er trägt ein schwarzes T-Shirt und graue Dreiviertelhosen. Seine Füße stecken in Birkenstock-Sandalen, und an der Schulter hängt eine Kalaschnikow. Abu Jahja ist freundlich und entspricht damit überhaupt nicht dem Klischee vom antiwestlichen Fanatiker und Islamisten. Der junge Mann ist als Kind von algerischen Einwanderern im französisch-schweizerischen Grenzgebiet aufgewachsen. Eineinhalb Jahre lang arbeitete er in der Nespresso-Fabrik im schweizerischen Orbe. Sonst erzählt er nicht viel von seiner Vergangenheit.

Es sei nach Syrien gekommen, um seine Glaubensbrüder im Kampf gegen Präsident Assad zu unterstützen. "Ich habe mich auf eigene Faust aufgemacht, zuerst nach Istanbul und von da nach Gaziantep. Von dort waren es nur noch ungefähr 40 Kilometer bis nach Kilis, der letzten türkischen Ortschaft vor der syrischen Grenze. Wegen meines algerischen Passes ließen mich die Türken nicht über den offiziellen Grenzübergang. Aber die Rebellen halfen mir, in der Nähe einer Zementfabrik durch den Grenzzaun zu schlüpfen." Dann sei er in der syrischen Kleinstadt Aasas eine Woche lang an der Waffe ausgebildet worden. Danach habe man ihn nach Aleppo geschickt.

Aleppos Westfront ist das Mekka für ausländische Kämpfer

Abu Jahjas Kampfgruppe, rund 20 Männer und ein Junge, ist in einer Schule im südwestlichen Stadtteil Sukkari stationiert. Aleppos Westfront ist das Mekka für Ausländer, die in Syrien am heiligen Krieg teilnehmen wollen, denn hier waren die Kämpfe bis vor kurzem am heftigsten. Abu Jahja meint, es gebe in Sukkari ausländische Dschihadisten, vor allem aus Saudi-Arabien, Libyen, dem Irak, aber auch aus Tunesien, und er habe selbst einen Sudanesen getroffen.

Seine eigene Gruppe gehört zu einer Formation, die nicht Teil der Freien Syrischen Armee (FSA) ist, dem losen Netzwerk meist säkularer Rebelleneinheiten ohne fixe Ideologie. Abu Jahja gehört zu den Kataib Ahrar al-Scham, was frei übersetzt so viel wie "Bataillone der freien Syrer" heißt. Diese salafistische Bewegung ist gut organisiert, erhält finanzielle Unterstützung aus der Golfregion und operiert vor allem im Norden Syriens, wo sie schätzungsweise auf ein paar hundert Kämpfer kommt. Ihre Operationen koordinieren sich manchmal mit der FSA.

Ahrar al-Scham ist auch dafür bekannt, ausländische Dschihadisten bereitwillig in die eigenen Reihen aufzunehmen. Die Internetseite der Organisation ist professionell gestaltet. Sie enthält keinerlei antiwestliche Hasstiraden oder Aufrufe zu Terroranschlägen.

Der junge Hassan spielt Krieg am Computer

Der 24-jährige Abu Anas aus Aasas ist der Kommandant der Truppe in der Schule von Sukkari. Er trägt einen Bart, schulterlange gewellte Haare, ein schwarzes Poloshirt, schwarze Hosen und ockerfarbene Militärstiefel. Abu Anas ist schon zu Lebzeiten so etwas wie eine Legende. Von einem Experten, der im Irak gekämpft hat, wurde Abu Anas in die Kunst des Bombenbauens eingeführt.

In einem leeren Klassenzimmer präsentiert der junge Kommandant seine Sammlung: etwa 60 improvisierte Sprengsätze, von wenigen Kilogramm Gewicht bis zu Brummern von rund 50 Kilogramm. Aus Artilleriegranaten, die nicht explodiert sind, baut Abu Anas Bomben, die er in erster Linie gegen ungepanzerte Ziele einsetzt. "Sie sind wegen ihrer Splitterwirkung gegen Soldaten gedacht. Wir bringen sie in der Nacht in Häusern oder versteckt an Straßenrändern an. Wenn die Soldaten am Morgen kommen, zünden wir die Blindgänger per Funk oder über Drähte", erklärt Abu Anas.

Andere Sprengsätze sind in Gasflaschen und zusammengeschweißten Rohrstücken abgefüllt. "Die da ist mehr als 50 Kilo schwer. Es reicht auch, wenn die neben einem Kampfpanzer explodiert. Trotzdem wird der Panzer davon wie weggeblasen." Wie viele Panzer er denn schon vernichtet habe? Er wisse es nicht mehr, aber es seien auf jeden Fall viele gewesen, antwortet der Kommandant.

Draußen auf dem Gang sitzt Hassan, der Jüngste der Gruppe, an einem Computer. Er spielt Angreifer in einem Militärcamp und schießt virtuell auf Soldaten mit olivgrünen Uniformen und roten Baskenmützen. Hassan trägt ein schwarzes Stirnband, auf dem das muslimische Glaubensbekenntnis in weißer Schrift aufgemalt ist. Trotz der Hitze hat er schwarze fingerlose Wollhandschuhe übergestülpt. In allem, was der Junge tut, sucht er seine großen Vorbilder nachzuahmen.

Über der Schule kreist eine Aufklärungsdrohne, und gelegentlich fauchen Panzergranaten über das Gebäude und schlagen in dem Wohnviertel dahinter ein. Hassan versucht, die Bedrohung cool zu ignorieren, so wie das seine älteren Kameraden tun. Er sagt, er sei 16 Jahre alt, sieht aber eher aus wie 13. Noch hat er keine schwarzen Klamotten gefunden, noch trägt er Zivil, ein gestreiftes T-Shirt und graue Jeans. Manchmal darf er sich sogar eine Kalaschnikow umhängen.

Aus Blindgängern werden neue Sprengsätze

Auf der Innenseite der ockerbraunen Umfassungsmauer steht auf Arabisch: "Eine von Mohammed geführte Nation wird nie in die Knie gezwungen." Auf dem kleinen Vorplatz zwischen Mauer und Schulgebäude liegen insgesamt sechs Blindgänger, riesige Fliegerbomben der syrischen Luftwaffe. Bei einer steckt noch der verbeulte Zünder in der Spitze, die anderen hat Abu Anas schon entschärft. "Das ist eine gefährliche Angelegenheit, man muss sich extrem konzentrieren und darf keine Fehler machen", erklärt der junge Mann und lacht. Die vielen Blindgänger - Indiz für die schlechte Qualität der Bomben - dienen Abu Anas als Reservoir für Sprengstoff.

Für seine improvisierten Sprengsätze muss er sich so nicht mit einem Gemisch aus Düngemitteln und Treibstoff behelfen. Im Vergleich zur Bombenbaukunst von Abu Anas wirken andere Kampfgruppen wie Anfänger. Obwohl die Rebellen über zahlreiche Handgranaten "Made in Switzerland" verfügen, verwenden sie manchmal auch einen Eigenbau aus einem Wasserrohr, das mit einer Art Aufschlagzünder versehen ist. Die Spitze der Wurfgranate bildet eine Mokkatasse, die beim Aufschlag zerbricht. In den Boden der Tasse ist ein Loch gebohrt, durch das ein dünner Bolzen lugt. Dieser wiederum wird mit einem Splint am Tassenboden fixiert. Zerbricht die Tasse, schnellt der Bolzen durch Federdruck zurück und löst die Explosion aus.

Im Gegensatz zur sogenannten Nusra-Front (Jabhat al-Nusra), die in westlichen Medien gelegentlich als Ableger von al-Qaida bezeichnet wird, ist Ahrar al-Scham bisher nicht durch Selbstmordanschläge in Erscheinung getreten. Trotzdem ist offensichtlich, dass die Kämpfer von Abu Anas die irakische Qaida-Filiale des inzwischen getöteten Chef-Terroristen Abu Mussab al-Sarkawi bewundern. Das sieht man schon allein daran, dass sie schwarze Fahnen mitführen, die jener der irakischen Qaida aufs Haar ähneln.

Auf die Ideologie von Ahrar al-Scham angesprochen, antwortet der Algerier Abu Jahja: "Wir kämpfen für einen islamischen Staat in Syrien. Die Nusra-Front geht dagegen weiter. Sie will ein Kalifat in der ganzen Levante und im Irak einrichten."

Humanitäre Aktion der Kämpfer von Ahrar al-Scham

Neben Abu Jahja steht ein 18-jähriger Libyer aus Misurata. Er trägt ein Scharfschützengewehr aus russischer Produktion. Seinen Namen behält er für sich, aber er erzählt, dass er letztes Jahr im damals noch belagerten Misurata gegen Gaddafis Truppen gekämpft habe. In Libyen gibt es mehrere Netzwerke, die Dschihadisten nach Syrien schleusen. Bekannt als Sammelpunkt für Anhänger der islamistischen Weltrevolution ist zum Beispiel eine Moschee im noblen Vorort Gargaresch der Hauptstadt Tripolis. Auch aus der Stadt Derna im Osten des Landes stammt eine große Zahl libyscher Dschihadisten. Derna war schon während des Irak-Kriegs als Ausgangspunkt für Libyer bekannt, die gegen die Amerikaner im Zweistromland kämpfen wollten.

Rund 45 Kilometer nördlich der Schule in Sukkari befindet sich das Hauptquartier von Abu Anas im Städtchen Aasas. Die Kämpfer haben sich dort in einer Villa eines ehemaligen Heroinhändlers eingenistet. Auf dem Gelände steht neben einem leeren Swimmingpool eine Art Pagode und eine etwa drei Meter hohe goldene arabische Kaffeekanne aus Zement.

Die hier stationierten Kämpfer bereiten eine humanitäre Aktion bevor. Sie haben aus der Türkei eine Lastwagenladung Nahrungsmittel, Windeln und Damenbinden herbeigeschafft. Ein großer Teil davon soll nun an die Armen von Aasas verteilt werden. Der Chef der Gruppe, ein Albino, der wesentlich älter als der Durchschnitt der Kämpfer ist, geht eine Liste mit den Namen der Empfängerfamilien durch. Schamhaft werden die Damenbinden in schwarze Plastiksäcke verpackt und zu den Hilfspaketen gelegt. Überall zu sehen ist das Emblem der Islamistengruppe, ein grüner Adler, der mit dem Schriftzug von Ahrar al-Scham verwoben ist. Der Albino bestreitet, dass sich Ahrar al-Scham mit der Hilfsaktion beliebt machen und Kämpfer rekrutieren wolle.

Mit von der Partie ist auch ein blutjunger Kanadier mit arabischen Wurzeln. Er stammt aus Montreal und spricht Französisch mit kanadischem Akzent. Er sei ausschließlich in humanitärer Mission in Syrien unterwegs, behauptet er. Ist Ahrar al-Scham etwa eine Hilfsorganisation und keine Kampfgruppe? Ahrar al-Scham kämpfe für den Frieden und gegen das Monster Assad, antwortet der junge Kanadier. Dann fügt er hinzu: "Und weißt du was? Die wahren Terroristen, das sind die Länder Europas und natürlich Amerika, die in muslimischen Ländern einfallen und Muslime töten. Ich jedenfalls will nie mehr nach Kanada zurück."

insgesamt 41 Beiträge
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Andrycha 22.09.2012
1. Vor allem ...
im letzten Absatz zeigt es sich deutlich wie dämlich die "Rebellen" sind.
ewspapst 22.09.2012
2.
Zitat von sysopREUTERSAbu Jahjah aus Frankreich ist notdürftig an der Waffe ausgebildet, der junge Abu Anas hat als Bombenbauer einen legendären Ruf. Er lernt Hassan, fast noch ein Kind, an. Bei den "Bataillonen der freien Syrer" kämpfen viele Dschihadisten aus dem Ausland - für einen islamischen Staat. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,856925,00.html
Na toll, das sind also die Syrer, die von Assad unterdrückt wurden und die so friedlich agieren. Könnte es sein, dass es doch Multiuniversen gib, von denen man uns bisher immer nur die vollkommen friedlichen "Aktivisten" zeigte, mit den Wortend der syrischen Menschenrechtsorganisation in London.
simon23 22.09.2012
3.
Zitat von sysopREUTERSAbu Jahjah aus Frankreich ist notdürftig an der Waffe ausgebildet, der junge Abu Anas hat als Bombenbauer einen legendären Ruf. Er lernt Hassan, fast noch ein Kind, an. Bei den "Bataillonen der freien Syrer" kämpfen viele Dschihadisten aus dem Ausland - für einen islamischen Staat. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,856925,00.html
Heute mit "uns" - Morgen gegen uns. Und "wir"? Heute mit ihnen - morgen gegen sie. Wer ist der schlauere? Mir tut nur die Bevölkerung leid, die all diesen Machtspielen ausgeliefert ist. Aber natürlich gilt das selbe wie in Libyen: auch dies ist nur ein kleiner Ausschnitt aus der gesamten Wirklichkeit.
diepresselügt 22.09.2012
4. Ach so läuft der Hase....
Zitat von sysopREUTERSAbu Jahjah aus Frankreich ist notdürftig an der Waffe ausgebildet, der junge Abu Anas hat als Bombenbauer einen legendären Ruf. Er lernt Hassan, fast noch ein Kind, an. Bei den "Bataillonen der freien Syrer" kämpfen viele Dschihadisten aus dem Ausland - für einen islamischen Staat. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,856925,00.html
Jetzt geht es darum in Wirklichkeit einen Islamischen Staat zugründen...man kann nur hoffen das Assad gewinnt.
GuidoHülsmannFan 22.09.2012
5.
"in die Kunst des Bombenbauens eingeführt." Zwischen Studienfach "Töten" und "Propaganda" ist es im Rahmen des Terrorstudiums angenehm erfrischend, sich mit Methoden zu beschäftigen, die die Kreativität im Rahmen der Hinterlist fördern. Gut, dass das hier klargestellt wird.
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