Bombenterror in Damaskus: "Mein Gott, und wir nennen uns zivilisiert"

Aus Damaskus berichtet Thilo Thielke

Syrien: Bombenterror in Damaskus Fotos
AP/ SANA

Die Bomben gingen in einem Viertel hoch, in dem zwölf Schulen liegen - unter den Toten sind möglicherweise auch viele Kinder: Ein grauenhafter Anschlag hat das Zentrum von Damaskus erschüttert. Noch ist völlig unklar, wer hinter dem Terrorangriff steckt.

Auch wenige Stunden nach dem Anschlag ist die Straße al-Fayha in der Nachbarschaft des Hayat-Krankenhauses ein Ort des Grauens. Sirenen heulen, es stinkt nach Öl und Benzin, Verletzte hasten vorbei, notdürftig versorgt von den Sanitätern, die unmittelbar nach der Explosion der Bombe herbeigeeilt sind.

Ein Mann sammelt Leichenteile ein, eine kleine Hand, den Teil eines menschlichen Schopfes mit schwarzen Haaren, ein kleiner Klumpen Fleisch. Er sammelt alles in einer Plastiktüte. Neben ihm stöhnt der Imam Khaldun al-Khani unter seinem weißen Turban: "Mein Gott, und wir nennen uns zivilisiert. Was tun Menschen anderen Menschen heutzutage nur an?"

Es war gegen 10.30 Uhr, als die Autobombe hochging. Die Explosion war in der ganzen Stadt zu hören. Noch ein paar Kilometer entfernt war die Rauchsäule sichtbar. Es muss Dutzende Tote gegeben haben. Im syrischen Fernsehen konnte man die Bilder verkohlter Leichen sehen.

Nach der Explosion waren eine Reihe weiterer Erschütterungen zu vernehmen. Mindestens drei Autobomben sollen nacheinander hochgegangen sein. Danach fielen Schüsse. Nachbarn berichten von Scharmützeln, die es im Anschluss an die Explosionen gegeben habe. Möglich ist allerdings auch, dass die Sicherheitsleute nervös um sich schossen.

Bulldozer schieben zerfetzte Autowracks beiseite

Die Nerven liegen blank in Damaskus. Längst hat der Bürgerkrieg die syrische Hauptstadt erreicht. Immer wieder sind Detonationen und Schusswechsel zu hören. Sie kommen vorwiegend aus Daraja, einem südlichen Vorort von Damaskus, wo es der Armee von Baschar al-Assad seit Monaten nicht gelingt, die Rebellen zu vertreiben.

Was im Zentrum von Damaskus passiert, hat mit den Kämpfen zwischen bewaffneten Aufständischen und den regimetreuen Soldaten wenig zu tun. Es sind terroristische Anschläge, die die Jahrtausende alte Stadt erschüttern und die Zivilisten treffen. Wer die Bomben gelegt hat, ist unklar.

Nach den Explosionen zeichnet sich in der Straße ein pechschwarzer Krater ab. Er ist einige Meter tief. Hunderte von Autos sind zerstört. In Rauch aufgegangen, explodiert oder zerdrückt wie der Bus mit der Aufschrift Salama-Reisen. Bulldozer schieben die zerfetzten Wracks davon.

Von den Wohnhäusern fehlt zum Teil die gesamte Vorderfront. Immer wieder sieht man Menschen herumirren, die ihr Hab und Gut zusammensuchen. Nur das vermeintliche Ziel des Anschlags, das Hauptquartier der Baath-Partei rund hundert Meter entfernt, hat so gut wie nichts abbekommen. Auch die russische Botschaft einige Blocks weiter blieb nahezu unbeschädigt.

Der Sprengstoff war in Milchkannen versteckt

"Zwei Soldaten starben", sagt der Ammar Schamseddin, der als Wächter vor dem Parteigebäude steht. Neben ihm sind Sandsäcke aufgehäuft. Sein linker Arm wurde von Splittern getroffen und ist nun dick bandagiert. "Die überwältigende Zahl der Opfer sind Zivilisten - viele, viele wurden getötet."

Schamseddin sagt, dass seinen Leuten nach der Explosion ein Bus ohne Autokennzeichen aufgefallen sei. "Er war voller Milchkannen, und in den Milchkannen befand sich Sprengstoff." Diese Bomben hätten zum Glück entschärft werden können, bevor sie hochgingen.

"Hier sind doch fast nur Schulen", ruft der Lehrer Amer al-Risch von der Issam-Safeya-Schule. Er hatte gerade seinen Unterricht abgehalten in der Nähe, als die erste Explosion tönte. "Zunächst blieben wir alle in der Klasse. Schließlich haben wir uns alle mittlerweile an den Gefechtslärm gewöhnt", sagt Risch. Nachdem aber immer mehr Detonationen zu hören waren, ließ er die Schule evakuieren und brachte die Kinder in Sicherheit.

Zwölf Schulen gebe es in der Nachbarschaft, sagt der Lehrer. Er vermutet daher, dass sich Kinder unter den Opfern befinden. Wie zum Beweis hält ein aufgebrachter Nachbar einen zerfetzten Schülerrucksack und Kinderkleidung hoch, die er in der Nähe des Tatorts aufgelesen hat.

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1. Dr.
Redigel 21.02.2013
Zitat von sysopDie Bomben gingen in einem Viertel hoch, in dem zwölf Schulen liegen - unter den Toten sind möglicherweise auch viele Kinder: Ein grauenhafter Anschlag hat das Zentrum von Damaskus erschüttert. Noch ist völlig unklar, wer hinter dem Terrorangriff steckt. Syrien: Terroranschlag schockiert die Menschen in Damaskus - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-terroranschlag-schockiert-die-menschen-in-damaskus-a-884804.html)
Und es wird keine 30 Sekunden dauern, bis irgend ein Dödel hier im Forum zu 100% weiß, wer Schuld ist. Die Terroristen/Rebellen, dass Regime um Assad - die Rebellen wie Terroristen aussehen lassen will, SA, Türkei, Katar, Israel und irgend ein Honk wird wieder die USA erwähnen. Dabei ist es so einfach angesichts dieser Bilder einfach mal die Klappe zu halten, die Schuldfrage als sekundär zu erachten und dieses Ermorden von Unschuldigen einfach mal als solches zu verurteilen was es ist. Weit weg von Koran, Bibel, Tora und atheistischen Moral- und Ethikvorstellungen. Eine Sache die uns eigentlich alle mitsamt einen sollte.
2. Auf geht´s ...
geisterfahrer7 21.02.2013
Zitat von sysopDie Bomben gingen in einem Viertel hoch, in dem zwölf Schulen liegen - unter den Toten sind möglicherweise auch viele Kinder: Ein grauenhafter Anschlag hat das Zentrum von Damaskus erschüttert. Noch ist völlig unklar, wer hinter dem Terrorangriff steckt. Syrien: Terroranschlag schockiert die Menschen in Damaskus - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-terroranschlag-schockiert-die-menschen-in-damaskus-a-884804.html)
Auf geht´s verdrehen wir die Tatsachen: Assad steckt hinter den Anschlägen, um der Welt zu beweisen, dass sein Land von Terroristen angegriffen wird. Etwa in der Art oder? Schließlich läuft ja im Übrigen ja gerade der "arabische Frühling" dort ab.
3. Wer noch einen Hauch von...
olaf m. 21.02.2013
... Moral in sich hat, hört mit diesem Irrsinn auf - auf welcher Seite auch immer er sein mag...
4.
Galik 21.02.2013
Aus dem Artikel: "Was im Zentrum von Damaskus passiert, hat mit den Kämpfen zwischen bewaffneten Aufständischen und den regimetreuen Soldaten wenig zu tun. Es sind terroristische Anschläge, die die Jahrtausende alte Stadt erschüttern und die Zivilisten treffen." Warum hat es wenig mit den Kampfhandlungen zu tun? Wenn im Krieg Terrorangriffe gegen die Bevölkerung eingesetzt werden um die Moral zu schwächen, dann hat das sehr wohl damit zu tun und ist (leider) auch eine gängige Strategie. Oder haben zum Beispiel strategische Bombenangriffe auf bewohntes Gebiet oder Bombenanschläge von Partisanen im Hinterland (beides im 2. Weltkrieg auch von und gegen Deutschland eingesetzt) nichts mit dem Krieg zu tun? Natürlich - es kann auch sein, dass es sich hier um einen nicht relatierten Terrorakt handelt, der von einer nicht am Krieg beteiligten Gruppe ausgeht. Aber ist das wirklich die wahrscheinlichste Annahme? Meine persönliche Vermutung: Entweder eine extreme Gruppe der Oppositionellen oder eine False-Flag-Aktion der Regierung. Eher ersteres, die Regierung wäre ganz schön dumm, wenn sie das durchführen würde und die Gefahr eingeht dabei aufzufliegen.
5. Unglaublich
lebmah 21.02.2013
Das ist das wahre Gesicht der Terroristen in Syrien!!!Und sowas unterstützt der Westen noch!!Schade das im Bericht nicht genannt wird ,wer sich hinter den Anschlägen verbiergt!!In den arabischen Nachrichten wurde gesagt ,das sich eine Terror gruppe der Opposition ,sich zum Anschlag bekannt hat!!
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Bevölkerung: 22,505 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

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