Syrische Kriegsopfer "Ihr seht zu, wie wir massakriert werden"

Die Türkei lässt nur noch verwundete Flüchtlinge aus Syrien ins Land: Mit Brandwunden und zerfetzten Gliedmaßen werden sie in einem Krankenhaus in der Grenzstadt Kilis behandelt. Viele Opfer sind Kinder.

Von der türkisch-syrischen Grenze berichten und Charlotte Schmitz (Fotos)


SPIEGEL ONLINE/Charlotte Schmitz
Sieht so die Hölle aus? Ein Flur im Krankenhaus der türkisch-syrischen Grenzstadt Kilis. In den Zimmern liegen die Opfer des syrischen Bürgerkriegs, zu dritt, zu viert, zu fünft. Frauen mit verbrannter Haut, Kinder mit zerfetzten Gliedmaßen. Sie stöhnen vor Schmerzen. Sie weinen. Ärzte eilen von Patient zu Patient, rastlos, überfordert. Die Krankenwagen karren laufend neue Verwundete heran.

Fatima al-Dik, 65, sitzt am Krankenbett ihrer Enkel Musa, 5, und Raghad, 9. Ihr Kopftuch ist verrutscht. Ihre Augen sind gerötet. Der Fernseher an der Wand zeigt Bilder vom Krieg in Syrien. "Womit haben wir das verdient?", fragt sie.

Dik wurde am vorvergangenen Freitag in ihrer Wohnung in der Provinz Aleppo im Norden Syriens von einer Explosion aus dem Schlaf gerissen. Die Decke zitterte, Rauch quoll durch das Fenster. Eine Rakete der russischen Luftwaffe war im Nachbarhaus eingeschlagen, wo Fatimas Sohn Mahmud, 35, Bauer, mit seiner Frau Rajaa und den Kindern Musa und Raghad wohnte. Fatima al-Dik stürzte ins Freie. Mithilfe von Nachbarn befreite sie ihre Angehörigen aus den Trümmern. Rettungskräfte brachten die Familie in die Türkei.

Die Dörfer in der Provinz Aleppo waren vom Krieg lange Zeit weitgehend verschont geblieben. Die Freie Syrische Armee hatte die Region erfolgreich gegen die Truppen des Diktators Baschar al-Assad verteidigt. Doch der Eintritt Russlands in den Krieg hat das Machtgefüge zugunsten des Regimes verschoben.

Der Mitarbeiter einer Hilfsorganisation, der sich noch immer in Syrien aufhält und deshalb anonym bleiben möchte, spricht am Telefon von "apokalyptischen Szenen". Die russische Luftwaffe habe seit Anfang Februar im Norden der Provinz Aleppo jeden Tag bis zu 150 Angriffe geflogen. Dabei seien acht Schulen und vier Krankenhäuser zerstört worden. An einem einzigen Tag seien 50 Zivilisten ums Leben gekommen.

Der Angriff des Assad Regimes und Russlands auf Aleppo hat Zehntausende Menschen in die Flucht getrieben. Die Türkei jedoch riegelt die Grenze zu Syrien ab.

Der Grenzübergang nahe der türkisch-syrischen Grenzstadt Kilis ist für Syrer geschlossen.

Eine Mauer soll die Türkei gegen Flüchtlinge abschotten.

Die Türkei hat seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs 2,5 Millionen Syrer aufgenommen - mehr als jeder andere Staat.

Nun werden nur noch vereinzelt Syrer in die Türkei gelassen.

Verletzte und ihre Angehörigen dürfen die Checkpoints passieren. Alle anderen bleiben zurück.

Im Krankenhaus in der türkisch-syrischen Grenzstadt Kilis werden Verwundete versorgt.

Unter den Verwundeten sind viele Kinder.

Auch Fatima al-Diks Dorf wurde durch die russische Luftwaffe bombardiert. Bei dem Angriff wurden viele Menschen verletzt, auch ihr Sohn und die beiden Enkelkinder.

Fatima al-Diks Enkelkinder Musa und Raghad wurden schwer verletzt.

Die Klinik in der Grenzstadt Kilis ist zu einem Symbol geworden für das Grauen des syrischen Bürgerkriegs. Die Türkei hat die Grenze für syrische Flüchtlinge abgeriegelt. Kranke und Verletze werden jedoch ins Land gelassen. Allein in Kilis werden derzeit 140 Syrer behandelt. Das Krankenhaus ist überlastet. Im Foyer schlafen Menschen auf dem Boden. "Wir wissen nicht, wie lange wir die Menschen hier noch versorgen können", sagt ein Arzt.

Fatima al-Dik hält die Hand ihres Enkelsohns Musa. Kopf und Beine des Jungen sind verbunden. Er und seine Schwester haben sich bei der Explosion mehrere Knochen gebrochen. Im Zimmer nebenan liegt ihr Vater Mahmud, Fatimas Sohn. Er leidet an schweren inneren Blutungen und ist nicht ansprechbar.

In der Provinz Aleppo blieben zuletzt vor allem Kranke und Arme zurück, Menschen wie die al-Diks. Sie harrten in ihren Dörfern aus in der Hoffnung, der Krieg möge vorbeigehen. Doch der Krieg geht nicht vorbei. Er wird mit jedem Monat schlimmer.

"Wir führen einen Dreifrontenkrieg", sagt Abd Alsalm Hmedi, Kommandant der Freien Syrischen Armee (FSA) am Telefon. "Wir kämpfen gegen Assad, Russen, Iraner, Hizbollah im Süden, gegen den Islamischen Staat im Osten, gegen die Kurden im Westen." Die Rebellen fühlen sich von Europa und den USA im Stich gelassen. "Ihr habt die Revolution bejubelt, aber nun seht ihr zu, wie wir von Assad und den Russen massakriert werden", sagt Hmedi.

Ein Exodus hat in Aleppo eingesetzt: Zehntausende Menschen sind in den vergangenen Tagen aus ihren Dörfern geflohen. Nach Berichten von Hilfsorganisationen sind zwei Drittel der Flüchtlinge Frauen und Kinder.

Fatima al-Dik erhebt sich von ihrem Sitz. Sie läuft durch den Korridor, schüttelt den Kopf. "Unsere Heimat ist zerstört", sagt sie. "Die Türken wollen uns nicht. Die Europäer wollen uns nicht. Wo sollen meine Familie und ich jetzt hin?"

Mehr zum Thema im aktuellen SPIEGEL



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.