Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Umweltzerstörung in Syrien: Die giftigen Folgen des Krieges

Von

Langzeitfolgen des Kriegs: Sprengsätze, Giftmüll, Luftverschmutzung Fotos
AFP

Der Krieg in Syrien hat dramatische Folgen für die Umwelt. Sprengsätze, Giftmüll und Luftverschmutzung verseuchen Grundwasser und Böden. Das Ökosystem wird nach dem Ende des Konflikts Jahrzehnte brauchen, um sich zu erholen.

Berlin - Syrien ist schwer vom Krieg gezeichnet: Ganze Städte sind unbewohnbar, Tausende Zivilisten auf der Flucht, Kinder von ihren Eltern getrennt, laut Uno sind fast 200.000 Menschen gestorben. Neben dem menschlichen Leid und dem wirtschaftlichen Desaster bedeutet Krieg immer eine Katastrophe für die Umwelt. Die niederländische Organisation Pax hat die Situation in Syrien untersucht und kommt zu dramatischen Ergebnissen: "Weite Teile der Umwelt sind bereits nachhaltig verwüstet, giftige Stoffe aus Munition, Häuserruinen oder Müll dringen in die Böden ein und verschmutzen das Grundwasser", sagt Wim Zwijnenburg.

Die Nichtregierungsorganisation ist eine der wenigen Einrichtungen, die sich mit den Auswirkungen des Militäreinsatzes auf die Umwelt beschäftigen. "Schon jetzt sind die direkten und indirekten Folgen des Krieges sichtbar", erklärt Zwijnenburg. "Es wird mindestens 25 Jahre dauern, bis sich die Umwelt in Syrien wieder einigermaßen erholt hat." Bis dahin seien Böden und Wasser kontaminiert. Die giftigen Stoffe könnten die Gesundheit der Menschen deutlich beeinträchtigen.

Menschen im Irak leiden noch heute unter Kriegsfolgen

Aus vergangenen Kriegen wissen die Experten, wie schwer die Folgen wiegen können. Das Ökosystem im Irak etwa wurde 2003 so stark geschädigt, dass es sich bis heute nicht erholt hat - und jetzt wütet dort schon wieder ein Krieg: Der Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat".

Ein großer Teil der biologischen Vielfalt ist im Irak bereits dadurch dauerhaft verloren gegangen, dass Wälder gerodet wurden und sich Wüsten bildeten. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) warnte vor langfristigen Gefahren, die von verschmutzem Grundwasser und nicht ordnungsgemäß entsorgtem Giftmüll ausgehen. "Studien zeigen, dass die Krebsraten in den betroffenen Gebieten deutlich gestiegen sind", sagt Angelika Claußen vom Verein Internationale Ärzte für die Verhütung von Atomkrieg (IPPNW). "Außerdem gibt es eine ansteigende Rate von Kindern, die mit Missbildungen geboren werden." Durch die Zerstörung von Häusern und Industrie sowie durch den Einsatz radioaktiver Uranmunition seien Schadstoffe in Oberflächengewässer und Böden gelangt. Mehr als ein Jahrzehnt später litten die Menschen immer noch an den Kriegsfolgen.

Luftverschmutzung durch zerbombte Häuser

"Uranmunition wird in Syrien, soweit wir wissen, nicht eingesetzt", sagt Zwijnenburg. "Dafür sind Fassbomben ein großes Problem." Die improvisierten Bomben bestehen aus mit Sprengstoffen und Metallteilen gefüllten Fässern und werden vor allem von den Streitkräften der syrischen Regierung aus Flugzeugen auf die Städte abgeworfen. "Etwa 40 Prozent der Bomben explodieren nicht", erklärt Zwijnenburg. "Die giftigen Sprengstoffe und Schwermetalle entweichen dann aus den Fässern und dringen in Böden und Gewässer ein." Auch die Luftverschmutzung durch zerbombte Gebäude spiele eine große Rolle. Das Klima in Syrien ist sehr trocken, die Partikel von zerstörten Häusern bleiben dadurch länger in der Luft. "In vielen Häusern wurde Asbest verbaut", erklärt Zwijnenburg. "Die Menschen atmen die giftigen Stoffe nun ein und können Lungenschäden davon bekommen."

Im Osten Syriens kontrollieren inzwischen Rebellen die meisten Ölfelder. Sie kennen sich mit der Förderung nicht aus und beschäftigen ungelernte Zivilisten und Kinder, um an die Rohölreserven heranzukommen. Was passiert, wenn unkontrolliert enorme Rußmengen in die Atmosphäre qualmen, kann man ebenfalls am Beispiel des letzten Golfkrieges sehen: Laut der Umweltorganisation Greenpeace verpesteten nach dem Brand von Ölquellen mehrere Tausend Tonnen krebserregender Stickstoffe die Luft und drangen als "schwarzer Regen" in die Böden ein.

Böden durch unprofessionelle Ölförderung verschmutzt

Auch in Syrien sind die Folgen der unprofessionellen Ölförderung bereits erkennbar. "In dieser Region wurde traditionell immer Landwirtschaft betrieben", sagt Pax-Mitarbeiter Zwijnenburg. "Durch den giftigen Rauch, der durch die nicht fachgerechte Förderung entsteht, sind die Böden so verseucht, dass nichts mehr angebaut werden kann."

Eine weitere Folge des Konflikts: In Kriegszeiten gebe es nicht genügend Experten, die sich um die Instandhaltung des alltäglichen Versorgungssystems kümmerten. So sei auch die Abfallentsorgung in Syrien komplett zusammengebrochen. "Besonders in den Großstädten, wie Homs oder Aleppo, liegt überall Müll in den Straßen", erklärt Zwijnenburg. "Die Bevölkerung weiß nicht, wie man den Müll richtig entsorgt, und kommt so mit giftigen Stoffen in Berührung."

Zum jetzigen Zeitpunkt könne man das volle Ausmaß der Umweltzerstörung in Syrien noch gar nicht abschätzen. "Es ist zu gefährlich, hinzufliegen und Proben zu entnehmen", sagt Zwijnenburg.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Syrien-Reiseseite



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: