Syrien und Libanon Israels Angst vor der iranischen Front

Irans Macht im Nahen Osten war das bestimmende Thema bei der Münchner Sicherheitskonferenz. Die Sorge vor einem Krieg zwischen Israel und Teherans Verbündeten wächst.

Israelische Soldaten
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Israelische Soldaten

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Benjamin Netanyahu hat einen Hang zu theatralischen Aufritten. 2012 trat der israelische Ministerpräsident mit einem Bombendiagramm vor die Uno-Generalversammlung, um vor der Gefahr des iranischen Atomprogramms zu warnen. Damals erntete der Premier für seine Inszenierung vor allem Hohn und Spott.

Benjamin Netanyahu in München
AFP PHOTO / MSC Munich Security Conference / LENNART PREISS

Benjamin Netanyahu in München

Nun, knapp sechs Jahre später, ist Netanyahu erneut mit einer Requisite vor Politiker und Diplomaten aus aller Welt getreten - und wieder geht es um Iran. Bei seiner Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz präsentierte der Israeli ein Stück Metall - angeblich ein Teil der iranischen Drohne, die das Militär am Samstag vor einer Woche über Nordisrael abschoss.

"Herr Zarif, erkennen Sie das? Das sollten Sie. Es gehört Ihnen", sagte Netanyahu an die Adresse des iranischen Außenministers Mohammad Javad Zarif gerichtet, der ebenfalls an der Sicherheitskonferenz teilnahm, aber während der Rede nicht im Saal war. "Stellen Sie Israels Entschlossenheit nicht auf die Probe", warnte Netanyahu.

Und diesmal fällt die Reaktion auf die Rede des israelischen Regierungschefs deutlich verständnisvoller aus als vor sechs Jahren. Denn die Fakten sprechen für sich: Iran hat seine militärische Präsenz in den arabischen Staaten des Nahen Ostens in den vergangenen Jahren deutlich ausgebaut. Das gilt für den Irak und Libanon, aber mehr noch für Syrien.

Iran verstärkt Militärpräsenz in Syrien

Am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz beschrieb Mossad-Chef Yossi Cohen bei bilateralen Treffen mit Kollegen von anderen Geheimdiensteneine immer gefährlichere Lage, in der sich sein Land befinde. Die Warnung seines Chefs Netanyahu, dass Israel irgendwann zurückschlagen müsse, sei durchaus ernst zu nehmen.

Benjamin Netanyahu vor der Uno 2012
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Benjamin Netanyahu vor der Uno 2012

Experten vom US-amerikanischen Think Tank "Institute for the Study of War" schätzen, dass iranische Militärberater auf rund 40 Armeestützpunkten in Syrien stationiert sind. Obwohl das politische Überleben von Irans Verbündetem Baschar al-Assad an der Spitze des syrischen Staats vorerst gesichert ist, fährt Teheran sein militärisches Engagement in dem Bürgerkriegsland nicht zurück.

Längst geht es nicht mehr darum, dem iranischen Vasallen Assad zu helfen. Inzwischen konzentriert sich das Regime darauf, in Syrien eine zweite Front gegen Israel zu errichten. Die erste Front existiert seit Jahren entlang der Grenze zwischen Israel und dem Libanon. Im Südlibanon hat die von Iran ausgerüstete und finanzierte Hisbollah in den 18 Jahren seit dem israelischen Rückzug aus dem Gebiet einen Staat im Staate errichtet.

Die Miliz verfügt nach eigenen Angaben über Zehntausende Raketen: Von Katjuscha-Kurzstreckenraketen bis zu Mittelstreckenraketen, die Iran über Syrien in den Libanon gebracht hat. Hisbollah-Generalsekretär Hassan Nasrallah tönt, seine Truppen könnten mittlerweile jeden Ort Israels mit Raketen treffen. Das ist selbst für die Militärmacht Israel eine echte Bedrohung.

Hassan Nasrallah
AP

Hassan Nasrallah

In Israel ist die Furcht groß, dass Iran im Südwesten Syriens ähnliche Pläne verfolgen könnte: Den Aufbau einer Front gegen Israel - mit Militärberatern der iranischen Revolutionswächter und Milizionären, die von Teheran trainiert und finanziert werden. Laut Mossad-Chef Cohen habe Iran unter dem Schutz Russlands modernste Waffensysteme nach Syrien verlegt, die nun gegen Israel in Stellung gebracht werden könnten. Mehrmals hat das israelische Militär solche Transporte zerstört, wenn diese aus der Luft entdeckt werden konnten.

Sorge vor drittem Libanonkrieg

Die massiv aufgerüstete Hisbollah könnte den militärischen Handlungsspielraum der Israelis in Syrien erheblich einschränken. Schon bei der jüngsten Eskalation nach dem Abschuss eines israelischen Kampfjets durch die syrische Luftabwehr und dem anschließenden Gegenschlag fürchteten die Militärstrategen in Israel eine scharfe Reaktion der Hisbollah, konkret also Raketenangriffe auf den Norden des Landes.

Ein solches Szenario wurde auf den Fluren der Sicherheitskonferenz schon ausführlich als schlimmster denkbarer Fall diskutiert, würde es doch unweigerlich den Beginn eines dritten Libanonkriegs bedeuten. Doch diesmal wäre der Konflikt wohl nicht mehr nur auf den Libanon und Israel beschränkt. Israel würde wohl auch die iranischen Stützpunkte in Syrien angreifen. Wie Iran und seine Verbündeten wiederum darauf reagieren würden - das gehört zu den Unwägbarkeiten im Konflikt zwischen Jerusalem und Teheran.

Nach dem Abschuss des israelischen F-16-Kampfjets vor zehn Tagen sollen die Russen die Eskalation durch ihre Kontakte nach Teheran und Damaskus noch abgewendet haben. Ob dies in den kommenden Monaten bei ähnlichen Vorfällen erneut gelingen würde, vermag niemand vorherzusagen.

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