Bürgerkrieg in Syrien: Uno bestätigt Einsatz von Nervengift bei Damaskus

Kämpfe in Syrien: "Klare und überzeugende" Beweise Zur Großansicht
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Kämpfe in Syrien: "Klare und überzeugende" Beweise

"Klare Beweise": In Syrien sind nach Uno-Informationen tatsächlich Boden-Boden-Raketen mit dem Nervengift Sarin eingesetzt worden - dies geht aus dem offiziellen Bericht der Uno-Inspektoren vor Ort hervor.

New York -Die Uno-Chemiewaffeninspekteure haben in Syrien "klare und überzeugende" Beweise für einen Angriff mit dem Giftgas Sarin am 21. August in der Nähe von Damaskus gefunden. Das Gas sei mit Boden-Boden-Raketen verschossen und "auch gegen Zivilisten, darunter viele Kinder", eingesetzt worden. Das geht aus einem 38-seitigen Bericht des schwedischen Professors Åke Sellström hervor, den die Vereinten Nationen am Montag in New York vorstellten. Sellström leitet die Untersuchung der Uno-Chemiewaffen-Inspekteure in Syrien. Wie furchtbar die Auswirkungen des syrischen Bürgerkrieg inzwischen sind, schilderte auch eine vom Uno-Menschenrechtsrat berufene Untersuchungskommission unter der Leitung des brasilianischen Diplomaten Paulo Pinheiro.

Bei dem Giftgasangriff vor vier Wochen sollen mehr als 1400 Menschen ums Leben gekommen sei. Sarin gehört zu den am meisten gefürchteten Kampfstoffen: Es ist farblos, geruchlos, geschmacklos - und laut Weltgesundheitsorganisation 26 Mal tödlicher als Zyanid.

Syriens Regierung und die Rebellen beschuldigen sich gegenseitig, die weltweit geächteten Waffen einzusetzen. Das Mandat der Inspektoren richtete sich nur darauf zu untersuchen, ob und welche Chemiewaffen eingesetzt worden waren. Dagegen sollte die Frage, wer für den tödlichen Einsatz verantwortlich ist, ausdrücklich nicht beantwortet werden.

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon sprach bei der Vorstellung des Berichts im Sicherheitsrat von einem schweren Schock. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) forderte, dass der Sicherheitsrat den Internationalen Strafgerichtshof einschaltet, damit die Verantwortlichen für den Giftgasangriff zur Rechenschaft gezogen werden. "Deutschland steht mit seiner großen Expertise bereit, die Vernichtung von Chemiewaffen engagiert mit Rat und Tat zu unterstützen", sagte Westerwelle nach Angaben des Auswärtigen Amtes.

"Während wir reden, gibt es Bombardements"

Nach einer Vereinbarung der USA mit Russland muss das Assad-Regime sein Chemiewaffenarsenal bis Samstag offenlegen. In den kommenden Monaten sollen die Chemiewaffen dann aus dem Bürgerkriegsland gebracht und zerstört werden. Bis Mitte 2014 soll der Prozess abgeschlossen sein. Allerdings geht der ehrgeizige Plan nur auf, wenn das Assad-Regime in vollem Umfang kooperiert.

Mit einer "starken und bindenden" Resolution wollen die USA, Frankreich und Großbritannien deshalb im UN-Sicherheitsrat den Druck auf die syrische Führung erhöhen, ihre Zusagen auch umzusetzen. Allerdings bremst Russland den Westen aus und lehnt die Androhung von Gewalt weiter ab. Die Uno-Vetomacht sieht außerdem kaum Chancen, dass der Weltsicherheitsrat noch in dieser Woche eine Syrien-Resolution verabschiedet.

Die vom Uno-Menschenrechtsrat berufene Syrien-Kommission erhob am Montag in Genf schwere Vorwürfe gegen die Führung in Damaskus. "Die große Mehrheit der Opfer dieses Konfliktes gibt es durch illegale Angriffe mit konventionellen Waffen", sagte der Chef dieser Kommission, der brasilianische Diplomat Paulo Pinheiro. "Die größte Obszönität in Syrien sind nicht die Angriffe mit chemischen Waffen, die höchstens 2000 bis 2500 Menschen getötet haben. Es gibt Zehntausende Menschen, die bei Bombardierungen ums Leben kamen. Der Hohe Kommissar schätzt, 100 000 (Tote) in diesen zwei Jahren", so Pinheiro im Interview der brasilianischen Zeitung "Folha de São Paulo". Der konventionelle Krieg geht weiter: "Während wir reden, gibt es Bombardements."

Pinheiros Expertengruppe geht insgesamt 14 Verdachtsfällen von Chemiewaffenangriffen in Syrien nach. Nach derzeitigem Stand sei es allerdings unmöglich, die seit Ende 2011 verübten mutmaßlichen Angriffe der einen oder anderen Konfliktpartei zuzurechnen, sagte Pinheiro in Genf. Er begründete dies mit Schwierigkeiten, Beweise für die Attacken zu sammeln. Die syrische Regierung verweigert der Kommission bislang die Einreise.

Islamisten weiten Einfluss unter Rebellen weiter aus

Im syrischen Bürgerkrieg haben Islamisten und "Gotteskrieger" ihren Einfluss inzwischen stark ausgeweitet. Nach einer Studie des Londoner Forschungsinstitutes IHS Jane's setzen sich die Rebellen aus mehr als 1000 Gruppierungen zusammen. Unter den etwa 100 000 bewaffneten Rebellen gebe es rund 10 000, die für besonders mächtige Gruppierungen im Umfeld der Terrororganisation al-Qaida kämpfen - darunter auch Kämpfer aus dem Ausland, zitierte die britische Zeitung "Daily Telegraph". Die Organisationen al-Nusra-Front und Islamischer Staat im Irak und Syrien seien dominierend.

30 000 bis 35 000 weitere seien extreme Islamisten, die ähnliche Anschauungen wie die "Gotteskrieger" hätten. Weitere 30 000 hätten Verbindungen zu Gruppen, die islamistisch aber nicht terroristisch geprägt sind. Im Ergebnis habe nur eine kleiner Teil der Rebellen tatsächlich politisch-nationale Interessen.

hmo/dpa/Reuters/AFP

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insgesamt 313 Beiträge
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1. Und wo ist jetzt die
derwolf80 16.09.2013
DAS Nervengas eingesetzt wurde hat niemand bestritten und keiner bezweifelt. DAS die Inspekteure NICHT herausfinden werden, WER das Gas eingesetzt hat übrigens auch... Und egal, wer sich jetzt äußert - er stützt seine Behauptungen (mal wieder) auf nicht vorhandene Informationen... Also bleibt die Frage stehen: WO SIND HIER DIE NEWS?
2. Nachweis
bolemichel 16.09.2013
Sarin nachzuweisen ist nicht sonderlich schwer. Die Schwierigkeit wird wohl darin liegen, die Personen zu nennen, die es eingesetzt haben. Das wird in dem Chaos wohl unmöglich sein.
3. Nichts Neues!
studiumgenerale 16.09.2013
Informationen, die jeder bereits kennt. Die Frage ist nur, WER die C-Waffen eingesetzt hat?
4.
neill1983 16.09.2013
Zitat von sysopIn Syrien sind nach Uno-Informationen Geschosse mit dem Nervengift Sarin eingesetzt worden - dies geht aus einem Bericht Uno-Inspekteure vor Ort hervor. Er soll noch im Laufe des Tages offiziell vorgelegt werden. Syrien Uno bestätigt Einsatz von Nervengift in Damaskus - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-uno-bestaetigt-einsatz-von-nervengift-in-damaskus-a-922509.html)
Das haben schon alle vorher gewusst denke ich mal. Die Frage ist nur, wer hat es WIRKLICH abgefeuert. Naja, ich kann mir gut denken, dass es beide Seiten waren. Assad Regime, weil manche vllt einen Erfolg verbuchen wollten (also die Kommandeure usw.) Rebellen um ein Eingreifen der westlichen Mächte zu fordern. Hierbei sei noch gesagt, dass ich auf keinen Fall für die Rebellen bin... Zwar auch nicht für das Assad Regime, aber, wenn ich mich entscheiden müsste, dann doch eher für Assad...
5.
Steuerzahler0815 16.09.2013
Hat Herr Assad auch nie bestritten Nur hat nicht Herr Assad diese Geschosse abgefeuert sondern die Rebellen Eventuell war es auch ein Unfall weil ein Marschflugkörper ein Chemiewaffenlager getroffen hat Jedenfalls ist Assad nicht der Schuldige, allerhöchstens der Verantwortliche weil er seine Chemiewaffen nicht ausreichend beschützt hat vor feindlichen Zugriff
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Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

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