Chan Scheichun Uno-Ermittler machen Assad für Giftgasattacke verantwortlich

Die Uno-Untersuchungskommission hat keinen Zweifel: Die syrische Armee steckt hinter dem Sarin-Angriff auf die Kleinstadt Chan Scheichun Anfang April.

Tatort in Chan Scheichun
AFP

Tatort in Chan Scheichun


Zum ersten Mal benennt ein Gremium der Vereinten Nationen offiziell die Verantwortlichen für den Giftgasangriff auf die syrische Stadt Chan Scheichun am 4. April. "Die syrische Luftwaffe hat in Chan Scheichun Sarin eingesetzt", heißt es in dem aktuellen Bericht der unabhängigen Uno-Untersuchungskommission für Syrien, der am Mittwoch vorgestellt wurde. Mindestens 83 Menschen wurden bei der Attacke getötet, darunter 28 Kinder.

Die Uno-Ermittler stützen sich auf Untersuchungsergebnisse der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW), auf Fotoaufnahmen und Satellitenbilder sowie auf Interviews mit 43 Überlebenden, Zeugen, Ersthelfern und Medizinern. Die Kommission bat auch die syrische Regierung um Informationen zu dem Vorfall. Eine entsprechende Verbalnote vom 7. April hat Damaskus bis heute nicht beantwortet.

Die Uno-Kommission geht nun einen Schritt weiter als die OPCW. Die Organisation für das Verbot chemischer Waffen hatte zwar Anfang Juli eindeutig festgestellt, dass am 4. April in Chan Scheichun Sarin eingesetzt wurde - nannte aber keinen Verantwortlichen, weil die OPCW hierfür kein Mandat besitzt.

Alle anderen Hypothesen, die von syrischer und russischer Seite oder vom US-Journalisten Seymour Hersh vorgebracht wurden - etwa, dass ein Sarin-Lager der Terroristen am Boden getroffen wurde und das Nervengift so freigesetzt wurde - seien nicht haltbar, heißt es in dem Uno-Bericht. Auf Fotos habe man eine chemische Bombe identifiziert, die in der ehemaligen Sowjetunion hergestellt worden sei. "Alle verfügbaren Beweise" ließen die Kommission schlussfolgern, dass ein syrischer Kampfjet diese Sarin-gefüllte Bombe über Chan Scheichun abgeworfen hat.

Das ist ein Kriegsverbrechen - nicht das einzige an jenem Apriltag in dem Ort: Knapp fünf Stunden nach dem Sarin-Angriff bombardierten "syrische und/oder russische Truppen" das unterirdische Krankenhaus in der Kleinstadt. Dabei setzten sie Streubomben ein, so die Uno-Ermittler. (Lesen Sie hier unsere ausführliche Rekonstruktion des Angriffs auf Chan Scheichun)

Insgesamt hat die Uno-Kommission damit seit Kriegsbeginn 33 Chemiewaffeneinsätze in Syrien dokumentiert. In mindestens 27 Fällen seien die Truppen von Diktator Baschar al-Assad verantwortlich.

Die syrische Regierung hat sämtliche Vorwürfe stets zurückgewiesen. Assad nannte den Angriff von Chan Scheichun "zu hundert Prozent konstruiert".

Konsequenzen muss der Staatschef vorerst ohnehin nicht fürchten, weil Russland und China im Uno-Sicherheitsrat die Einrichtung eines Sondertribunals für die Kriegsverbrechen in Syrien verhindern. Die frühere Uno-Chefanklägerin Carla Del Ponte verließ deshalb vor einem Monat die Untersuchungskommission aus Protest. "Ich gebe auf", sagte Del Ponte Anfang August. Der Sicherheitsrat wolle "keine Gerechtigkeit".

syd

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