Syrien: Uno-Nothilfebeauftragte bezeichnet Homs als "total zerstört"
Die monatelangen Proteste in Syrien haben auch in den Städten deutliche Sputen hinterlassen. Bei ihrem Besuch in Homs bezeichnete die Uno-Nothilfebeauftragte Amos die Protesthochburg als "total zerstört". Der schwer umkämpfte Stadtteil Bab Amr sei menschenleer.
Beirut/Damaskus - Homs ist inzwischen zum Inbegriff der Gewalt in Syrien geworden. Seit Monaten wird die drittgrößte Stadt des Landes heftig umkämpft, sie gilt als Hochburg des Protests. Und das hat offenbar Sputen hinterlassen. Nach Angaben der Uno-Nothilfebeauftragte Valerie Amos ist die Stadt "total zerstört".
Für eine knappe Stunde habe Amos am Mittwoch einige Viertel besuchen dürfen, sagte ihre Sprecherin Amanda Pitt am Mittwoch in New York. Die von der Opposition kontrollierten Stadtgebiete habe Amos jedoch aus "Sicherheitsgründen" nicht sehen dürfen. Zuvor hatte ihr der syrische Außenminister Walid Muallem bei einem Gespräch in Damaskus freien Zugang zugesagt. Seine Regierung wolle mit Amos kooperieren, "solange dies nicht die Souveränität Syriens verletzt".
Begleitet wurde Amos von einem Team des syrischen Roten Halbmonds. Die Helfer seien am Nachmittag in das einen Monat lang schwer umkämpfte Viertel Bab Amr vorgelassen worden, teilte eine Sprecherin des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) in Genf mit. Nähere Angaben konnte sie zunächst nicht machen. Amos beschrieb den Stadtteil ihrer Sprecherin zufolge als verlassen, die meisten Einwohner seien geflohen. Amos will bei ihrem bis Freitag dauernden Besuch erreichen, dass Bedürftige ohne Einschränkung Zugang zu humanitärer Hilfe erhalten. Internationalen Hilfsorganisationen dürfe nicht weiter der Zugang zu den Bedürftigen verwehrt werden.
Das Rote Kreuz hatte lange vergeblich auf Zugang zu dem Viertel gewartet. Angesichts der sich verschlechternden humanitären Lage in Syrien hatte sich Amos für die Forderung des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) nach einer täglichen Feuerpause zwischen den Konfliktparteien ausgesprochen. Aktivisten hatten in den vergangenen Tagen über Hinrichtungen, Massenfestnahmen, Vergewaltigungen und Plünderungen in Bab Amr berichtet.
Bei der Bombardierung von Homs wurden nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch etwa 700 Menschen getötet und Tausende verletzt. Am Mittwoch starben in Homs nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte mindestens vier Menschen. Nach dem Abzug der Deserteure der Freien Syrischen Armee hatte die Armee das Viertel Bab Amr am Donnerstag vergangener Woche eingenommen. Seither sollen Tausende Zivilisten aus dem vormals umkämpften Stadtteil geflohen sein. Ein Großteil der Bevölkerung sei mittlerweile in andere Gebiete geflüchtet, sagten die Helfer nach ihrem Besuch.
Putin: "Frage nach Asyl für Assad stellt sich nicht"
Damaskus hatte der Einreise der Nothilfekoordinatorin Amos am Montag erst nach erhöhtem internationalen Druck zugestimmt. Ein Besuch des früheren Uno-Generalsekretärs Kofi Annan, der Ende Februar von den Vereinten Nationen und der Arabischen Liga zum Sondergesandten für Syrien ernannt wurde, ist für Samstag geplant.
Britische Militärexperten erwarten unterdessen kein schnelles Ende des syrischen Bürgerkriegs. Nach Einschätzung des Internationalen Instituts für Strategische Studien (IISS) in London steht das Regime von Präsident Baschar al-Assad auch nach Monaten heftiger Kämpfe noch nicht vor dem Kollaps.
US-Verteidigungsminister Leon Panetta kündigte im Senat an, die Aufständischen mit Kommunikationsmitteln zu versorgen. Am Mittwoch forderte das russische Außenministerium sowohl von der syrischen Regierung als auch von der Opposition ein "sofortiges" Ende der Gewalt. Der künftige Präsident Wladimir Putin sagte vor Journalisten, die Frage nach einem möglichen politischen Asyl für Assad stelle sich nicht. Der tunesische Präsident Moncef Marzouki hatte kürzlich gesagt, er sei bereit, Assad aufzunehmen, der aber auch nach Russland gehen könne.
Seit Beginn der blutigen Niederschlagung der Proteste gegen Staatschef Assad vor rund einem Jahr sind nach Angaben einer Menschenrechtsgruppe fast 8500 Menschen getötet worden. Die große Mehrheit der Getöteten - knapp 6200 Menschen - seien Zivilisten gewesen, erklärte die in London ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Mittwoch. Seit März 2011 starben den Angaben zufolge zudem 1835 Soldaten und Angehörige der Sicherheitskräfte sowie 428 Deserteure.
Syrische Sicherheitskräfte gehen seit dem Beginn der Proteste Mitte März 2011 mit Gewalt gegen die Demonstranten im ganzen Land vor. Ende Februar hatte der Uno-Vize-Generalsekretär für politische Angelegenheiten, Lynn Pascoe, gesagt, bei der Gewalt seien "sicherlich weit mehr als 7500 Menschen" getötet worden. Die Vereinten Nationen machen seit Ende Januar keine präzisen Angaben mehr über die Zahl der Toten in Syrien, weil es unmöglich ist, überprüfbare Angaben zu erhalten.
lgr/aar/dpa/AFP/Reuters
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Mittwoch, 07.03.2012 – 23:14 Uhr
- Drucken Versenden
- Nutzungsrechte Feedback
- Kommentieren | 6 Kommentare
- Syrische Flüchtlinge: Endstation Elend
- Schleuser in Syrien: Der Menschenträger
- "Freie Syrische Armee": Der Hass der Grenzkrieger
- Bürgerkrieg in Syrien: Entkommen aus Assads Hölle
- Syrische Flüchtlinge in der Türkei: "Assad soll hängen"
- Syrischer Widerstand: Mit Smartphones gegen Kalaschnikows
- Rebellen in Syrien: Der Henker von Bab Amr
- Assads Gefängnisse: In der Hölle wächst der Widerstand
Bevölkerung: 22,505 Mio.
Hauptstadt: Damaskus
Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad
Regierungschef: Wail al-Halki
Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Syrien-Reiseseite
- Gewalt in Syrien: Uno-Nothilfebeauftrage Amos reist nach Homs (07.03.2012)
- Assad-Regime: Strategen warnen vor blutigem Abnutzungskrieg (07.03.2012)
- Wirtschaft in Syrien: Öl weg, Touristen weg, Geld weg (07.03.2012)
- Krieg in Syrien: Im Visier der Todesschwadronen (06.03.2012)
- Homs: Regime begründet Hilfsboykott mit Straßenreparaturen (05.03.2012)
- US-Senator: McCain fordert Luftangriff auf Syrien (05.03.2012)
- Fotos aus Syriens Bürgerkrieg: Kinderspiel über der Leichengrube (03.03.2012)
- Homs: Syrische Behörden lassen Rotes Kreuz nicht nach Baba Amr (04.03.2012)
- Bürgerkrieg in Syrien: Auch China drängt Assad zum Ende der Gewalt (04.03.2012)
MEHR AUS DEM RESSORT POLITIK
-
Abgeordnete
Bundestagsradar: Alle Fakten, alle Abstimmungen, alles Wissenswerte -
Regierung
Schwarz-gelbe Koalition: Das ist Merkels Kabinett -
Umfragen
"Sonntagsfrage": Der aktuelle Trend anhand von Umfragen -
Nachgefragt
Abgeordnetenwatch auf SPIEGEL ONLINE: Ihr direkter Draht in die Politik -
Rundgang
Kanzleramt, Bundestag, Ministerien: Das ist das politische Berlin

Möchten Sie ein anderes Land erkunden?