Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Uno: Syriens Regime entgleitet die Macht

Die Rebellen haben den Bürgerkrieg in Syriens Hauptstadt Damaskus getragen, dort tobt ein verbissener Kampf um einzelne Stadtviertel. Zehntausende flüchten aus dem Land, darunter zunehmend Militärs. Die Uno verlängert ein letztes Mal ihre Beobachtermission.

Syrien: Vormarsch der Rebellen Fotos
AP

Damaskus/Istanbul - Nach dem Scheitern der jüngsten Resolution stand am Freitag erneut Syrien auf der Tagesordnung im Uno-Sicherheitsrat. Es ging um die Frage, ob die vielfach kritisierte Beobachtermission verlängert wird. Und zumindest darauf konnten sich die Mitglieder des Gremiums verständigen. 30 Tage länger soll die Mission dauern.

Der bisherige Auftrag der Beobachter, die im April für drei Monate nach Syrien geschickt worden waren, endete am Freitag. Der Leiter der Mission, General Robert Mood, hatte Syrien schon am Donnerstag verlassen. Die rund 300 Beobachter hatten eigentlich im Frühjahr eine Waffenruhe zwischen Regierungstruppen und bewaffneter Opposition überwachen sollen.

Während die Diplomaten auch anderthalb Jahre nach dem Ausbruch des Aufstands über den richtigen Umgang mit dem Assad-Regime streiten, verliert die syrische Staatsmacht offensichtlich immer mehr die Kontrolle.

Die Aufständischen sprechen bereits von der Entscheidungsschlacht. Dieser Freitag war der sechste Tag in Folge, an dem sich Regierungskräfte und Rebellen in der Hauptstadt attackierten. Deutlich spürbar nahm die Intensität zu. Aus allen Teilen des Landes strömten nach Angaben von Oppositionellen Kämpfer in die Hauptstadt.

"Das Regime erlebt seine letzten Tage", prophezeite der Chef des syrischen Nationalrats, Abd al-Basset Sadschda, in Rom. Von der Stunde null sprechen andere. Es werde eine dramatische Zunahme der Gewalt geben. Einwohner berichteten von Rebellenangriffen auf Einrichtungen der Sicherheitskräfte im Stadtviertel Messe. Das Staatsfernsehen meldete, aus dem Stadtteil Midan seien die "Söldner und Terroristen" vertrieben worden. Einwohner beschrieben, die Straßen im Stadtzentrum seien weitgehend leer, die Geschäfte geschlossen. Am Morgen seien mehrere Explosionen zu hören gewesen, berichteten Aktivisten. Zahlreiche Familien verbrachten die Nacht in Moscheen und Kirchen. Sie hatten dort am Vortag Zuflucht gesucht, weil es in der Umgebung ihrer Wohnungen Kämpfe gegeben hatte.

Heftige Kämpfe gab es auch um mehrere Grenzübergänge. Den Posten zur Türkei, Bab al-Hawa, eroberten Aufständische. Ebenfalls den Grenzübergang Abu Kamal zum Irak. Er wurde von irakischer Seite geschlossen. Zivilisten plünderten die Grenzgebäude und setzten sie in Brand.

Zudem verlor Baschar al-Assad ein weiteres Mitglied seines engen Machtzirkels. Zwei Tage nach dem tödlichen Anschlag auf die syrische Militärführung erlag ein weiteres Opfer seinen Verletzungen. Geheimdienstchef Hischam Bichtiar sei am Freitagmorgen an den Folgen des Angriffs gestorben, berichtete das Staatsfernsehen.

Kurz vor Bekanntgabe des Todes von Bechtjar berichtete das Fernsehen über die Trauerfeiern für die drei anderen Opfer des Selbstmordattentats vom Mittwoch. Darunter war der Verteidigungsminister und ein Schwager Assads. Der Angriff wird als schwerer Schlag für den Präsidenten gewertet, der seit etwa 16 Monaten gegen einen Aufstand kämpft. Seit dem Anschlag hat sich Assad nicht öffentlich geäußert. Am Donnerstag war er lediglich auf Fernsehbildern bei der Vereidigung des neuen Verteidigungsministers zu sehen.

Zehntausende flüchten aus Syrien

Nach Angaben des Uno-Flüchtlingshilfswerks flohen binnen 48 Stunden allein rund 30.000 Syrer vor den Kämpfen in den Libanon. Auch die Streitkräfte bluten aus. In türkischen Regierungskreisen hieß es, am Freitag seien ein syrischer Brigadegeneral und 20 weitere ranghohe Militärangehörige in die Türkei geflohen.

Mit Besorgnis dürfte Präsident Assad auch Äußerungen des russischen Botschafters in Frankreich, Alexander Orlow, aufgenommen haben. Dieser erklärte, Assad habe akzeptiert, in einem geordneten Verfahren abzutreten. Das syrische Informationsministerium erklärte umgehend, die Äußerungen entbehrten jeder Grundlage.

Russland ist ein enger Verbündeter Assads und hat zusammen mit China wiederholt im Uno-Sicherheitsrat Resolutionen gegen die Regierung in Damaskus verhindert, zuletzt am Donnerstag. China gab dabei dem Westen die Schuld. Der Westen sei arrogant und unbeweglich aufgetreten, hieß es in der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua. Der Entwurf sei nicht ausgewogen gewesen, weil er keinen Druck auf die "immer gewalttätigere Opposition" enthalten habe.

ler/dpa/Reuters/AFP

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 155 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. In die Zukunft schauen ...
Thomas-Melber-Stuttgart 20.07.2012
Zitat von sysopAPDie Rebellen haben den Bürgerkrieg in Syriens Hauptstadt Damaskus getragen, dort tobt ein verbissener Kampf um einzelne Stadtviertel. Zehntausende flüchten aus dem Land, darunter zunehmend Militärs. Die Uno verlängert ein letztes Mal ihre Beobachtermission. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,845566,00.html
Woher weiß man, daß die Mission zum letzten Mal verlängert wurde? Und: was geschieht, wenn die sog. "Rebellen" während des Ramadan - also in den nächsten 30 Tagen - keinen Erfolg haben (was nebenbei den Syrern auch zu wünschen wäre)?
2. Dann lassen wir uns mal überraschen,
simple mind 20.07.2012
wo Assad seinen Abgang 'inszeniert'. Wird er Erdloch und Kanalrohr toppen können?
3. Russland und China sollten Reparationen zahlen
td007 20.07.2012
Da Russland und China das kriminelle Assad-Regime unterstützen und beim Massenmord helfen (Waffenlieferungen, Berater) und Hilfe unterlassen, sogar verhindern (unbegründetes Veto im Sicherheitsrat) sollte die künftige Regierung Reparationen und Schadensersatz verlangen. Bei 50.000 Toten und 100.000 € pro Person kämen so 5 Milliarden € zusammen.
4. Jetzt...
Layer_8 20.07.2012
Zitat von sysopAPDie Rebellen haben den Bürgerkrieg in Syriens Hauptstadt Damaskus getragen, dort tobt ein verbissener Kampf um einzelne Stadtviertel. Zehntausende flüchten aus dem Land, darunter zunehmend Militärs. Die Uno verlängert ein letztes Mal ihre Beobachtermission. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,845566,00.html
Jetzt findet dieser 40-jährige Schrecken ohne Ende hoffentlich doch noch ein Ende
5. Um wen geht es in Syrien eigentlich
citropeel 20.07.2012
Wenn ich den Kommentar aus China höre, dreht sich mir einfach nur noch der Magen um. Chinas hören doch immer nur Arroganz, wenn es nicht so geht wie sie das gerne hätten. Ob es hier um die, zunächst friedlichen, Demonstranten geht, die ganz plötzlich zur Waffen greifen, weil Assad sie von Hausdächern aus hat massakrieren lassen. Oder um Besuche des Dhalei Lamas, wie ganz schnell behauptet wird, dass ja auch die Bevölkerung des besuchten Landes gegen den Besuch sei. Unbeweglich ist nicht nur der Westen meine Herren Diktatoren aus Peking. Und an Arroganz mangelt es der chinesischen Führung beim besten Willen auch nicht. Sehen wir mal davon ab, dass wegen der Betonköpfe im Sicherheitsrat in Syrien immer mehr Menschen sterben. Aber das geht den Regierungen hier wie da scheinbar am Allerwertesten vorbei.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Karte von Damaskus: Klicken Sie für die Großansicht auf das Bild Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Karte von Damaskus: Klicken Sie für die Großansicht auf das Bild


Fotostrecke
Syriens Präsident Assad: Diktator in der Defensive

Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Syrien-Reiseseite


Fotostrecke
Fotostrecke: Syriens Folterzentren

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: