Krieg in Syrien Amerikanischer Furor

Bei US-Luftangriffen sollen Anfang Februar Hunderte russische Soldaten ums Leben gekommen sein. Recherchen des SPIEGEL zeigen: Es war wohl alles ganz anders.

Gefechte nahe Deir al-Sor in Syrien (Archiv)
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Gefechte nahe Deir al-Sor in Syrien (Archiv)

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Der Mann lässt an Flüchen nichts aus. "Hurensöhne" ist noch das mildeste, was der Milizionär ausstößt aus Wut über das Inferno, das stundenlange Luftangriffe der Amerikaner südöstlich der Stadt Deir al-Sor hinterlassen haben. Während rundherum noch ausgebrannte Geländewagen rauchen, sind er und fünf weitere Männer gekommen, um die zerschmetterte Leiche eines ihrer Mitkämpfer aus dem durchglühten Schutt eines bombardierten Hauses zu bergen.

Die Szene stammt aus einem zweiminütigen Video vom Schlachtfeld, das einer der beteiligten Kämpfer aufgenommen hat am Nachmittag des 8. Februar, Stunden nach dem Feuersturm. Es ist das erste Bilddokument von einem der rätselhaftesten Gefechte in diesem immer unübersichtlicher werdenden syrischen Bürgerkrieg.

Ursprünglich hatte das US-Militär am 8. Februar mitgeteilt, es habe einen Angriff von "Pro-Regime-Kräften" Bashar al-Assads auf ein Lager der kurdisch geführten Miliz, Syrische Demokratische Kräfte (SDF), abgewehrt. Diese sind mit den Amerikanern verbündet. Assads Truppen hätten das SDF-Lager mit Panzern und Mörsern angegriffen. Woraufhin das US-Militär zurückgeschossen und "mehr als 100" der Angreifer getötet habe. Es sei ein Akt der Selbstverteidigung gewesen.

Dieses Video zeigt die Szenerie nach dem US-Luftangriff von Deir al-Sor:

Euphrates Post

Doch wer genau waren diese Angreifer? Was geschah wirklich in dieser Nacht in den kleinen, halbverlassenen Dörfern auf der Ostseite des Euphrat? Haben amerikanische Bomben russische Truppen vernichtet? Ist die Schlacht damit gar ein Vorbote kommender Scharmützel zwischen Amerikanern und Russen?

Zwei Wochen lang hat ein Team des SPIEGEL versucht, den Verlauf dieses Gefechts, das sich insgesamt über drei Tage hinzog, zu rekonstruieren, hat mit Augenzeugen wie Beteiligten der Kämpfe gesprochen, mit einem Angestellten des einzigen Krankenhauses von Deir al-Sor wie mit einem Bediensteten des dortigen Militärflughafens.

Das Ergebnis ist ein recht einheitliches Bild des Geschehens - das dem widerspricht, was in russischen und internationalen Medien kursiert.

Bereits gegen 17 Uhr am 7. Februar hätten etwa 250 Kämpfer versucht, südlich von Deir al-Sor über eine Pontonbrücke vom Westufer des Euphrat nach Osten überzusetzen: Angehörige von zwei Stammesmilizen der Baqara und der Albo Hamad, die mit iranischer Unterstützung für das Regime von Baschar al-Assad kämpfen, Soldaten der 4.Division sowie afghanische und irakische Kämpfer der von iranischen Kommandeuren befehligten Brigaden der Fatimiyoun und Zainabiyoun. Russische Söldner sollen nicht dabei gewesen sein, sagen Zeugen.

Der Euphrat ist von den USA und Russland als "De-conflicting"-Linie vereinbart worden. Westlich des Flusses stehen Assads Truppen und seine Verbündeten. Östlich des Flusses herrschen die SDF unter amerikanischer Protektion. Dort liegt eine Kette ergiebiger Gasfelder, die meist unter dem Sammelbegriff "Conoco-Feld" firmieren.

Insofern betrachteten nun die Amerikaner auf der Ostseite den Vormarsch als Angriff und gaben eine Serie von Warnschüssen in Richtung Brücke ab. Niemand wurde verletzt, die Angreifer zogen sich zurück.

Doch sie gaben mitnichten auf: Etwa doppelt so viele Männer derselben Verbände überquerten weit nach Einbruch der Dunkelheit einige Kilometer weiter nördlich auf Höhe des Militärflughafens von Deir al-Sor eine andere Behelfsbrücke. Sie fuhren ohne Licht, um von den US-Drohnen nicht bemerkt zu werden. Diesmal unbemerkt, kamen sie bis zum Dorf Marrat auf der Ostseite. Als sie gegen 22 Uhr weiter nach Süden auf das SDF-Lager im Ort Khusham vorrückten, eröffneten die Amerikaner, deren Special Forces ebenfalls dort stationiert sind, abermals das Feuer. Und diesmal nicht zur Warnung: "Nachdem 20 bis 30 Granaten von Panzern und Artillerie in 500 Meter Entfernung vom SDF-Hauptquartier landeten", so das amerikanische Statement, "griffen Koalitionsstreitkräfte die Aggressoren mit einer Kombination von Luft- und Artillerieschlägen an". Das war noch milde formuliert.

SPIEGEL ONLINE

Denn als ungefähr zur selben Zeit spätabends zusätzlich eine Gruppe von syrischen Stammesmilizionären und schiitischen Kämpfern aus dem Dorf Tabiya von Süden her kommend ebenfalls das SDF-Lager attackierte, schlugen die Amerikaner mit ihrem gesamten Vernichtungsarsenal zurück: Sie setzten mit Raketen bewaffnete Drohnen ein, Kampfhubschrauber, die als "Kanonenboot" titulierten, schweren AC-130-Flugzeuge zur Bekämpfung von Bodenzielen, Raketen und Bodenartillerie.

Sie griffen in der Nacht an, sie griffen am nächsten Morgen eine Gruppe von Stammesmilizionären an Tabiya an, die nur gekommen war, die Leichen einzusammeln, sie bombardierten selbst am 9. Februar nochmals einen Verband derselben Kämpfer, die sich östlich des Flusses zeigten.

Eine andere Version der Schlacht

Vor allem die zweite nächtliche Attacke aus dem Dorf Tabiya habe den amerikanischen Furor ausgelöst, erinnern sich zwei Männer der "Al-Baker"-Miliz des Baqara-Stammes. Denn jenseits der Demarkationslinie gab es eine zweite Vereinbarung: dass bis zu 400 Pro-Assad-Kämpfer, die noch von den Kämpfen gegen den IS 2017 auf der östlichen Flussseite waren, dort bleiben dürften. Jedenfalls, solange sie die Zahl von 400 nicht überschritten und sich ruhig verhielten. Genau dies war nun nicht mehr der Fall.

Unter den in Tabiya Stationierten war auch ein kleines Kontingent russischer Söldner. Aber die hätten sich an den Kämpfen nicht beteiligt, so die beiden Milizionäre. Trotzdem seien von ihnen zehn bis 20 Männer ums Leben gekommen. Insgesamt seien mehr als 200 der Angreifer gestorben: etwa 80 syrische Soldaten der 4.Division, etwa 100 Iraker und Afghanen, rund 70 Stammeskämpfer vor allem der Al-Baker-Miliz.

Nun war es Nacht, und spätestens mit dem jähen Ausrücken der Kämpfer aus dem Dorf Tabiya wurde das Geschehen unübersichtlich. Ein Angestellter des einzigen großen Krankenhauses in Deir al-Sor gab später an, dass etwa ein Dutzend Leichen von Russen eingeliefert worden seien. Ein Bediensteter am Flughafen sah anschließend, wie die Leichen in zwei Toyota-Pickups zu einer wartenden russischen Transportmaschine gefahren wurden, die in Richtung Qamischli abhob, einem Flughafen an der syrischen Nordgrenze.

In den Tagen danach wurden die Identitäten erst von sechs, schließlich von neun getöteten Russen bekannt: acht überprüft vom "Conflict Intelligence Team", einer russischen Investigativ-Plattform, ein weiterer veröffentlicht vom Radio "Echo Moskau". Allen waren Angehörige der Söldnerfirma Evro Polis gewesen, eher bekannt unter dem alten Kampfnamen ihres Chefs: "Wagner".

SPIEGEL TV: Putin und der Syrien-Krieg (14.02.2016)

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Doch zunächst setzte sich eine ganz andere Version der Schlacht durch, erst verbreitet von russischen Nationalisten wie Igor "Strelkow" Girkin, dann von anderen aus dem Umfeld der Wagner-Truppe: Demnach seien viel mehr Russen dort ums Leben gekommen, 100, 200, 300, bis zu 600. Eine gesamte Kompanie sei ausgelöscht worden. Und der Kreml wolle das Ganze vertuschen. Dazu tauchten Tonaufnahmen angeblicher Kämpfer auf, die diesen horrenden Verlust bestätigten.

Eine Version, die so plausibel klang, dass auch westliche Agenturen wie Reuters und Bloomberg sie aufgriffen. Dass die Regierung in Moskau erst gar keine Toten bestätigen wollte, dann von fünf umgekommenen "russischen Bürgern" sprach und später nebulös von "Dutzenden Verletzten", von denen einige gestorben seien, machte die Version nur glaubwürdiger: Was immer der Kreml im Syrienkrieg dementiert oder nur scheibchenweise einräumt, wird nach aller Erfahrung erst recht wahrscheinlich. Zumal russische Verluste dort stets kleingeredet werden.

"Das Pech, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein"

Das Verhältnis zwischen russischen Söldnern, von denen mehr als 2000 in Syrien sein sollen, und der Moskauer Regierung ist seit Langem angespannt. Sie würden verheizt, verheimlicht und überdies schlecht bezahlt, klagen sie. Die einzig überprüfbaren Quellen für die Auslöschung Hunderter Russen sind die Fotos und Videos, die dazu im Netz zirkulieren oder von russischen Quellen an westliche Journalisten weitergegeben wurden. Doch manche davon zeigen sogar Szenen aus der Ostukraine, teils nachträglich bearbeitet.

Die Lage am Boden, zwischen Khusham und Tabiya am Ostufer des Euphrat, beschrieben von einem halben Dutzend Augenzeugen und Beteiligten, bestätigt weder die Version von angreifenden, noch von überhaupt mitkämpfenden russischen Söldnereinheiten. Ahmad Ramadan, in die Türkei emigrierter Journalist und Gründer der Nachrichtenseite "Euphrates Post", stammt aus Tabiya. Einer seiner Kontakte kämpft für die Al-Baker Miliz und hat das Video vom Ort des Bombardements aufgenommen: "Wäre dies ein russischer Angriff gewesen, mit vielen russischen Toten, hätten wir darüber berichtet. Aber es war keiner. Die Russen in Tabiya hatten einfach das Pech, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein."



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franky026 01.03.2018
1. Vielen Dank
Vielen Dank fuer diesen sauber recherchierten und unemotionalen Faktenbericht, der viel erhellender als all das Propagandagedoens ist, was von allen Seiten zu hören ist. Deswegen lese ich Spiegel und kein Social Media!
willibaldus 01.03.2018
2.
Interessant. Es hilft doch, vor Ort selbst nachzuforschen. Wären da keine Leute bei Nacht und Nebel über den Fluss gekommen, wäre wohl nichts passiert.
Frank D. 01.03.2018
3. Der größere Skandal !
Den größeren Skandal erfährt man im Satz "... eröffneten die Amerikaner, deren Special Forces ebenfalls dort stationiert sind, abermals das Feuer." Was haben Amerikaner dort mit Bodentruppen verloren. Klar, es sind viele ausländische Mächte in Syrien, aber bisher waren alles nur verschwörerische Vermutungen. Hier kann man aber ganz klar lesen das die Amerikaner nicht nur Kräfte in Syrien unterstützen, sondern mit Soldaten dort sind und an Kampfhandlungen teilnehmen !!!!
g_bec 01.03.2018
4. Überraschung.
Zitat von Frank D.Den größeren Skandal erfährt man im Satz "... eröffneten die Amerikaner, deren Special Forces ebenfalls dort stationiert sind, abermals das Feuer." Was haben Amerikaner dort mit Bodentruppen verloren. Klar, es sind viele ausländische Mächte in Syrien, aber bisher waren alles nur verschwörerische Vermutungen. Hier kann man aber ganz klar lesen das die Amerikaner nicht nur Kräfte in Syrien unterstützen, sondern mit Soldaten dort sind und an Kampfhandlungen teilnehmen !!!!
Ja und? Überrascht Sie das wirklich? Das ist doch seit Jahren bekannt. Es existieren da sogar Abkommen dazu! Könnte man wissen, wenn man etwas öfter auch mal "Mainstreammedien" nutzen würde. Was meinen Sie denn, wie unsere Tornados dort mehr oder weniger frei durch syrischen Luftraum kurven können? Sicherlich nicht, weil Assads Truppen nicht wissen, wie man den syrischen Luftraum sichert.
DrStrom66 01.03.2018
5. Danke für den rührenden Bericht
Es ist doch absoluter Schwachsinn, anzunehmen das die Syrer mit schwerer Artillerie über den Fluss gegangen sind. Die hätten gut von der gegenüber liegenden Uferseite das amerikanische Militär Lager abdecken können. Wenn der Spiegel das nicht analysiert hat, was ist der Bericht dann Wert. Die Syrer sind in ihrem eigenen Land von den Amis niedergemetzelt worden. Wenn man dem Bericht zufolge, ihnen noch nicht mal erlaubt ihre Toten einzusammeln. Kann man nur zu dem Schluss kommen, hier sollten Tatsachen geschaffen werden oder ein Exempel stattuiert werden.
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