Offensive gegen Kurden US-Regierung irritiert über türkische Syrien-Operation

Interessenkonflikt zweier Nato-Staaten: Die Türkei geht gegen Kurden vor, die von den USA unterstützt werden. Nach dem türkischen Einmarsch in Nordsyrien warnt Washington: Haltet euch zurück.

Rex Tillerson
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Rex Tillerson


US-Außenminister Rex Tillerson hat die Türkei dazu aufgerufen, ihre Militäroperationen gegen kurdische Milizen im Nordwesten Syriens zurückhaltend auszuüben und zivile Opfer zu vermeiden. Die Sicherheitsbedenken der Türkei seien dennoch ernst zu nehmen, hieß es in einer Mitteilung, die nach Gesprächen Tillersons mit seinen Amtskollegen in der Türkei und in Russland verbreitet wurde.

Der Minister rief zudem alle Seiten auf, sich auf das Ziel des Kampfes gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) zu konzentrieren.

Die türkische Armee hatte am Sonntagmorgen von der Provinz Kilis aus die Grenze nach Syrien überschritten. Nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu rückten die Soldaten bei der "Operation Olivenzweig" mit Panzern und der Unterstützung der Freien Syrischen Armee (FSA) auf die kurdische Enklave Afrin im Nordwesten des Bürgerkriegslandes vor.

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Türkisches Militär: Panzer an der Grenze

Die Türkei sieht die Kurdenmiliz YPG als syrischen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, die sie im eigenen Land bekämpft. Von ihrer starken Präsenz an der türkischen Grenze fühlt sich Ankara bedroht. Die Regierung fürchtet, sie könnte die Unabhängigkeitsbestrebungen der Kurden im eigenen Land anfachen. Ankara will dort eine 30 Kilometer breite Sicherheitszone schaffen.

Treffen des Nato-Sicherheitsrates

Die US-Regierung schätzt dagegen die YPG als Partner im Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" und hat bekannt gegeben, im Nordwesten Syriens eine Grenzschutztruppe unter Führung der YPG etablieren zu wollen. Sie hofft, durch die Kooperation mit den Kurden dauerhaft eine Präsenz in Syrien errichten zu können. Mit dem Konflikt um die Grenzschutztruppe in Syrien erreicht das Verhältnis zwischen USA und der Türkei einen Tiefpunkt.

Der Uno-Sicherheitsrat wollte nach Angaben des französischen Außenministers Jean-Yves Le Drian am Montag in New York zu Konsultationen zusammenkommen. Le Drian hatte demnach zuvor mit seinem türkischen Amtskollegen Mevlüt Cavusoglu gesprochen und einen umfassenden Waffenstillstand und bedingungslosen Zugang für humanitäre Hilfe gefordert.

mho/dpa

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Hans_Kammerer 22.01.2018
1. Die USA sind irritiert ? Ernsthaft ?
Statt gemäß den Vorschlägen der zweitgrößten Nato Armee gemeinsam mit der Türkei und der "FSA" gegen den IS vorzugehen wählten die USA entgegen aller Bedenken, Proteste und Konsequenzen den Weg die Waffenbrüder der PKK, die u.a. auch innerhalb der EU und der USA eine verbotenen Terrororganisation darstellen, mit modernstem Kampfgerät auszustatten und eine reguläre 30.000 Mann starke Armee formen zu wollen. Und nun ist man wirklich irritiert, dass die Türken als "Kollateralschaden" einer erneut verfehlten US Nahostpolitik die Zähne zeigen und gegen amerikanischen Widerstand Fakten schaffen ? Die Beweggründe der Türken scheinen berechtigt. Irritiert wird man in Washington eher darüber sein, dass es jemand trotz anhaltender Destabilisierungspolitik der USA wagt, diesen die Stirn zu bieten. Wer überdies mal aufmerksam verfolgt hat wie die Destabilisierung Syriens per Stellvertreterkrieg chronologisch abgelaufen ist, den wird die Türkische Reaktion angesichts ca 15 - 20 mio Kurden im eigenen Land eher nicht wundern. Die Türken befinden sich seit 50 Jahren immer auf einem schmalen Grat an der Schwelle zu einem Bürgerkrieg. Potenziell einsickernde PKK Kämpfer aus Syrien und die Bewaffnung türkischer Kurden mit diesen dort nun gelieferten Waffen wären der Auftag zu syrischen Verhältnissen in der Türkei. 10 mio Flüchtlinge inklusive.
gorgonzola68 22.01.2018
2. ist Syrien genauso souverän wie die Ukraine?
oder kann da jeder seine "Einflusszone" mit militärischen Mitteln definieren? Der Westen ist einfach unglaubwürdig.
HeisseLuft 22.01.2018
3. Das ist zunehmend lächerlich
Man kann sich nicht mit einer Gruppe militärisch verbünden, gemeinsam gegen einen gemeinsamen Gegner kämpfen - und im Anschluss seelenruhig zusehen, wie dieser Verbündete attackiert wird - und lediglich zur Zurückhaltung beim Angriff auf den Verbündeten mahnen.
vliege 22.01.2018
4. Geschichte wiederholt sich
ausser dem erhobenen Zeigefinger wird es aus US/Europa Sicht nichts geben um den Kurden und wichtigsten Partner gegen den IS bei zu stehen. Sie waren es, die am Boden, Stadt für Stadt von den IS Islamisten befreit haben. Hätten alle kampffähigen Syrer so gehandelt anstatt zu flüchten wäre Syrien Schon Monate vorher vom IS befreit. In den beiden Irakkriegen im Kampf gegen Saddam waren die Kurden verlässliche Partner und wurden nach getaner Arbeit im Stich gelassen. Die Kurden verdienen auch heute mehr als nur Schulter klopfen und Milan Raketen. Der Panzerdeal aus Deutschland ist eine Schande und verstößt klar gegen Artikel 26 des Grundgesetzes (Unterstützung eines Angriffskrieges). Ich hoffe das die Verantwortlichen in der Politik nachts nicht mehr schlafen können weil ihr einem Despoten zum Völkermord verhelfen tut. Leider liest man in den deutschen Medien noch nicht viel über die Zivilisten die bis jetzt getötet wurden, da ist die internationale Presse weiter. Erdogan macht keinen Unterschied zwischen kurdischen Militärs und Zivilisten er bombt alles weg. Wo war sein Eifer gegen den IS?
syracusa 22.01.2018
5. die PKK ist keine Terrororganisation
Die PKK ist schon lange keine Terrororganisation mehr. Terrorakte hat sie schon lange nicht mehr verübt. Die Terrororganisation ist die türkische AKP-Regierung, die den Friedensprozess mit der PKK einseitig aufgekündigt hat, und die einen blutigen Krieg gegen die türksichen Kurdengebiete führt. Die EU sollte endlich klare Kante zeigen und die Einstufung der PKK als Terrororganisation aufheben.
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