Syrien USA bleiben Beweise für Assads Leichenöfen schuldig

Das Assad-Regime soll ein Krematorium errichtet haben, in dem die Leichen von Oppositionellen verbrannt werden - behauptet das US-Außenministerium. Doch klare Beweise bleibt Washington schuldig.

Satellitenaufnahme von syrischem Gefängnis in Sednaja
REUTERS/ State Department

Satellitenaufnahme von syrischem Gefängnis in Sednaja

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Die Landschaft in den Ausläufern des Qalamun-Gebirges liegt tief verschneit da, eine dichte Schneedecke bedeckt Felder, Straßen und Häuser. Mit einer Ausnahme: Auf dem Dach eines Gebäudes, das zum Militärgefängnis Sednaja gehört, ist der Schnee geschmolzen.

Das zeigt eine Satellitenaufnahme vom 8. Januar 2015, die das US-Außenministerium nun veröffentlicht hat. In dem Haus mit dem schneefreien Dach soll das Regime von Baschar al-Assad ein Krematorium errichtet haben, in dem die Leichen hingerichteter Oppositioneller beseitigt werden, behauptet die US-Regierung. Wegen der Öfen sei der Schnee auf dem Gebäude geschmolzen. Doch wie glaubhaft sind solche Indizien?

Die Verbrechen des Assad-Regimes in Sednaja sind in den vergangenen Jahren ausführlich dokumentiert worden. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International schätzt, dass in dem Gefängnis in der Nähe von Damaskus allein zwischen September 2011 und Dezember 2015 mindestens 13.000 Gefangene hingerichtet wurden.. Die Aktivisten bezeichnen Sednaja als "Schlachthaus für Menschen". Das syrische Regime betreibe in dem Gefängnis "Ausrottung".

Warum äußern die USA den Vorwurf erst jetzt?

Aber: Amnesty hat in den vergangenen Jahren mit ehemaligen Häftlingen, Gefängniswärtern und Richtern gesprochen. Keiner von ihnen hat jemals ein Krematorium in Sednaja erwähnt. Stattdessen hatten geflüchtete Beamte des Regimes berichtet, dass das syrische Militär die Toten auf Friedhöfen verscharre, die auf Armeegelände im Umland von Damaskus liegen.

Satellitenaufnahme von angeblichem Krematorium (Markierung zeigt angeblich schneefreies Dach)
REUTERS/ State Department

Satellitenaufnahme von angeblichem Krematorium (Markierung zeigt angeblich schneefreies Dach)

Entsprechend überrascht reagierte nun Amnesty auf die Enthüllung des Außenministeriums in Washington: "Es muss noch viel mehr geforscht werden", sagte Geoffrey Mock, Nahost-Spezialist von Amnesty, mit Blick auf die Vorwürfe. Paulo Pinheiro, Vorsitzender einer Uno-Untersuchungskommission zur Menschenrechtslage in Syrien, teilte mit: "Ich habe keine Informationen zu diesem Krematorium."

Tatsächlich wirft der Zeitpunkt der Veröffentlichung Fragen auf: Stuart Jones, Leiter der Nahost-Abteilung im US-Außenministerium, behauptet, das Assad-Regime habe bereits 2013 begonnen, das Krematorium in Sednaja zu errichten. Die ältesten Bilder der Anlage, die Jones präsentierte, stammen aus dem August 2013. Doch warum äußert die US-Regierung erst jetzt diesen Vorwurf?

Satellitenaufnahmen vom August 2013 (angeblich vor dem Bau des Krematoriums) und vom April 2016
AP/ State Department/ DigitalGlobe

Satellitenaufnahmen vom August 2013 (angeblich vor dem Bau des Krematoriums) und vom April 2016

Amnesty International und andere Menschenrechtsorganisationen haben in den vergangenen Jahren ebenfalls Satellitenbilder von Sednaja veröffentlicht - aber nie gab es einen Hinweis darauf, dass der Anbau am sogenannten weißen Gebäude ein Krematorium beherbergen könnte. Was allerdings passt: Im selben Gefängnistrakt soll sich nach Angaben von Zeugen der Exekutionsraum befinden, in dem Häftlinge gehenkt werden.

Doch auch was die Zahl der Toten betrifft, nennt das US-Außenministerium nun Zahlen, die deutlich von bisherigen Angaben abweichen. In Amnesty-Berichten war die Rede davon, dass in Sednaja zwei bis drei Mal pro Woche zwischen 20 und 50 Häftlinge gehenkt werden. Jones behauptet jetzt, das Regime töte dort bis zu 50 Gefangene täglich.

Syriens Regime nennt Vorwürfe "Hollywood-Geschichte"

Die Vorwürfe der US-Regierung kommen praktisch zeitgleich mit dem Beginn einer neuen Verhandlungsrunde in Genf. Dort sollen Vertreter des Regimes und der Opposition unter Uno-Vermittlung nach einer Friedenslösung suchen. Die Aussichten sind gering, bislang setzen sich Vertreter beider Lager noch nicht einmal an einen Tisch. Offenbar versucht Washington mit der Veröffentlichung der Satellitenbilder den Druck auf die syrische Regierung und ihre Unterstützer in Russland und Iran zu erhöhen.

Aufnahme von Gefängniskomplex in Sednaja vom April 2017 (angebliches Krematorium bei rechter Markierung)
REUTERS/ State Department/ DigitalGlobe

Aufnahme von Gefängniskomplex in Sednaja vom April 2017 (angebliches Krematorium bei rechter Markierung)

Damaskus reagiert wie stets: Das Außenministerium bestreitet die Existenz eines Krematoriums in Sednaja - so, wie das Regime bisher alle Vorwürfe von Amnesty zurückgewiesen hat. Die Berichte der US-Regierung seien "eine neue Hollywood-Geschichte, die nichts mit der Realität zu tun hat", teilte das Außenministerium in Damaskus mit.

Die Uno-Untersuchungskommission hat mehrfach darum gebeten, das Militärgefängnis in Sednaja besuchen zu dürfen, um die Vorwürfe zu überprüfen. Das Regime in Damaskus lehnt das kategorisch ab.


Zusammengefasst: Die USA werfen Syrien vor, auf dem Gelände des Militärgefängnisses Sednaja ein Krematorium errichtet zu haben. Dort lasse das Assad-Regime demnach die Leichen von hingerichteten Oppositionellen verbrennen. Als Beleg legt das US-Außenministerium Satellitenaufnahmen vor. Doch die Bilder sind mehrere Jahre alt und wenig aussagekräftig. Offenbar soll die Veröffentlichung Damaskus vor der neuen Syrien-Verhandlungsrunde in Genf unter Druck setzen.



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