Kampf gegen den IS USA räumen Einsatz von Uranmunition in Syrien ein

Das Pentagon gibt erstmals zu: Die US-Armee setzt im Kampf gegen den IS in Syrien auch Uranmunition ein. Wissenschaftler warnen vor den Spätfolgen.

AFP

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"Die Flugzeuge der USA und ihre Verbündeten haben keine Uranmunition eingesetzt und werden während der Operation Inherent Resolve keine Uranmunition im Irak und in Syrien einsetzen." Das sicherte das Zentralkommando der Vereinigten Staaten (Centcom) im März 2015 zu. Diese Munition sei entwickelt worden, um Panzer auf dem konventionellen Schlachtfeld zu zerstören. "Der IS besitzt aber nicht viele Panzer", begründete das US-Militär seine Entscheidung.

Nun, knapp zwei Jahre später, hat das Pentagon eingeräumt, doch zweimal Uranmunition in Syrien eingesetzt zu haben. Bei zwei Luftangriffen gegen Öl-Lastwagen der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) in Syrien beschossen US-Kampfjets ihre Ziele mit panzerbrechender Munition, deren Projektile abgereichertes Uran enthielten, teilte das Centcom "Foreign Policy" und "Airwars" mit. Bei den Luftschlägen am 16. und 22. November 2015 seien etwa 350 Fahrzeuge zerstört worden. Die Angriffe ereigneten sich im Osten Syriens, in der Nähe der syrisch-irakischen Grenzstadt Abu Kamal beziehungsweise in der Nähe der Großstadt Deir al-Sor.

Nach Angaben von Centcom-Sprecher Josh Jacques feuerten die Jets vom Typ A-10, Spitzname "Warzenschwein", aus ihren Maschinenkanonen insgesamt 5265 30-Millimeter-Patronen auf die IS-Fahrzeuge ab. Das entspricht einer Menge von rund 1,5 Tonnen Munition.

Uranmunition hat enorme Durchschlagskraft

Es ist der erste bestätigte Einsatz von Uranmunition durch das US-Militär seit der Irak-Invasion 2003. Damals verschossen Amerikaner und Briten Hunderte Tonnen dieser radioaktiven Munition. Die gesundheitlichen Spätfolgen sind bis heute nicht abschließend erforscht. Mediziner befürchten aber, dass die Uranpartikel eingeatmet werden können, sich in der Lunge auflösen und so in die Blutbahn und ins Gewebe gelangen. Auch über Wunden könne die Substanz in den Körper eindringen und Vergiftungen oder Krebs auslösen.

DER SPIEGEL

Die irakische Regierung berichtete nach dem Irak-Krieg 2003 von einem Anstieg der Krebserkrankungen in den Gebieten, in denen die USA und Großbritannien Uranmunition eingesetzt hatten. Bagdad macht das Uran auch für eine wachsende Zahl von Geburtsdefekten verantwortlich. Einen direkten Beweis dafür, dass diese Erkrankungen durch die Munition verursacht wurden, gibt es aber bislang nicht. Experten bezweifeln, dass sich dieser Beweis jemals mit absoluter Sicherheit führen lassen wird.

Abgereichertes Uran entsteht als Abfallprodukt bei der Anreicherung von Uran 235. Die Herstellung ist deshalb vergleichsweise günstig. Munition aus abgereichertem Uran ("depleted uranium", DU) wird von Nato-Streitkräften seit den Siebzigerjahren im Kampf gegen Panzer verwendet. Durch seine Dichte, die um 70 Prozent höher liegt als die von Blei, verleiht das Uran dem Geschoss ein hohes Gewicht und damit eine enorme Durchschlagskraft. Eine mit Uran gefüllte Ein-Liter-Wasserflasche würde 19 Kilogramm wiegen.

Völkerrechtlich betreten die USA mit den Einsatz von Uranmunition eine Grauzone. Die Genfer Konventionen verbieten die Verwendung der Munition nicht explizit. Gleichwohl verweisen einige Völkerrechtler darauf, dass es sich bei Uran um einen giftigen Stoff handelt, dessen Einsatz laut Genfer Protokoll im Krieg verboten ist.

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Uranmunition: Amerikas strahlendes Erbe

Hinzu kommt, dass die US-Armee die Uranmunition offenbar nicht zu dem Zweck einsetzt, für den die Waffe einst entwickelt worden war. Mehrere Nichtregierungsorganisationen haben den Einsatz von DU während des Irak-Kriegs 2003 ausgewertet. Grundlage sind Unterlagen, die das Pentagon freigegeben hat. Sie kommen zu dem Schluss, dass die panzerbrechende Munition in den meisten Fällen nicht gegen gepanzerte Fahrzeuge eingesetzt wurde, sondern gegen sogenannte weiche Ziele, also ungepanzerte Fahrzeuge oder Personengruppen.

Auch die 2015 in Syrien angegriffenen Tanklastwagen sind ein sogenanntes weiches Ziel. Die ungepanzerten Fahrzeuge hätten auch mit konventionellen Waffen zerstört werden können.

Was nach den Angriffen mit den ausgebrannten Fahrzeugen passiert ist und ob Zivilisten in den Tagen oder Wochen danach mit den Überresten der Uranmunition in Berührung kamen, ist bislang unklar. Das Gebiet befindet sich noch immer in den Händen des IS.



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santoku03 15.02.2017
1.
"Auch die 2015 in Syrien angegriffenen Tanklastwagen sind ein sogenanntes weiches Ziel. Die ungepanzerten Fahrzeuge hätten auch mit konventionellen Waffen zerstört werden können." Dann verstehe ich aber diese Verschwendung der teuren Munition nicht.
simonweber1 15.02.2017
2. Ja
natürlich setzte die US Armee Uranmunition ein, das ist doch keine neue Erkenntnis. Aber wenn man immer nur auf Assads angebliche Fassbomben geeicht ist, vergißt man schnell, dass die "gute Seite" genauso unmoralisch handelt.
FPW 15.02.2017
3.
Zitat von santoku03"Auch die 2015 in Syrien angegriffenen Tanklastwagen sind ein sogenanntes weiches Ziel. Die ungepanzerten Fahrzeuge hätten auch mit konventionellen Waffen zerstört werden können." Dann verstehe ich aber diese Verschwendung der teuren Munition nicht.
Es steht doch extra im Artikel, das die DP Munition vergleichsweise günstig herzustellen ist. Von diesem eher technischen Argument mal abgesehen. Kann ja sein, das die damals am Angriff beteiligten A-10 eben die Munition an Bord hatten. Die Variante "Wartet mal eben, wir müssen zu Hause mal kurz ummunitionieren und sind in 30 Min wieder da" ist in einem Krieg nur begrenzt praktikabel....
toskana2 15.02.2017
4. Nebensache
Zitat von santoku03"Auch die 2015 in Syrien angegriffenen Tanklastwagen sind ein sogenanntes weiches Ziel. Die ungepanzerten Fahrzeuge hätten auch mit konventionellen Waffen zerstört werden können." Dann verstehe ich aber diese Verschwendung der teuren Munition nicht.
Auch interessant: Sie denken an die "Verschwendung der teuren Munition", Menschen, die dabei "verpulvert" werden,sind halt Nebensache - aller Achtung!
brehn 15.02.2017
5. toll
Ja die Spätfolgen...man wird immerhin bis zu einem gewissen Grad eine Vergleichsstudie zum Golfkrieg und dem mehr oder weniger mysteriösen Golfkriegssyndrom anstellen können. Ansonten: gaaaanz tolle Leistung, besonders dann wenn man immer so gern auf Konventionen, Werte und Rechte pocht....
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