USA, Russland und der Syrienkrieg Immer tiefer drin

Lange haben sich die USA gescheut, Bodentruppen nach Syrien zu schicken. Doch Russland baut seine Präsenz weiter aus - und das US-Militär zieht entgegen Trumps Versprechungen nach.

AFP

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US-Soldaten patrouillieren mit gepanzerten Fahrzeugen durch syrische Dörfer, das Sternenbanner der Vereinigten Staaten weht auf den Truppentransportern in der Frühlingsbrise. Im kurdischen Nordosten Syriens, nahe der türkischen Grenze, ist das mittlerweile ein alltägliches Bild. Rund 600 US-Spezialkräfte sind inzwischen im Land stationiert.

Im Wahlkampf hatte Donald Trump noch mit dem Versprechen geworben, das US-Engagement in Syrien zurückzufahren. Doch nun verstrickt sich das amerikanische Militär unter seiner Führung Schritt für Schritt immer weiter im Bürgerkrieg. Der Tomahawk-Angriff auf die syrische Luftwaffenbasis Schairat im vergangenen Monat ist dafür nur das prominenteste Beispiel.

Mittelfristig bedeutender ist der militärische Beistand der USA für die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) im Norden Syriens. Denn damit könnte die US-Armee zur Ordnungsmacht in diesen Landesteilen werden: Sie müsste verhindern, dass Konflikte zwischen arabischen und kurdischen Milizen ausbrechen - aber auch, dass die türkische Armee die YPG in Syrien bombardiert.

In der vergangenen Woche posierten Kommandeure von US-Armee und YPG demonstrativ miteinander, nachdem das türkische Militär bei einem Luftangriff mehr als 20 kurdische Milizionäre getötet hatte. Der Fototermin in der Nähe der syrischen Stadt Derik war ein deutliches Zeichen der Amerikaner an den türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan, solche Angriffe zukünftig zu unterlassen.

Der Syrienkrieg wird immer internationaler

Wenige Hundert Kilometer weiter westlich bietet sich dieser Tage ein ähnliches Bild. Auch hier patrouilliert eine ausländische Armee durch syrische Ortschaften, begleitet von YPG-Milizionären. Doch über den Fahrzeugen weht nicht das Banner der Vereinigten Staaten, sondern die weiß-blau-rote Flagge Russlands. Seit einigen Tagen zeigen sich russische Soldaten Seite an Seite mit YPG-Kämpfern in der kurdischen Enklave Afrin im Nordwesten Syriens.

Machtverhältnisse in Syrien
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Machtverhältnisse in Syrien

Auch wenn die Staatschefs Wladimir Putin und Erdogan bei ihrem Treffen in Sotschi Einigkeit demonstrierten - die Entsendung russischer Soldaten in die kurdischen Gebiete Syriens war eine Machtdemonstration des Kreml gegenüber Ankara. Auch Putin hatte längst angekündigt, die Zahl der russischen Soldaten zu reduzieren. Doch davon ist vor Ort wenig zu sehen. Mehrere Tausend reguläre Soldaten sind in Syrien stationiert, hinzu kommt eine unbekannte Zahl von Söldnern.

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Ausländische Truppen im Krieg: Sternenbanner in Syrien

Stattdessen wird der Syrienkrieg immer internationaler: Allein in den vergangenen vier Wochen haben die USA, Russland, die Türkei und Israel Ziele in Syrien bombardiert. Die USA, Russland, die Türkei, Iran, Großbritannien und Frankreich haben Truppen am Boden stationiert. Hinzu kommen die libanesische Hisbollah sowie schiitische Milizionäre aus Irak und Afghanistan, die aufseiten des Regimes von Baschar al-Assad kämpfen.

Diese Internationalisierung dürfte sich weiter fortsetzen und vertiefen: Als neueste Idee hat Putin nun die Einrichtung von vier sogenannten Deeskalationszonen in Syrien vorgeschlagen. In diesen Gebieten, die derzeit unter Kontrolle der Rebellen stehen, sollen die Waffen schweigen. Die Grenzen dieser Zonen sollen gemeinsam von Aufständischen, Regierungstruppen sowie den Soldaten nicht näher benannter "Beobachterstaaten" kontrolliert werden - zu denen vor allem jene Länder gehören dürften, die derzeit Kräfte in Syrien stationiert haben.

Mit dieser Initiative geht Putin erstmals auf die Forderung nach sogenannten Sicherheitszonen in Syrien ein. Trump hatte kurz nach seinem Amtsantritt im Januar überraschend angekündigt, er wolle Gebiete auf syrischem Gebiet schaffen, in denen Flüchtlinge vor Angriffen des Assad-Regimes sicher sind - also eine Flugverbotszone. Seither hat der US-Präsident das Vorhaben jedoch nicht weiterverfolgt. Wohl auch, weil Assad und Putin einen solchen Schritt stets als illegitime militärische Intervention bezeichnet hatten, die entsprechend beantwortet würde.

Syriens Opposition reagiert zurückhaltend auf Putins Vorstoß

Nun sagt der russische Präsident, dass die von ihm vorgeschlagenen Deeskalationsgebiete sehr wohl eine Flugverbotszone beinhalten würden. Doch viele offene Fragen bleiben: Wie wird sichergestellt, dass Assad seine Kampfjets und Hubschrauber am Boden lässt? Gilt diese Flugverbotszone auch für Stellungen dschihadistischer Terrororganisationen innerhalb der Deeskalationszonen? Welche Konsequenzen drohen Assad, wenn er die Flugverbotszone missachtet?

Wegen dieser ungeklärten Punkte reagiert die syrische Opposition bislang sehr zurückhaltend auf Putins Vorschlag. Zu oft haben die Aufständischen erlebt, dass das Regime eine vereinbarte Waffenpause dazu nutzte, die militärische Lage zu seinen Gunsten zu verändern.

Einzig Russland und die USA könnten mit Bodentruppen sicherstellen, dass die avisierten Sicherheitszonen tatsächlich sicher sind. Doch damit würden sie sich noch weiter im Syrienkrieg verstricken.


Zusammengefasst: Truppen aus den USA und Russland spielen im Syrienkrieg eine immer sichtbarere Rolle. Obwohl die Staatschefs Trump und Putin angekündigt hatten, ihr Engagement zurückzufahren, könnten sie schon bald weitere Soldaten ins Land schicken. Der Kreml hat erstmals die Einrichtung von Sicherheitszonen ins Spiel gebracht, die von ausländischen Kräften geschützt werden müssten.

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