Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Schlacht um Aleppo: Der Vier-Fronten-Krieg

Von

Der Kampf um Aleppo entscheidet über die Zukunft Syriens. Vier große Interessen prallen aufeinander - gewinnen dürften die Radikalen.

Bürgerkrieg in Syrien: Aleppo in Trümmern Fotos
AFP

Wie ein Brennglas wirkt die Provinz Aleppo um die gleichnamige Stadt: In ihr bündeln sich alle großen Konfliktlinien des Kriegs in Syrien. Das macht die Kämpfe dort so wichtig, so brutal und so brandgefährlich.

Im Nordwesten Syriens überschneiden sich vier Fronten:

  • Regime gegen Rebellen: Die mit Assad verbündeten Milizen versuchen, die Rebellen einzukesseln und zur Aufgabe zu zwingen wie bereits in Homs. Aleppo ist die letzte wichtige Stadt in der Hand der Opposition.

  • Iran gegen Saudi-Arabien: Für das syrische Regime kämpfen Irans Revolutionsgardisten und von Iran finanzierte Milizen wie die libanesische "Hisbollah", die afghanische "Fatemiyou Brigade" und die irakische "Badr Organisation". Sie sind dabei, die Nachschubwege der Rebellen abzuschneiden. Zu den Rebellen zählt unter anderem die von Saudi-Arabien unterstützte salafistische Gruppe "Ahrar al-Sham".

  • Russland gegen USA: Moskau nimmt den USA die letzten syrischen Verbündeten weg. Zum einen attackieren russische Kampfjets die Rebellen, die von den USA unterstützt werden. Zudem wirbt Moskau um die syrisch-kurdischen "Volksverteidigungseinheiten" (YPG), den syrischen Ableger der "Arbeiterpartei Kurdistans" (PKK), der bislang zu den Verbündeten der USA zählte.

  • PKK gegen Türkei: Unterstützt durch Moskaus Luftwaffe erobert die YPG, der syrische Ableger der PKK, Gebiete von den syrischen Rebellen. Ziel der YPG ist es, den von ihnen kontrollierten Kanton Afrin im Nordwesten Syriens mit dem Kanton Kobane zu verbinden. Dies versucht die türkische Regierung bisher vergeblich zu verhindern; sie beschießt die kurdischen Syrer mit Artilleriegeschossen über die Grenze hinweg.
    Krieg in Syrien: Die Pro-Regime-Kräfte (rot) versuchen die Nachschubwege der Rebellen (grün) im Norden abzuschneiden Zur Großansicht
    SPIEGEL ONLINE

    Krieg in Syrien: Die Pro-Regime-Kräfte (rot) versuchen die Nachschubwege der Rebellen (grün) im Norden abzuschneiden

Theoretisch soll zum Ende der Woche eine Feuerpause in Kraft treten, wie in München beschlossen. Praktisch ist davon wenig zu erwarten, denn der Kampf gegen "Terroristen" ist von der Feuerpause explizit ausgeschlossen. Die russische und syrische Regierung haben bereits bekräftigt, dass sie alle oppositionellen Milizen als Terroristen betrachten und die Bombardierungen fortführen werden.

Dazu kommt, dass die Situation in der Provinz Aleppo seit München noch verworrener und dramatischer geworden ist: Das Verhältnis zwischen Russland und der Türkei, das ohnehin seit dem Flugzeugabschuss belastet ist, verschlechtert sich rasant: Die russische Unterstützung für die YPG setzt die Türkei unter Zugzwang. Eine weitere Front ist durch den Angriff der YPG auf syrische Rebellen dazugekommen - nun bekämpfen sich plötzlich zwei von den USA unterstützte Gruppen gegenseitig.

Die Dschihadisten profitieren

Von dem Chaos und der Gewalt profitieren konnte bisher die Allianz Damaskus-Teheran-Moskau. Ihre Milizen am Boden - eine Art radikal-schiitische Internationale aus dem Libanon, dem Irak, Iran und Afghanistan - sind weiter Richtung Osten auf dem Vormarsch und dabei, die Schlinge um Aleppo zuzuziehen.

Auch die radikal-sunnitischen Dschihadisten konnten profitieren: Der "Islamische Staat", der zuletzt in Syrien und im Irak unter Druck geraten war, kann vorerst aufatmen. Denn für die Pro-Regime-Kräfte und die YPG hat der Kampf gegen den IS vorerst keine Priorität. Stattdessen bekämpfen sie derzeit jene Rebellen, die den IS (damals noch ISIS) 2014 aus dem Nordwesten Syriens zurückdrängen konnten.

Die radikal-sunnitische Nusra-Front, der syrische Ableger von al-Qaida, konnte das Chaos ebenfalls nutzen, um sich im Rebellenlager auszubreiten und sich dort als wichtigste Gruppe zu etablieren. Die letzten verbliebenen gemäßigten Rebellen werden erneut diskreditiert: Niemand kommt ihnen zu Hilfe. Aus syrischer Sicht hat der Westen sie verraten - wie es die Radikalen immer prophezeit haben.

Leidtragende sind die Zivilisten. In der Provinz Aleppo leben schätzungsweise noch zwei Millionen Menschen. Sie könnten in den kommenden Monaten gezwungen werden, ihre Heimat zu verlassen. Die Zerstörung mehrerer Krankenhäuser macht die medizinische Versorgung Tausender Menschen unmöglich. Ihre Lage wird zunehmend verzweifelter.

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 216 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Pessimistisch
zora81 16.02.2016
Ich kann mir langsam nicht mehr vorstellen, wie das noch werden soll... Die Lage spitzt sich überall zu. Ich hoffe nicht, dass das noch richtig eskaliert und in einen dritten Weltkrieg mündet.
2. Und die Nato hilft der Türkei ...
mobes 16.02.2016
Es kann nur einen Sieger geben, Assad mit Russland oder die IS mit Unterstützung der Türkei und ihrer verbündeten Nato. Da wünscht man den Syriern doch lieber Assad. Aber das will die USA auch nicht, denn dann dürfte Russland seinen Stützpunkt in Syrien behalten und das war ja der Grund, warum man Assad stürzen wollte.
3. Gemässigte Rebellen?
durchfluss 16.02.2016
Die YPG hat sich doch zusammen mit Teilen des säkularen Widerstands zur Vereinigung der "Syrischen Demokratischen Kräften (SDF)" zusammengeschlossen, ein Bündnis das man durchaus als "gemässigt" bezeichnen darf (ausser man betrachtet es aus türkischer Sicht). Die von der Türkei unterstützten Turkmenen sind jedoch Islamisten. Der Westen sollte jedoch aus eigenem Interesse nur säkuläre Gruppen unterstützen und da führt an der YPG und ihren Verbündeten kein Weg vorbei. Rebellen gruppen die als "gemässigte Dschihadisten" bezeichnet werden, sind nach unserem Wertesystem sicher nicht moderat.
4. Was bringt es eigentlich
chrgeopolo 16.02.2016
immer alle Häuser aus der Luft zu zerstören? Und warum telefonieren die grossen Mächte miteinander, wenn sie sich gegenseitig bekämpfen? sinnlos und dummt
5. Domino
shopper34 16.02.2016
Nun wird es Zeit, dass Erdogan dem syrischen Assad den Krieg erklärt. Dann ist der Nato-Bündnisfall da. Und Russland der Gegner. Und dann muss auch Obama Farbe bekennen . Und Israel. Und Iran .... Ähnliches Domino-Spiel hatten wir doch schon mal.... 1914, 1939 etc. Wenn uns Angela und der dicke Erzengel in den Krieg führen, dann wirds nix mit der Wiederwahl.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Syrien-Reiseseite



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: