Syrien-Krieg Putin entscheidet über die Zukunft der Kurden

Der türkische Präsident Erdogan bereitet einen Einmarsch in Nordostsyrien vor - Warnungen der US-Regierung zum Trotz. Entscheidend für den Kriegsverlauf dürfte jetzt sein, was Kremlchef Putin will.

Banner mit Putin (r.) und al-Assad (l.), im Westen der Region Idlib
AFP

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Eine Analyse von , Istanbul


Er hoffe, John Bolton habe einen Eindruck von der "weltberühmten türkischen Gastfreundschaft" erhalten, schrieb Fahrettin Altun, der Medienchef des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, auf Twitter. Kurz zuvor hatte der Sicherheitsberater von US-Präsident Donald Trump Ankara am Dienstag wieder verlassen. Es war ein letzter, verbaler Fußtritt nach einer ohnehin missratenen Mission.

Bolton hätte die Türkei eigentlich dazu bewegen sollen, die geplante Militäroperation gegen die Kurden-Miliz YPG in Nordostsyrien abzublasen. Erdogan jedoch wies ihn brüsk zurück. Er verwehrte dem Gast aus Washington ein Gespräch und teilte stattdessen in einer Rede vor Abgeordneten seiner Partei gegen die US-Regierung aus: "Falls (die Amerikaner) erwarten, dass wir uns Terroristen beugen, täuschen sie sich", sagte er.

Die USA und die YPG haben in Syrien gemeinsam erfolgreich gegen die Terrorgruppe "Islamischer Staat" gekämpft. Erdogan hingegen hält die YPG für den syrischen Ableger der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), die in der Türkei immer wieder Anschläge verübt hat, und von Europa wie den USA als Terrororganisation eingestuft wird. Er will die Miliz um jeden Preis aus dem Grenzgebiet vertreiben, was auch weite Teile der Opposition in der Türkei gutheißen.

Türkische Armee im Norden Syriens Ende Dezember
STR/EPA-EFE/REX

Türkische Armee im Norden Syriens Ende Dezember

Truppen ziehen ab - was macht Moskau?

Bereits vor einem Jahr marschierten türkische Soldaten in die syrische Stadt Afrin ein, die bis dahin unter Kontrolle der YPG stand. Nun würde Erdogan den Einsatz gerne auf den Nordosten ausdehnen. Ob und wann es zu einer weiteren türkischen Militäroperation kommt, hängt weniger von den USA ab. Trump dürfte seine Soldaten aus dem Bürgerkriegsland abziehen, selbst wenn die Türken die von ihm verlangte Sicherheitsgarantie für die YPG ablehnen.

Am Freitag begann die US-geführte Militärkoalition mit dem Abzug ihrer Einheiten aus Syrien. Konkrete Angaben zum Ablauf werde man aus Sicherheitsgründen aber nicht machen, erklärte ein Sprecher des Bündnisses.

Trump hatte kurz vor Weihnachten mit seiner Ankündigung überrascht. Er wolle diesen Schritt durchführen, da der Kampf gegen den "Islamischen Staat" gewonnen sei. Aus Protest gegen die Ankündigung war Verteidigungsminister Jim Mattis zurückgetreten.

Die Amerikaner starten also den Rückzug, entscheidend ist nun, was Moskau will.

Wladimir Putin
AP

Wladimir Putin

Erdogan und sein russischer Amtskollege Wladimir Putin stimmen sich in Syrien einerseits eng ab. Andererseits ist Putin der engste Verbündete von Syriens Diktator Baschar al-Assad und hat kein Interesse daran, dass sich die Türkei noch weiter im Nachbarland festsetzt. Sollte er einem Militäreinsatz zustimmen, dann wohl nur unter der Bedingung, dass die Türkei nach einem Sieg über die YPG das Territorium Assad überlässt - einem Mann, den Erdogan bis vor Kurzem noch stürzen wollte.

Da die Kurden ihrerseits Assad um Schutz vor einer türkischen Invasion gebeten haben, hat ein seltsames Rennen eingesetzt: Ankara und die YPG wetteifern, wer schneller einen Deal mit dem syrischen Regime und dessen Protektor schließen kann - mit Russland.

insgesamt 36 Beiträge
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g.raymond 11.01.2019
1. In der Tat ein Test für Russland
Das Kuriose an dem amerikanischen Rückzug ist, dass er den Unrechtszustand beendet, dass die USA ohne Einwilligung der Regierung in Damaskus militärisch in Syrien aktiv war und ist. Wenn es jetzt Russland gelingen sollte, Erdogan von einer Invasion in das syrische Kurdengebiet abzuhalten und die Kurden andererseits dazu zu bringen, keine militärischen Abenteuer in der Türkei zu unternehmen und sich gleichzeitig mit dem Autonomie-Status innerhalb Syriens zufriedenzugeben, wäre das ein immenser Erfolg.
hansriedl 11.01.2019
2. Arme Kurden
Nach Putins Freundschaftspakt mit Erdogan steht er zwischen zwei Stühlen. Lässt er Erdogan freie Hand, gibt es ein Massaker, da der die Kurden wie die Pest hasst. Nimmt er ihn an der Leine gefährdet er den Pakt, was auch Wirtschaftlich einen Rückschlag für beide bedeutet. Erdogan spielt wie immer ein falsches Spiel. Die Einrichtung einer entmilitarisierten Zone gibt es nicht, entweder lässt er den Terror bewusst zu, oder er hat die Übersicht verloren.
graf koks 11.01.2019
3. Nur Putin kann noch einen Völkermord verhindern
Welchen Deal Trump mit Erdogan gemacht hat, kann man nur vermuten. Wie wichtig Assad sein Territorium ist, ebenfalls. Da aber Erdogan offenbar entschlossen ist, die Kurden auszuradieren und dem IS Nächte der langen Messer zu ermöglichen, steht der nächste Völkermord vor der Tür. Am Tag, an dem die USA sich und ihre Waffen abziehen, geht es los. Und ohne militärische Unterstützung Assads und russischen Waffen haben die Kurden dann keine chance.
pnegi 11.01.2019
4. Bolton ist nicht Trump...
Trump hatte sich entschieden. Die US-Truppen ziehen ab! Darauf hin kam es zum grossen Geschrei unter den NeoCons, nicht nur in den USA. Und plötzlich schien es, als ob das Ganze doch noch gestoppt werden könnte, als nämlich die beiden bekennenden Kriegstreiber Bolton und Pompeo in den Nahen Osten flogen, um es doch nochmal irgendwie zu stoppen. Viele dachten, Trump sei wieder einmal eingeknickt (auch hier in diversen Foren jubelten bereits einige übliche Verdächtige). Dabei hätten sie sich nur richtig informieren müssen. Trump hatte nämlich eine 'executive order' unterzeichnet, bevor er seine Entscheidung über den Abzug der Truppen verkündigte. Die beiden 'Helden' Bolton und Pompeo hatte er in den Nahen Osten geschickt, weil sie wohl die lautesten Stopp-Rufer ob seiner Entscheidung gewesen sind. Beide sind Vertreter des deep state und Trump schickte sie auf eine Mission, auf der sich beide nur lächerlich machen konntet - was sie ja auch bravourös geschafft haben. Trump ist eben genial... Das Statement eines verantwortlichen Amerikanischen Offiziers (nachzulesen ua bei ZeroHedge) von heute lautete entsprechend auch : "Nothing has changed," one defense official said. "We don’t take orders from Bolton." Das Ganze ist ein Sieg Trumps über den Tiefen Staat, und offenbar begreifen es jetzt auch die Journalisten des Mainstreams...
deutschesterMichel 11.01.2019
5. Also
über die Zukunft der Kurden entscheiden die Amerikaner. Ob die aus Syrien rausgehen oder nicht oder in welchem Maß, ist ja offenbar noch nicht ausgemacht. Am wenigsten interessant ist, was Erdogan will, er hat einfach nichts zu sagen. Macht aber nationalistische Politik, besser gesagt: Reden auf Kosten Syriens und der Kurden. Natürlich widerspricht ihm keine Regierung, schon gar nicht die Amerikaner, wozu auch?
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