Russlands Strategie Putin forciert Syriens Spaltung

Wladimir Putin hat den Westen überrumpelt, wieder einmal. Der Kreml-Chef lässt an Syriens Küsten seine Truppen auffahren. So will er in der Region Macht beweisen - und den IS aus seinen eigenen Nachbarstaaten fernhalten.

Von , Moskau

Russisches Transportflugzeug in Latakia: Immer mehr Material und Personal in Syrien
AFP/HO/SANA

Russisches Transportflugzeug in Latakia: Immer mehr Material und Personal in Syrien


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Da kann der Westen protestieren so viel er will - Russland schafft weiter Militärausrüstung an die Küste Syriens. Russische Militärmaschinen nutzten dafür zuletzt den Luftraum des Iran und Iraks. Das wurde nötig, weil Bulgarien Moskau die Überflugrechte verweigert hat. Seit Ende August passieren zudem immer mehr russische Kriegsschiffe den Bosporus in Richtung Mittelmeer. Viele transportieren Militärgerät an Deck, dass offenbar für Syrien gedacht ist.

Amerikanische Geheimdienste gehen davon aus, dass der Kreml bereits 200 Marine-Infanteristen sowie sechs schwere Haubitzen nahe der syrischen Hafenstadt Latakia stationiert hat. Das berichtet die "New York Times".

Der Kreml bestreitet offiziell, dass es Pläne für eine Militärintervention in Syrien gibt. Das Außenministerium warf dem Westen in dem Zusammenhang bereits "Hysterie" vor. Wladimir Putin allerdings wählte kürzlich eine Formulierung, die viele Beobachter aufhorchen ließ. Auf mögliche russische Luftschläge in Syrien angesprochen sagte der Präsident, es sei "verfrüht, darüber zu sprechen".

Politologen werten das als Botschaft an den Westen: Der Kreml lasse durchblicken, dass er in Syrien alle Optionen offenlässt, auch militärische. "Der Präsident signalisiert: 'Nichts ist ausgeschlossen, alles ist möglich'", sagt Fjodor Lukjanow, Moskauer Außenpolitikexperte und Herausgeber der Fachzeitschrift "Russia in Global Affairs".

Die Hinweise verdichten sich, dass Russland nicht nur seine Marinebasis im syrischen Tartus verstärkt hat, sondern sich auch auf dem Luftwaffenstützpunkt Jableh nahe Latakia einrichtet. Die Russen bauen dort eine Flugleitzentrale auf. Die "New York Times" berichtet darüber hinaus über den Bau einer Wohnanlage von bis zu 1500 Mann. Als nächstes könnte die Verlegung von Kampffliegern der Typen Su-25 und MiG-31 bevorstehen, spekuliert das Blatt. Eine Bodenoffensive russischer Einheiten hält Außenpolitikexperte Lukjanow dagegen für unwahrscheinlich: "Das Risiko ist zu hoch."

Der Aufbau der Militärstruktur an Syriens Küste würde Angriffe auf den "Islamischen Staat" ebenso ermöglichen wie Schläge gegen andere Oppositionsgruppen. In welche Richtung der Kreml tendiert, ist noch offen. Putin hat zuletzt oft betont, dass eine breite "Koalition" gegen den "Islamischen Staat" nötig sei. Diese Forderung wiederholte er am Montag. "Wir rufen andere Länder auf, sich uns anzuschließen", so Putin, der die "terroristische Aggression" im Land verurteilte.

Lukjanow glaubt, dass Moskau ernsthaft besorgt ist über die Erfolge der Islamisten: "Die Wahrscheinlichkeit wächst, dass in Syrien nicht die gemäßigte Opposition die Oberhand gewinnt, sondern der IS." Moskau fürchtet eine Ausbreitung des Terrornetzwerks auf seine Territorien im Nordkaukasus und Nachbarstaaten in Zentralasien.

Assad muss nicht um jeden Preis gehalten werden

Daneben spielen geopolitische Überlegungen eine Rolle. "Er will Russlands Rolle als wichtiger Akteur außerhalb des postsowjetischen Raumes stärken", sagt Dmitrij Trenin vom Moskauer Carnegie Center.

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Über Russlands Pläne für den amtierenden Präsidenten gehen die Einschätzungen auseinander: "Die Absicht der Russen ist, Assad an der Macht zu halten und nicht den IS zu bekämpfen", zitiert die Nachrichtenagentur Bloomberg einen namentlich nicht genannten Beamten der US-Regierung.

Der Moskauer Außenpolitikkenner Lukjanow dagegen glaubt, dass der Machterhalt Assads für den Kreml "kein Selbstzweck" sei. Russland wolle - unabhängig vom Präsidenten - ein alawitisches Rumpfregime erhalten, das wenigstens einen Teil des Landes ordnen könne. In jedem Falle werde "Russland nicht dafür kämpfen, das Land wieder unter Assad zu vereinen", so Lukjanow.

Im Kern forciere Russland eine Art Aufspaltung Syriens. Der Westen habe sich zu sehr auf die Frage versteift, was aus Assad werde. Wichtiger sei aber inzwischen die Frage, was "noch zu retten ist vom alten, säkularen syrischen Staat". Dieser könnte am ehesten ein Gegengewicht bilden gegen militante Islamisten.

Im Westen findet man keine gemeinsame Linie

Während Russland Fakten schafft, ringt der Westen um eine einheitliche Position. Manche Politiker fordern, Russland in die Schranken zu weisen. Andere - etwa CSU-Chef Horst Seehofer - plädieren für eine Zusammenarbeit mit Putin gegen den IS.

Putin fliegt Ende September zur Uno-Vollversammlung. Russland will sich dort als bedeutende Großmacht präsentieren, die auf Augenhöhe mit den USA agiert. Putin hofft auf ein Gespräch mit Barack Obama in New York. Bislang sah es so aus, als wolle der US-Präsident seinen russischen Amtskollegen abblitzen lassen.

Im Juli hatte Obama noch verkündet, er habe den Eindruck gewonnen, Putin rücke ab vom Assad-Regime. Nach Angaben der Agentur Bloomberg streiten im Weißen Haus Befürworter und Gegner einer Zusammenarbeit mit Russland im Kampf gegen den IS.


Zusammengefasst: Russland verlegt immer mehr Militärgüter nach Syrien, hinzu kommen zahlreiche Soldaten. Möglich sind Luftschläge gegen den IS - aber auch gegen die syrische Opposition. Moskau will auf keinen Fall, dass sich die Terroristen auch auf die russischen Nachbarstaaten ausbreiten. Ob Präsident Assad unbedingt gehalten werden soll, ist laut Experten umstritten.

Zum Autor
Benjamin Bidder ist Korrespondent von SPIEGEL ONLINE in Moskau und berichtet regelmäßig über die Krise in der Ukraine - unter anderem aus Moskau, Kiew, Odessa, Donezk.

E-Mail: Benjamin_Bidder@spiegel.de

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insgesamt 381 Beiträge
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Seite 1
vox veritas 15.09.2015
1.
Wenn man den IS besiegen will, gibt es nur eine Lösung: Assad geht ins russische Exil, die gemässigten Syrer übernehmen die politische Führung und der IS wird durch türkisch-arabische Truppen zerschlagen. Okay, okay, das letzte ist eine Utopie. Die bekommen das nicht auf die Reihe. Wahrscheinlich muß doch der "Westen" wieder mal ran.
Leto13 15.09.2015
2. hm
Seit Monaten fliegen mehrere Laender Luftangriffe auf syrisches Territorium, dabei ihre eigenen Ziele verfolgend. NATO Partner Tuerkei unterstuetzt seit geraumer Zeit bewiesenermassen den IS. Kaum regen sich die Russen, gibt es ein grosses Trara. Laecherlich.
cededa 15.09.2015
3. Alles Feiglinge
ohne Bodentruppen.
johannesmapro 15.09.2015
4.
Dann braucht sich keiner zu wundern, das alle Syrier nach Deutschland ziehen wollen. Aber das Grundproblem ist, das die Präsidenten der USA, Russlands, des Irans und der König von Saudi-Arabien mit einander Schach spielen in Syrien um die Macht, wenn auch die Frage um welche macht im raum steht? Wir wollten das auch nicht in Deutschland. der aller erste Punkt ist das dieser selbst ernannte Machtwahn ein Ende hat. Dann müßte das Waffen produzieren geächtet und verboten werden. Wir leiden unter dem ende des demokratischen sozialistischen Denkens. Denn da hat Pazifismus und Macht eingrenzung einen ganz anderen Wert als im Neoliberalismus.
kaltschale 15.09.2015
5. Gut
Wenigstens einer macht was gegen des IS. Die USA sollen mal ganz ruhig sein, das Chaos da unten ist deren Schuld und der Türken und der Golfstaaten. Ausbaden darf es Europa und aufräumen die Russen.
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