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Kurdische YPG in Syrien: Um diese Miliz buhlen die Weltmächte

YPG-Miliz in Syrien: Erfolgreich gegen den IS Fotos
AFP

Die USA sehen die Kurdenmiliz YPG in Nordsyrien als Partner, russische Kampfjets bomben ihr den Weg frei. Selbst die EU und die Uno stehen auf der Seite der Kurden. Damit bleibt ein Staat isoliert: die Türkei.

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Eigentlich sollten an diesem Freitag die Waffen schweigen in Syrien. Russland, die USA und Regionalmächte wie Iran und Saudi-Arabien hatte sich Ende vergangener Woche in München auf eine Feuerpause innerhalb von einer Woche geeinigt. Auch die Türkei hatte zugestimmt.

Doch die Gewalt dauert an. Beobachter im Norden von Syrien melden den bislang heftigsten Angriff der türkischen Streitkräfte auf Stellungen der kurdischen Miliz YPG. Stundenlang beschossen türkische Soldaten am Freitag die von der YPG kontrollierten Gebiete. Deren Kämpfer und ihre arabischen Verbündeten haben in den vergangenen Tagen mehrere Regionen entlang der syrisch-türkischen Grenze erobert.

Die Türkei will diesen Vormarsch unbedingt verhindern. Sie befürchtet, dass die Kurden in unmittelbarer Nachbarschaft zu türkischem Territorium ein zusammenhängendes Autonomiegebiet schaffen wollen. Damit könnte die Türkei erheblich weniger Einfluss auf das Kriegsgeschehen in dem Nachbarland nehmen.

Die "Yekineyen Parastina Gel", kurz: YPG und auf Deutsch "Volksverteidigungseinheiten", sind der militärische Ableger der syrischen Kurdenpartei PYD, die wiederum der kurdischen Arbeiterpartei PKK nahesteht, die die Türkei als Terrororganisation bekämpft (und die auch von den USA und der EU als solche eingestuft wird). Die Türkei wirft der YPG nun vor, für den Anschlag in Ankara am Mittwochabend verantwortlich zu sein, bei dem 28 Menschen getötet wurden. Bekannt hat sich zu der Tat die Gruppe Freiheitsfalken Kurdistans (TAK), eine radikale Splittergruppe der PKK.

(Einen Überblick über die unterschiedlichen Kurden-Gruppen in diesem Konflikt finden Sie hier .)

Die YPG weist die Anschuldigungen von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und Premierminister Ahmet Davutoglu zurück. Diese seien nur ein "Vorwand für eine türkische Bodenoperation" in Nordsyrien. "Das Erste, was sie nach dem Anschlag gemacht haben, war, uns wegen des Vorfalls zu beschuldigen", sagte YPG-Sprecher Redur Xelil am Freitag der kurdischen Agentur Firat.

"Damit erfinden sie einen Vorwand, um in Rojava einzudringen." Rojava ist die kurdische Bezeichnung für die Gebiete in Nordsyrien, die die YPG kontrolliert. Xelil wies erneut jede Verantwortung für den Anschlag in Ankara zurück.

Überblick: Das Kurdengebiet im Norden Syriens Zur Großansicht

Überblick: Das Kurdengebiet im Norden Syriens

US-Truppen loben Kooperation in Kobane noch heute

In ihrer Einschätzung der YPG steht die Türkei derzeit allein da. Die USA jedenfalls bleiben weiter an der Seite der Kurdengruppe. Sie sehen die Miliz, die sie in der Vergangenheit mit Waffen beliefert haben, als Partner im Kampf gegen die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS). Es sei den USA nicht möglich zu sagen, ob die türkischen Anschuldigungen stimmten oder nicht, so das US-Außenministerium. Die US-Regierung habe die Türkei und die YPG aber schon vor dem Anschlag in Ankara aufgefordert, die Kämpfe einzustellen.

Tatsächlich hat keine andere Gruppe den IS so wirksam bekämpft wie die YPG. Es waren ihre Einheiten, die bei der Belagerung der Berge von Sindschar im Nordirak einen Weg freischossen und den Menschen damit die Flucht ermöglichten. Und es waren ebenfalls vor allem YPG-Mitglieder, die im Herbst und Winter 2014 im nordsyrischen Kobane, in Sichtweite zur Grenze zur Türkei, kämpften und den IS vertrieben. US-Militärs loben noch heute die "hervorragende Koordination" der Kämpfer am Boden mit der US-Luftwaffe, die damals Angriffe auf den IS in Kobane flogen.

Der Feind meines Feindes ist mein Freund

Auch Russland sucht derzeit die Nähe zur YPG. Berichten zufolge sollen russische Offiziere deren Milizen beraten. Außerdem ermöglicht Russland den Vormarsch der Miliz, indem russische Kampfjets derzeit vor allem Gegner der YPG in Nordsyrien bombardieren. Das Verhältnis zwischen Moskau und Ankara ist seit dem Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs durch die Türkei eisig. Russland unterstützt in Syrien von jeher den Machthaber Baschar al-Assad, den die Türkei wiederum bekämpft. Es scheint, als würde Russland die YPG auch deshalb unterstützen, um die Türkei zu provozieren - der gemeinsame Feind eint die Großmacht und die Miliz.

Die Türkei rechtfertigt ihren inzwischen eine Woche andauernden Artillerieeinsatz mit der Behauptung, die YPG würde ihrerseits auf die Türkei schießen. Gemäß den türkischen Einsatzregeln dürfe die Armee das Feuer erwidern. Belege für andauernden Beschuss durch die YPG hat das Militär aber nicht vorgelegt. Die 15 Mitglieder des Uno-Sicherheitsrats bewerten das türkische Vorgehen auf Antrag Russlands und des syrischen Regimes am Dienstag deshalb als militärischen Angriff auf das Nachbarland. Die Türkei solle internationales Recht respektieren und das Artilleriefeuer einstellen, heißt es in dem Beschluss. Auch aus der EU kommt Kritik am Vorgehen der Türkei.

Präsident Erdogan gab sich am Freitag enttäuscht über die weltweite Kritik. Er sei "traurig" über die Weigerung des Westens, die PYD und die YPG als Terrororganisation zu bezeichnen. Er werde noch am Freitag mit US-Präsident Barack Obama in dieser Sache telefonieren. Zwischen Erdogan und Russlands Präsident Wladimir Putin gibt es hingegen schon seit Monaten keine Verbindung mehr.


Zusammengefasst: Die Kurdenmiliz YPG spielt im Syrienkrieg eine immer wichtigere Rolle. Die Gruppe hat im Norden des umkämpften Landes ein großes Gebiet unter ihre Kontrolle gebracht - und gilt als erfolgreicher Kämpfer gegen den IS . Die USA und auch Russland stehen der YPG wohlwollend gegenüber. Die Türkei dagegen bekämpft die Kurden, auch weil sie ein Autonomiegebiet unmittelbar an der eigenen Südgrenze fürchtet.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 108 Beiträge
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1. Fantasievolles Gefährt für Fotos
hi_ma 20.02.2016
Der Schütze dürfte keine Soldaten der Gegenseite entgehen, der mit einem Gewehr umgehen kann. Der wird doch aus 300 m sofort ins Visier genommen, bevor er überhaupt in seine recht eigentümliche Schussposition gehuppt ist. Worauf steht der eigentlich. Hat der sich ein paar Stufen in die Seitenwand des Pick-Up gedellt?
2. Ich danke der YPG, dass ...
rolf.scheid.bonn 20.02.2016
... sie den Kampf gegen den IS führt! Erdogan dagegen ist ein Schwerverbrecher, der in Syrien massiv mit gezündelt hat und nun seinen Einfluss auf seine islamistischen Freunde dahin schwinden sieht, insbesondere deswegen, weil der Verlust der Grenze zwischen IS und der Türkei droht. Dann wird es für den NATO-"Partner" Erdogan nämlich sehr viel schwieriger, seine verbündeten Islamisten in Syrien zu versorgen. Ich wünsche den Tapferen Kurden viel Erfolg beim Kampf gegen den Betrüger und Kriegstreiber Erdogan!
3. Sultan Erdogan ist der Terrorist
2wwk 20.02.2016
in einer langen Reihe von tuerkischen Fuehrern die die Kurden seit vielen Jahrhunderten unterdruecken er hat schon hunderte Kurdische Zivilisten gemordet und beschwert sich ueber das Attentat
4. PKK - Terroristen
MiniDragon 20.02.2016
Die PKK wurde noch zu Zeiten des kalten Krieges mit der inzwischen untergefangenen UdSSR aus leicht nachvollziehbaren Gründen von der NATO als kommunistische Terrororganisation eingestuft. Das heutige Russland ist aber nicht mehr die UdSSR und die NATO hätte längst dementsprechend reformiert werden müssen. Dass der Neo- Sultan das Entstehen eines kurdischen Nationalstaates mit aller Kraft bekämpfen muß, ist ebenfalls nachvollziehbar, aber für den Rest der Welt besonders aber für Europa (und wohl auch für Israel) könnte ein neues, unabhängiges Kurdistan als Puffer- Staat zwischen den arabischen Stämmen und den in der heutigen Türkei lebenden Turk- Völkern erstrebenswert sein, wenn die Europäer, Russen inbegriffen, an einer nachhaltigen Befriedung ihres Nahen Ostens interessiert sind- . Für die USA, mal abgesehen von den mit Israel verlinkten amerikanischen Juden, ist dieser Nahe Osten dagegen sehr viel weiter weg als für alle Europäer
5. sogar wir selber
200MOTELS 20.02.2016
finden plausible gründe, nämlich den grenznahen geländegewinn der yps Gruppe, um erdogans bombardierung derselbigen zu rechtfertigen
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