Bürgerkrieg gegen Assad: Die doppelte Rebellion der syrischen Kurden
Sie könnten zu den Gewinnern des Bürgerkriegs gehören, wenn sie nicht so zerstritten wären. Doch einig sind sich Syriens Kurden nur über eines: Sie wollen mehr Autonomie für ihre Region. Dafür legen sie sich mit beiden Seiten an - mit Assads Regime und den Rebellen.
Salar ist ein überzeugter Gegner des syrischen Regimes. Doch das macht den 48-jährigen Kurden mit grauem Schnauzer noch lange nicht zu einem Unterstützer der Rebellen. "Wir kennen das syrische Regime und wir kennen das syrische Volk. Wir Kurden machen unsere eigene Revolution", sagt er.
Die Kurden verfolgen ihre eigenen Interessen im syrischen Bürgerkrieg. Ein Teil von ihnen sympathisiert mit dem Regime, ein Teil mit den Rebellen. Viele finden sich weder auf der einen noch der anderen Seite wieder. Einig sind sie sich nur über eins: ihrem Wunsch nach mehr Selbstbestimmung.
"Was soll das, ich bin syrischer Kurde!"
Die ethnische Minderheit der Kurden macht in Syrien schätzungsweise zehn Prozent der Bevölkerung aus. Doch sie werden in der Verfassung mit keinem Wort erwähnt, im Gegenteil. Ihre Identität wird unterdrückt, Kurdisch darf nicht unterrichtet, die kurdische Flagge nicht aufgehängt werden. "In meinen Pass steht, ich sei syrischer Araber. Was soll das, ich bin syrischer Kurde!", sagt Salar. 2004 ließ Baschar al-Assad einen Aufstand in der Kurdenregion brutal niederschlagen. "Kein einziger Araber ist in Solidarität mit uns auf die Straße gegangen", erinnert sich Salar.
Offiziell heißt Syrien die "Syrische Arabische Republik" und das schon seit mehr als 50 Jahren - noch vor Beginn der Assad-Herrschaft. Nicht-arabische ethnische Minderheiten wie die Kurden werden mit dieser Bezeichnung bewusst zu Staatsbürgern zweiter Klasse degradiert. Daran hat sich auch nichts geändert in Gegenden, in denen Rebellen die Herrschaft übernommen haben. "Freies Syrien - die Syrische Arabische Republik" heißt es etwa auf einem neu aufgehängten Schild über dem Grenzübergang zwischen Kilis und Bal al-Salama.
In Aleppo, wo Kurdenmilizen und Rebellenmilizen aufeinanderprallen, kommt es immer häufiger zu Gewalt zwischen Kurden und Arabern. Eine weitere Front im syrischen Bürgerkrieg scheint sich aufzutun.
Nachdem der Syrische Übergangsrat sich weigerte, die Forderung der Kurden nach einem zukünftig föderal verwalteten Syrien aufzunehmen, gründeten sie vor einem Jahr kurzerhand ihre eigene Revolutionsorganisation, den Kurdischen Übergangsrat. "Die arabischen Syrer haben ihre Organisation, wir haben unsere", sagt Salar, der regelmäßig hin- und herpendelt zwischen dem kurdischen Grenzort Nusaybin in der Türkei und der syrischen Stadt Qamishli, die als Kurden-Hochburg gilt. Während das Assad-Regime aus weiten Teilen der Kurdenregion Syriens seine Soldaten abgezogen hat, sind sie in Qamishli noch präsent. Die Stadt ist wertvoll: Ein Teil der syrischen Ölindustrie hat dort ihren Sitz.
Die PYD als syrischer Ableger der Kurden-Partei PKK
Neben dem Kurdischen Übergangsrat spielt die kurdische Partei der Demokratischen Union (PYD) eine wichtige Rolle. Die PYD ist der syrische Ableger der Kurden-Partei und Miliz PKK, deren Anführer Abdullah Öcalan jahrelang vom Assad-Regime beherbergt wurde. Die PYD ist zwar mit dem Kurdischen Übergangsrat ein loses Bündnis eingegangen. Doch sie hat dem Kurdischen Übergangsrat eines voraus: bewaffnete Mitglieder.
In Kurdengebieten, aus denen sich das Assad-Regime größtenteils zurückgezogen hat, gibt die PYD den Ton an. In der Stadt Afrin etwa wurden die Poster von Baschar al-Assad abgehängt und durch Bilder von Abdallah Öcalan ersetzt, berichten internationale Beobachter. Im Gegenzug dafür scheint die PYD bisher die kurdischen Assad-Gegner im Zaum zu halten. Nach Berichten der Organisation KurdWatch, die Menschenrechtsverletzungen von Kurden in Syrien beobachtet, hat die PYD in den vergangenen Monaten immer wieder kurdische Proteste gegen das Assad-Regime aufgelöst.
Die Zukunft der syrischen Kurden hängt inzwischen wohl weniger vom syrischen Regime ab als von der Haltung der PYD. Wird sie versuchen, sich als stärkste Kraft durchzusetzen, oder setzt sie auf eine breite kurdische Allianz gegen die Araber? In der Vergangenheit fielen die kurdischen Parteien Syriens vor allem durch ihre erbitterte Zerstrittenheit auf. Vielleicht bringen ihnen nun ausgerechnet die Chancen, die der brutale Bürgerkrieg für sie mit sich bringt, neue Einheit.
"Wenn wir Kurden einig bleiben, dann kann das syrische Kurdistan so werden wie das irakische", sagt Salar. Im Irak manövrierten sich die Kurden geschickt durch den Bürgerkrieg. Ihre Region gehört heute zu den sichersten und stabilsten.
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- Dienstag, 06.11.2012 – 06:31 Uhr
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Bevölkerung: 22,505 Mio.
Hauptstadt: Damaskus
Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad
Regierungschef: Wail al-Halki
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