Krieg in Syrien Wie mächtig ist Assad noch?

Knapp sieben Jahre dauert der Krieg in Syrien, und Präsident Baschar al-Assad ist noch immer im Amt. Aber regiert er das Land wirklich? Oft wirkt er nur wie eine Marionette anderer Mächte.

Plakat von Assad und Putin in Aleppo
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Plakat von Assad und Putin in Aleppo

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Baschar al-Assad ist am Ende, der Sturz des Regimes in Syrien nur noch eine Frage der Zeit - diese Einschätzung war vor rund fünf Jahren der Konsens westlicher Geheimdienste. "Es gibt viele Anhaltspunkte dafür, dass die Endphase des Regimes begonnen hat", sagte etwa der damalige Chef des Bundesnachrichtendienstes (BND), Gerhard Schindler, Ende 2012.

Heute ist eine andere Einschätzung Konsens unter westlichen Geheimdiensten und Regierungen: Baschar al-Assad sitzt fest im Sattel, der vollständige militärische Sieg über die Aufständischen ist nur noch eine Frage der Zeit.

Doch wie stabil ist das Regime wirklich, knapp sieben Jahre nach Beginn des Aufstands im März 2011? Und wieviel Macht hat Assad tatsächlich über Syrien?

Beim Blick auf die Landkarte ist der Diktator so mächtig wie seit Jahren nicht: Der Westen des Landes, darunter die fünf größten syrischen Städte Damaskus, Aleppo, Homs, Hama und Latakia, befindet sich unter Kontrolle des Regimes. Aus strategischer Sicht ist das der wichtigste Teil Syriens. Wer den fruchtbaren Korridor zwischen Aleppo im Norden und Damaskus im Süden kontrolliert, beherrscht Syrien. Das östlich angrenzende Gebiet ist weniger wichtig, schließlich besteht es mit Ausnahme des Euphrattals und seiner Nebenflüsse aus Wüste und ist nur dünn besiedelt.

Lokale Milizen stellen Machtmonopol in Frage

Doch die tatsächliche Macht des Regimes ist brüchig - und fußt vor allem auf zwei Säulen: der russischen Luftwaffe und iranischen Milizen. Weil die Regierungsarmee nach jahrelangem Krieg, dem Tod Tausender Soldaten und der Fahnenflucht vieler anderer ausgedünnt ist, hat Assad ihre Aufgaben vielerorts an Ausländer ausgelagert. Die US-Regierung schätzt, dass 80 Prozent der Kämpfer, die auf Seiten des Regimes an vorderster Front kämpfen, aus dem Ausland stammen - Milizionäre der libanesischen Hisbollah, aus dem Irak und Afghanistan sowie Angehörige der iranischen Revolutionswächter.

Als das Regime im November die syrisch-irakische Grenzstadt Abu Kamal von der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) zurückeroberte, kämpften auf Seiten Assads fast keine Syrer. Es waren irakische und iranische Milizionäre, die den Ort einnahmen - angeführt von Qassem Suleimani, dem iranischen Generalmajor, der die Spezialeinsätze der iranischen Revolutionswächter im Ausland leitet.

Und auch in anderen zurückeroberten Gebieten haben vielerorts lokale Milizen das Sagen. Sie finanzieren sich unter anderem durch Plünderungen und Erpressungen. Bekanntestes Beispiel ist Ost-Aleppo. Hier haben Milizionäre nach der Rückeroberung vor einem Jahr eine Vielzahl von Checkpoints errichtet, an denen sie Bewohnern Schutzgelder abpressten. Im Sommer versuchte die syrische Armee, dem Treiben ein Ende zu bereiten. Kurzzeitig nahm sie Hunderte Menschen fest, trotzdem konnte sie die Macht der Milizen nicht dauerhaft beschneiden.

Vor dem Krieg war Assad der unumstrittene Herrscher über Syrien, nun gibt es Dutzende Provinzfürsten, die das Machtmonopol des Staates herausfordern.

US-Armee richtet sich langfristig ein

Und dann sind da noch die Gebiete Syriens, die Damaskus auf absehbare Zeit verloren hat: Fast der gesamte Nordosten des Landes - vereinfacht gesagt das Gebiet nordöstlich des Euphrat - wird von den Syrischen Demokratischen Kräften (SDF) kontrolliert. Diese Fläche macht rund 28 Prozent des syrischen Staatsgebiets aus. Die SDF werden von den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) dominiert und von den USA unterstützt. Die US-Armee hat rund 2000 Soldaten in dem Gebiet stationiert.

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US-Außenminister Rex Tillerson kündigte im Januar an, dass das US-Militär auf absehbare Zeit in Syrien stationiert bleiben werde. Für einen Abzug nannte Tillerson fünf Bedingungen: ein nachhaltiger Sieg über den IS und al-Qaida, ein Uno-geführter Friedensprozess zur Konfliktlösung ohne Beteiligung Assads, eine Rückdrängung des iranischen Einflusses in Syrien, die Schaffung von Bedingungen für die Rückkehr syrischer Flüchtlinge, die Beseitigung aller Massenvernichtungswaffen in Syrien.

Israels unbeantwortete Luftangriffe

Zwar ist angesichts der erratischen Politik von Donald Trump nicht ganz klar, welche Autorität Außenminister Tillerson hat, doch fest steht, dass gegenwärtig die Erfüllung jeder von ihm genannten Bedingung für einen US-Abzug in großer Ferne liegt.

Und die USA sind im Norden nicht allein: Die Türkei hat nördlich von Aleppo seit August 2016 eine eigene Besatzungszone geschaffen. Präsident Recep Tayyip Erdogan plant offenbar eine Präsenz mit offenem Ende in dem Gebiet nahe der Grenze. Die türkische Post eröffnet Filialen, Schüler lernen Türkisch als erste Fremdsprache, die Abschlüsse werden in der Türkei anerkannt. Ein ähnliches Modell würde Erdogan wohl gerne auch auf die Provinz Idlib anwenden, die weitgehend von dem Dschihadistenbündnis Hayat Tahrir al-Sham (HTS) dominiert wird. Doch dafür bräuchte Ankara die Zustimmung aus Moskau, und die ist derzeit nicht in Sicht.

Und dann ist da noch Israel: Das israelische Militär hat nach eigenen Angaben in den vergangenen Jahren rund hundert Luftangriffe auf Ziele in Syrien geflogen. Zu den Zielen gehören Waffenlieferungen an die Hisbollah und eine mutmaßliche Chemiewaffenfabrik. Mehrfach hat Damaskus Vergeltungsschläge gegen Israel angedroht - passiert ist nichts. Israel kann über dem syrischen Himmel frei schalten und walten, obwohl Russland moderne Flugabwehrsysteme in dem Bürgerkriegsland installiert hat. Doch Wladimir Putin lässt Israel gewähren, weil die israelischen Angriffe das Überleben des Regimes nicht gefährden.

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regula2 06.02.2018
1. Werdegang
Assad war nie anderes als Gouverneur eines von russischen Waffen kontrollierten Territoriums. Die Tatsache, dass er in dieser Funktion massiv in die eigene Tasche gearbeitet hat, ist bei russischen Beamten nichts besonderes.
betonklotz 06.02.2018
2. Saß Assad jemals wirklich fest im Sattel?
Das frage ich mich schon seit langem. Man hat ja vor dem Beginn des Krieges nicht so viel über Syrien gehört. Großartige warnende Vorzeichen scheint es nicht gegeben zu haben. Aber zu denken gibt mir die Art wie Assad ans Ruder kam. Er war ja gar nicht vorgesehen, nur durch den Unfall seines Bruders rückte er in der "Thronfolge" nach. Von daher kann ich mir gut vorstellen, daß in Wahrheit alte Seilschaften hinter den Kulissen das Sagen hatten. Und der Ausbruch des Bürgerkrieges könnte sehr wohl durch eine solche Führungsschwäche begünstigt worden sein. Falls es irgendwann einmal zu einer Lösung dieses Trauerspiels kommen sollte, und das kann nur eine politische sein, muß man auf jeden Fall wissen, wie die tatsächlichen Machtverhältnisse sind. Schließlich hat es wenig Sinn mit einer Marionette zu verhandeln.
moonstruckannalist 06.02.2018
3. Bevor sich der Westen die Machtfrage stellt sollte
erstmal analysiert werden, wer statt seiner das Amt übernehmen könnte. Einen Schritt ohne Aussicht auf Plausibilität vor den anderen zu setzen fällt uns in der Türkei gerade auf die Füsse.
keine Zensur nötig 06.02.2018
4. Assad - das Feigenblatt
Ohne Putin wäre Assad schon weg, ohne die westliche Hilfe gäbe es schon lange keine Aufständischen mehr. Die völkerrechtswidrige Okkupation in Syrien durch die USA wird enden, wenn Putin und der Sultan E. sich über die Kurden geeinigt haben. Also wann diese Herrschaft von Damaskus anerkennen und wenn nicht, wann sie etwas bissel sehr dezimiert werden. Auch türkische Luftangriffe erfolgen mit Duldung Moskaus. Wenn die syrische Regierung ihre bestellten neuen Luftabwehrsysteme bezahlt und erhalten hat, dürfte es allerdings für zukünftige Luftraumverletzer eng werden - auch für die deutschen.
hdwinkel 06.02.2018
5. Was wäre gewesen
Eine Frage lässt Herr Sydow unbeantwortet: Was wäre eigentlich bei einem Sturz Assads Ende 2012 aus Syrien geworden? Irgendetwas mit Demokratie? Wirklich? Tatsache ist jedenfalls, daß die Operzahlen Ende 2011 bei etwa 2.500 Toten gelegen haben, Ende 2012 bereits bei über 70.000. Das korreliert erstaunlich gut mit den aufgenommenen Waffenlieferungen der Amerikaner und der ach so demokratischen 'Freunde Syriens' wie Saudi-Arabien, Katar und die Türkei an militante Gruppen, die beim besten Willen nun so gar nichts mit unseren westlichen Werten zu tun hatten und haben. http://www.nytimes.com/interactive/2013/03/25/world/middleeast/an-arms-pipeline-to-the-syrian-rebels.html?ref=middleeast Aber wer will schon so genau hinschauen, was die islamistische 'letzte Hoffnung Aleppos' so in und mit Syrien veranstaltet hat, wenn mit Assad bereits das Böse an sich bereits fest ausgemacht ist.
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