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Krieg in Syrien: Die möglichen Ziele eines US-Militärschlags

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Welche Ziele in Syrien würden bombardiert, wenn es zum Angriff kommt? Die US-Militärs wägen ab: Sie wollen das Assad-Regime zwar strafen, aber nicht zu empfindlich treffen. Schläge gegen Flughäfen, Chemie-Forschungszentren und die Hauptstadt sind denkbar.

Es ist eine paradoxe Situation, in der sich US-Präsident Barack Obama befindet. Das Pentagon ist dabei, einen Militärschlag gegen Syrien vorzubereiten. Die Attacke soll heftig genug sein, um Baschar al-Assad davon abzuhalten, noch einmal Chemiewaffen im großen Stil gegen die eigene Bevölkerung einzusetzen. In der Nacht auf den 22. August wurden wohl mehr als 1500 Menschen nahe Damaskus mit Giftgas ermordet.

Andererseits darf der Angriff Assad nicht allzu hart treffen. Schließlich will Obama keinen Kollaps des Regimes einläuten, von dem dschihadistische Gruppen profitieren könnten. Und auf keinen Fall will der US-Präsident in den syrischen Bürgerkrieg hineingezogen werden.

Schon seit Tagen brüten die Strategen in Washington darüber, wie sie diese Gratwanderung meistern könnten. Der Angriff könnte kurz, aber intensiv sein und etwa ein, zwei Tage dauern, bevor die Bombardierungen wieder eingestellt würden. Man studiere eine Liste mit möglichen Zielen, weniger als 50 Punkte stünden darauf, sagte ein US-Beamter der "New York Times".

Typische Ziele einer solchen Bombardierung sind Armeegebäude und Infrastruktur. Einige der folgenden Punkte dürften daher auf der Liste stehen:

  • Flughäfen: Die Flughäfen Syriens sind für Baschar al-Assad strategisch besonders wichtig. Nur wenige konnten die Rebellen bisher erobern. Über die Flughäfen kann Assad seine Anhänger mit Nachschub versorgen und von ihnen aus Angriffe starten. Der Militärflughafen von Mezze in Damaskus etwa ist ein großer Stütz- und Drehpunkt. Möglicherweise ging von ihm die Giftgasattacke auf das nahe gelegene Muadamija aus.
  • Flugabwehrstellungen: Die syrische Luftabwehr gilt als eine der schlagkräftigsten der Region. Sie wurde von Russland in den vergangenen Jahren trotz des andauernden Bürgerkriegs massiv aufgerüstet.
  • Kommandozentralen: Will Obama das syrische Regime symbolisch treffen, könnte er das Verteidigungsministerium oder das Innenministerium bombardieren lassen, beide in Damaskus. Auch die Hauptquartiere der wichtigsten Geheimdienste, etwa des Luftwaffen- und Militärgeheimdienstes, befinden sich in der Hauptstadt.
  • Spezialeinheiten: Besonders hart könnte es die Vierte Division der syrischen Armee treffen, die Maher al-Assad, dem Bruder des Präsidenten, unterstellt ist. Die Brigade 155 dieser Sondereinheiten soll für den jüngsten Giftgasangriff verantwortlich sein. Ein Großteil der Stützpunkte der Vierten Division befindet sich in Damaskus.
  • Präsidentenpalast: Ziel könnte auch Assads Palast auf dem Qassiun-Berg von Damaskus sein. Auf dem Palastgelände befindet sich außerdem ein Stützpunkt der Republikanischen Garde, einer weiteren Spezialeinheit. Assad selbst will man jedoch wohl nicht ausschalten.
  • Chemiewaffen-Forschungszentren: Syrien hat mehrere militärische Forschungskomplexe zu Chemiewaffen. Sie werden in Hama, Homs, Latakia, Palmyra und Damaskus vermutet. Das Forschungszentrum bei Damaskus wurde 2013 bereits mehrmals von Israel bombardiert zuletzt im Mai.
  • Trainingscamps: Es ist denkbar, dass die Amerikaner auch Ausbildungslager von Assad-treuen Milizen zerstören. Diese gelten als besonders brutal. Allerdings sind die Trainingscamps der Milizen nur schwer zu lokalisieren.

Alle genannte Orte und Ziele finden Sie auf der interaktiven Karte:

Die erste Angriffswelle dürfte nach Meinung von Experten auf die syrische Luftwaffe und die Flugabwehr zielen. Das Assad-Regime verfügt über eine Reihe technisch veralteter, aber auch über relativ moderne Kampfflugzeuge, darunter bis zu 40 russische MiG-29-Kampfjets.

Syriens Luftabwehr gilt als eine der schlagkräftigsten der Region. Russland hat sie in den vergangenen Jahren trotz des andauernden Bürgerkriegs massiv aufgerüstet. "Die Syrer haben ihr Defensiv-Potential sorgfältig verstärkt", sagt Ruslan Alijew vom Moskauer Rüstungs-Think-Tank Cast. Andererseits seien viele Systeme veraltet, und es sei unklar, welche Teile der Luftabwehr überhaupt noch einsatzfähig seien. So gebe es Aufnahmen von mindestens einer Luftabwehrbatterie, die in die Hände der Aufständischen gefallen sei. Zudem sei offen, welche Stellungen bei Israels Raketen- und Luftangriffen zerstört wurden.

Unklar ist auch, ob Moskau schwere Boden-Luft-Raketen vom Typ S-300 an Syrien geliefert hat. Der politisch brisante Liefervertrag lag zwischenzeitlich auf Eis. Assad behauptete zuletzt, bereits im Besitz der S-300 zu sein. Moskau dementierte umgehend.

Respekt haben westliche Militärs auch vor der russischen P-800 "Onyx", auch bekannt als "Jachont" oder unter dem Nato-Code SS-N-26 "Strobile". Sie ist eine der gefährlichsten Anti-Schiffs-Waffen überhaupt - und es gilt als sicher, dass Syrien mehrere Batterien besitzt. Werden die Raketen in einer Salve abgefeuert, tauschen sie untereinander Informationen über die Ziele aus und koordinieren automatisch ihren Angriff. Sie sollen auch gegen elektronische Störmaßnahmen relativ unempfindlich sein, so dass sie selbst für modernste Kriegsschiffe eine Gefahr darstellen, sollten sich diese innerhalb der 300-Kilometer-Reichweite der SS-N-26 befinden.

Doch auch derartige Waffen würden am Ausgang eines bewaffneten Konflikts wohl nur wenig ändern. Im Falle eines massiven westlichen Angriffs mit "Dutzenden Marschflugkörpern, die aus sicherer Entfernung abgeschossen werden, wird sich Syrien kaum wehren können", sagt Alijew. "Selbst wenn die Syrer ein paar Marschflugkörper abschießen, wird ihnen das kaum helfen."

Die Chemiewaffen-Depots werden wohl nicht bombardiert

Fraglich ist, wie groß die Gefahr für Zivilisten bei einem westlichen Angriff wäre. Die Erfahrungen von Libyen 2011 zeigen zwar, dass die "Tomahawks" recht präzise sind. Ihre Treffergenauigkeit soll mittlerweile bei 10 bis 15 Metern liegen. Der Militärschlag in Libyen dauerte zudem deutlich länger und beinhaltete auch knapp 10.000 Bombenflüge. Dennoch blieb die Zahl der getöteten Zivilisten mit 72 relativ gering.

Der Tod von Unschuldigen ist allerdings nie auszuschließen. So ist die Genauigkeit von Lenkwaffen nur so gut wie die vorherigen Zielinformationen. Wird ein ziviles Ziel mit einem Militärstützpunkt verwechselt, tötet auch die präziseste Waffe die Falschen. Zudem könnten die Reste abgeschossener "Tomahawks" über bewohntem Gebiet niedergehen und zur Gefahr werden, da die Marschflugkörper in der Regel mit mehreren hundert Kilogramm Sprengstoff bestückt sind.

Als nahezu ausgeschlossen gilt dagegen, dass Chemiewaffen-Depots bombardiert werden könnten. Dies wäre zu gefährlich, da die toxischen Substanzen freigesetzt werden und die Bevölkerung schädigen könnten. Assad hat die Depots in weiten Teilen des Landes platziert, gewissermaßen als Versicherung.

Auch bestünde bei einer Bombardierung von Chemiewaffen-Depots das Risiko, dass dschihadistische Gruppen die Gunst der Stunde nutzen und aus den Trümmern Chemikalien entwenden könnten. Um die Chemiewaffen-Depots zu sichern, müsste Washington Bodentruppen in großer Zahl einsetzen, was Obama bisher ausschließt.

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1. Immer wieder unterschätzt...
danido 30.08.2013
...Brücken natürlich! Eines der wichtigsten Ziele. Wenn es nur einen kurzen "Warnschuss" geben soll, Luftabwehr, Brücken, Giftgasfabriken (in der Reihenfolge). Aber wer glaubt schon an einen Militärschlag in den nächsten Tagen? Ich nicht.
2. Assad muss weg
seans 30.08.2013
Wenn man jetzt wieder zögert und zaudert, kann Assad in Ruhe seinen Völkermord beenden. Die USA haben die Möglichkeiten und das militärische Equipmet, um den syrischen Diktator aufzuhalten. Syrien ist dabei längst ein Schlachthaus. Obama muss nun entschlossen und stringent reagieren. Assad muss ein Teil der Geschichte werden, aber darf kein Teil von ihr bleiben. Für Syrien und die internationale Gemeinschaft steht zuviel auf dem Spiel.
3. unsinniges Vorhaben
atech 30.08.2013
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEWelche Ziele in Syrien würden bombardiert, wenn es zum Angriff kommt? Die US-Militärs wägen ab: Sie wollen das Assad-Regime zwar strafen, aber nicht zu empfindlich treffen. Schläge gegen Flughäfen, Chemie-Forschungszentren und die Hauptstadt sind denkbar. http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-ziele-eines-moeglichen-us-militaerschlags-a-919078.html
das ist doch absurd. Hier wird über Militärschläge diskutiert als ob man einem unartigen Knaben einen Klaps auf den Hintern geben möchte ("Assad selbst will man jedoch wohl nicht ausschalten"). Dabei werden bei diesen Militärschlägen zweifellos Menschen sterben. Möglicherweise auch Zivilisten, möglicherweise auch Kinder. Und dann? Was hat man erreicht? - Assad wird weiterhin an der Macht sein. Absetzen will der Westen den Mann nicht, denn die Alternative wäre ein islamistisches Regime. Also warum lässt man sich die Einheimischen nicht gegenseitig die Köpfe einschlagen? Was mischt der Westen sich da ein?
4. *Kopfschüttel*
kluch 30.08.2013
Lieber Autor. Nehmen sie den Artikel einfach wieder runter... Der Artikel besteht aus nichts als krudesten Spekulationen. Das ist nichtmal Stammtischniveau. Obama will nur paar Bomben irgendwo hinwerfen, aber Assad nicht wirklich stürzen? Wirklich? So ein blanker Unfug. Überhaupt kein Wort darüber, wie Russland reagiert wenn die USA Syrien angreifen. Hallo??? Das solltet ihr bitte mal „spekulieren“ oder in Erfahrung bringen.
5. optional
Stewie.119 30.08.2013
Ich dachte, also so wird in den Foren hier ja immer geschrieben, die USA würden Dschihadisten hier im Krieg unterstützen. Also wie kann se sein, dass man denen keinen Vorteil geben will? Hmmm das ist wohl ein Widerspruch. Und gg so eine Art Militärschlag ist nichts einzuwenden. oder etwa doch? Zivile Opfer wird es nicht geben (außer das Regime bringt welche in militärische Einrichtungen). Die C-Waffen müssen unschädlich gemacht werden, das ist wohl klar. Und durch solch einen Schlag kann sehr gut verhindert werden, dass nochmals Giftgas eingesetzt werden kann. Und solange man Assad davon abhält, dass er sie einsetzt ist wohl nichts daran auszusetzen (unabhängig davor ob er hierfür verantwortlich ist oder nicht; wenisgtens könnte man damit dieses Risiko ausschließen). Ich bitte zudem noch, dass wir mal wieder anfangen zu unterscheiden zwischen Terroristen und Opposition/Rebllen. Dieser Begriff verschmilzt hier nämlich immer wieder damit für manche wieder das Bild stimmt. Und könnten wir mal wieder eine sachliche Dikussion einführen, in der wir uns auf Fakten beziehen und nicht auf VErmutungen oder Ideologien bzw. Weltansichten!? Das wäre durchaus hilfreich. Auch würde ich mir wünschen, evtl. Antworten auf diesen Kommentar bitte auch sachlich fundiert zu begründen bzw. zu schreiben. Danke schonmal im voraus. :) Ein wenig ordnung muss man hier nämlich leider wieder herstellen.
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Uno-Waffeninspektor Sellström: Schwede mit heikler Mission

Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki; Imad Khamis (designiert)

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Chronologie: Der Aufstand gegen Assad


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