Freiwillige Retter in Syrien "Wir unterstützen das Leben, nicht den Tod"

Sie klettern über Trümmer, riskieren ihr Leben, um andere zu retten: Die syrischen Weißhelme bergen nach Bombenangriffen Verletzte und Tote - freiwillig. Leiter Raed al-Saleh berichtet von erschütternden Einsätzen.

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Ein Interview von Lea Frehse


Der Bürgerkrieg in Syrien tobte schon zwei Jahre, da hatte der Brite James Le Mesurier eine Idee: Kann man Menschen nach einem Bombenangriff aus den Trümmern retten wie nach einem Erdbeben? Vor drei Jahren organisierte der Ex-Soldat und frühere Uno-Mitarbeiter ein erstes Rettungstraining in der Türkei - zusammen mit türkischen Bergungsexperten für Naturkatastrophen. Die Theorie: Ob Bombenexplosion oder Erdbeben - Verschüttete gibt es immer. Unter den Kursteilnehmern war auch Raed al-Saleh, der die Idee in Syrien zu einem Netzwerk von Rettungstrupps ausbaute.

Heute tragen nach Angaben der Organisation "Syrisches Komitee für zivile Verteidigung" mehr als 2800 Freiwillige den weißen Helm der Retter. Bis Januar 2016 haben sie demzufolge rund 47.000 Menschen das Leben gerettet. Ihre Rettungsarbeit finanzieren sie teils durch private Spenden, teils durch staatliche Geldgeber wie die US-Regierung und die Bundesregierung. Auf Twitter berichten die White Helmets von ihren Rettungseinsätzen in den Trümmern (Achtung, die Fotos sind zum Teil verstörend).

Lesen Sie hier das Interview mit Raed al-Saleh:

Helfer al-Saleh: "Die Bomben sind mehr geworden"
DPA

Helfer al-Saleh: "Die Bomben sind mehr geworden"

SPIEGEL ONLINE: Was kann eine Gruppe unbewaffneter Menschen im Syrienkrieg überhaupt ausrichten?

Al-Saleh: Wir verteidigen die Zivilbevölkerung, indem wir Menschen retten, ganz gleich, welcher politischen Überzeugung sie sind. Der Begriff der zivilen Verteidigung kommt aus dem Völkerrecht und spricht Bergungstrupps den gleichen Schutz zu wie Ärzten oder Sanitätern. Wir kämpfen nicht für eine Seite, aber ich erlebe, dass sich ständig mehr junge Männer unseren Teams anschließen, die vorher gekämpft haben. Dabei würden sie als Kämpfer Geld verdienen; als Weißhelm arbeiten sie ehrenamtlich. Andersherum weiß ich von keinem einzigen Weißhelm, der Kämpfer geworden ist.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie zum Retter geworden?

Al-Saleh: Als man mich 2013 zum ersten Training einlud, wusste ich nicht, was mich erwartet. Ich arbeitete als Helfer für die neue zivile Verwaltung in meiner Heimatregion Idlib (in Nordsyrien), war völlig überarbeitet und dachte, bei einem Training in der Türkei könne ich mich ausruhen. Viele Workshops mit Titeln wie 'Demokratieförderung für Syrien' waren so weit weg von unserer Realität, die gaben uns bloß die Möglichkeit, Atem zu holen.

SPIEGEL ONLINE: Aber dieser Kurs war anders?

Al-Saleh: Ganz anders. Am ersten Tag schickte man uns in einen dunklen Raum. Dann sollten wir berichten, was wir gesehen hatten. Ich hatte kaputte Möbel gesehen wie nach einer Explosion, sonst nichts. Keinem von uns war aufgefallen, dass dort zwei Menschen lagen, die Schwerverletzte simulierten. Ich war überwältigt: Bei einem echten Unglück wären diese Menschen gestorben. Da wusste ich: Was wir hier lernen, kann Leben retten. Zurück in Syrien sind wir dann ausgerückt, wenn um uns Bomben fielen.

SPIEGEL ONLINE: Welcher Einsatz ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Al-Saleh: Am Morgen vor dem Opferfest im Oktober 2013 explodierte auf dem Markt der Stadt Darqush eine Autobombe. Das Geräusch der Detonation riss mich noch in 20 Kilometern Entfernung aus dem Schlaf. Als ich auf dem Markt ankam, war ich für einen Moment wie gelähmt. Überall Leichenteile, Verletzte, Schreie, Flammen. Ich hatte keine Mittel, um das Feuer zu löschen oder die Verletzten zu versorgen. Ich fühlte mich vollkommen hilflos. Am Ende des Tages zählten wir 112 Tote und 170 Verletzte. Als ich nach Hause kam, bin ich zusammengebrochen. Ich habe nur noch geweint. Als ich keine Tränen mehr hatte, wusste ich, dass ich alles geben wollte, um für Hilfe zu werben.

SPIEGEL ONLINE: Haben die Hilferufe etwas verändert?

Al-Saleh: Ein Jahr später rief man uns wieder nach Darqush, diesmal hatten die Fassbomben des Regimes Wohnhäuser zerstört. Die Szenerie war ähnlich, aber wir hatten inzwischen Krankenwagen und Suchtrupps. Wir konnten 17 Menschen aus den Trümmern bergen und 100 Verletzte versorgen. Wir sind nicht mehr hilflos. In dem einen Jahr hatten wir Hunderte Freiwillige gewonnen, die Schulungen bekommen haben und etwas Ausrüstung. Alle Helfer sind Syrer. Geld und Trainer kommen unter anderem aus den USA, der Türkei und zeitweise aus Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Die Weißhelme gibt es seit bald drei Jahren. Wie hat sich die Lage der Menschen in Syrien seither verändert?

Al-Saleh: Die Bomben sind mehr geworden - und damit auch unsere Arbeit. Die Lage hat sich in den vergangenen Monaten nochmals drastisch verschlechtert, besonders seit die russische Armee an der Seite des Regimes Ziele in Syrien bombardiert. Je zerstörerischer dieser Krieg wird, desto wichtiger ist es, das Leben in Syrien aufrechtzuerhalten. Auch die Welt muss verstehen, dass in Syrien nicht nur gekämpft wird. Menschen leben und arbeiten in Syrien. Wir unterstützen das Leben, nicht den Tod.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren die Menschen in Syrien auf Ihre Arbeit?

Al-Saleh: Ich erlebe vor allem Dankbarkeit. Menschen halten uns auf der Straße an, weil einer von uns ihre Verwandten oder einen Freund gerettet hat. Anwohner bringen den Helfern Essen, reparieren unsere Fahrzeuge oder spenden Werkzeug. Aber gerade im Internet gibt es auch Stimmen, die uns diskreditieren. Sie sagen, wir würden vom Westen finanziert und unterstützten den Terrorismus. Darunter ist viel Propaganda des Assad-Regimes und seinen Unterstützern in Russland.

SPIEGEL ONLINE: Weißhelme sind in ganz Syrien aktiv - außer in den Gebieten, die von der Assad-Regierung kontrolliert werden. Ist das nicht parteiisch?

Al-Saleh: Im Gegenteil! Unter Assads Herrschaft war es jahrzehntelang unmöglich, unabhängige Organisationen zu gründen. Die Weißhelme aber sollen nicht parteiisch sein und können deshalb nicht akzeptieren, dem Staat unterstellt zu sein. Auch andere Gruppen versuchen übrigens, uns zu instrumentalisieren und auf ihre Seite zu holen. Aber sie wissen auch, dass unsere Hilfe nur funktioniert, wenn wir allen helfen. Die Unterdrückung des Regimes hat die Revolution erst hervorgerufen. Und im Laufe des Krieges hat nichts mehr Menschenleben gefordert als die Bombenangriffe der syrischen Armee und ihrer Verbündeten.

SPIEGEL ONLINE: Auch die Retter bringen sich in Gefahr.

Al-Saleh: Unsere Einsätze sind immer lebensgefährlich. Helfer können selbst verunglücken, zum Beispiel wenn Trümmer einstürzen. Zudem greifen die Kriegsparteien gezielt Hilfskräfte an, indem sie Minuten nach dem ersten Treffer den gleichen Ort zum zweiten Mal bombardieren. Ich habe keine Angst um mein eigenes Leben, aber ich habe große Angst um das Team.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll es mit den Weißhelmen weitergehen?

Al-Saleh: Solange der Krieg andauert, machen wir weiter mit der Rettungsarbeit. Wenn der Frieden kommt, sind wir da, um unser Land wieder aufzubauen. Eine der wichtigsten Aufgaben wird es sein, die Flüchtlinge bei ihrer Rückkehr zu unterstützen.

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