Viertel Jarmuk in Damaskus Zwei Quadratkilometer Bürgerkrieg

Erst kam die "Freie Syrische Armee", dann der Hunger, dann der IS - und jetzt steht das Regime davor, Jarmuk zurückzuerobern. Das Viertel am Rand von Damaskus steht exemplarisch für den Bürgerkrieg: Assads Kalkül geht auf.

Rauch über Jarmuk
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Rauch über Jarmuk

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Es gibt dieses eine Foto aus Jarmuk, das zu einer Ikone des syrischen Bürgerkriegs geworden ist. Auf dem Bild sind Hunderte Menschen zu sehen, die dicht gedrängt in einer Straße zwischen zerbombten Häusern stehen und darauf warten, dass Helfer der Vereinten Nationen Lebensmittel verteilen. Im Februar 2014 ging dieses Foto um die Welt.

Lebensmittelverteilung in Jarmuk (am 31. Januar 2014)
REUTERS/ UNRWA

Lebensmittelverteilung in Jarmuk (am 31. Januar 2014)

Damals lebten noch Zehntausende Menschen in dem rund zwei Quadratkilometer großen Viertel am südlichen Stadtrand von Damaskus. Heute harren noch etwa 1500 Zivilisten in der Trümmerlandschaft aus. Sie leben inmitten hunderter Kämpfer der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS). Die Terrormiliz hatte Jarmuk im Frühjahr 2015 unter ihre Kontrolle gebracht.

Während die Truppen von Diktator Baschar al-Assad das nahegelegene, von Rebellen kontrollierte Gebiet Ost-Ghuta in den vergangenen Jahren ohne Unterlass beschossen und in der vergangenen Woche gänzlich eroberten, ließ die Armee den IS in Jarmuk lange Zeit nahezu unbehelligt. Zwar hatte das Militär das Viertel abgeriegelt, machte aber keine Anstalten, Jarmuk auch wieder zurückzuerobern.

Strategisch kam dem Assad-Regime die IS-Präsenz dort gar nicht ungelegen, schließlich halfen die Dschihadisten, die angrenzende Rebellenenklave um die Ortschaften Yalda und Babila in Schach zu halten. Die dort herrschenden Aufständischen mussten sich dadurch nämlich sowohl der Regierungstruppen als auch des IS erwehren.

Jarmuk liegt in der Nähe von Assads Palast

Erst nachdem die Regierungstruppen und verbündete Milizen Ost-Ghuta vollständig unter ihre Kontrolle gebracht hatten, starteten sie ihren Sturm auf Jarmuk und den angrenzen Stadtteil al-Hajar al-Aswad. In den vergangenen Tagen flog die Luftwaffe schwere Angriffe auf das Gebiet, in der Folge rückten Einheiten am Boden vor. Das syrische Staatsfernsehen strahlte eine Liveübertragung der Angriffe aus. Das Viertel liegt nur wenige Kilometer vom Präsidentenpalast in Damaskus entfernt.

Luftangriff auf Jarmuk
REUTERS

Luftangriff auf Jarmuk

Die Offensive zeigte Wirkung: Am Freitag sollen sich die letzten IS-Kämpfer in Jarmuk ergeben haben, berichtete die staatliche syrische Nachrichtenagentur. Diejenigen, die ihre Waffen niederlegten, dürften bleiben, andere würden mit Bussen nach Ostsyrien gebracht. Dort, in der Nähe der irakischen Grenze, kontrolliert der IS die letzten Reste seines sogenannten Kalifats.

Jarmuk hingegen fällt nach fünf Jahren zurück in die Hände des Assad-Regimes. In vielem steht das Viertel damit exemplarisch für den Verlauf des syrischen Bürgerkriegs seit 2011. Vor dem Krieg galt Jarmuk als Hauptstadt der palästinensischen Diaspora in Syrien. 1957 hatte die syrische Regierung dort ein Lager für palästinensische Flüchtlinge eingerichtet. Aus dem Camp wurde im Laufe der Jahrzehnte ein Stadtteil mit rund 150.000 Einwohnern, der sich äußerlich kaum von anderen Vierteln in Damaskus unterschied.

Kollektive Bestrafung

Seit Jahrzehnten ließ das Assad-Regime die "Volksfront zur Befreiung Palästinas - Generalkommando" (PFLP-GC) in Jarmuk regieren. Syriens Führung kontrolliert und finanziert die Organisation, die für zahlreiche Anschläge in Israel verantwortlich ist. Als in Syriens Städten Zehntausende gegen die Regierung protestierten, gingen auch in Jarmuk Palästinenser auf die Straße, die sich nicht länger von der PFLP-GC als Assads verlängertem Arm drangsalieren lassen wollten.

Im November 2011 brannte eine aufgebrachte Menge das Hauptquartier der PFLP-GC in Jarmuk nieder. Deren Milizionäre erschossen 14 Protestierer. In der Folge schlossen sich palästinensische Assad-Gegner der oppositionellen "Freien Syrischen Armee" (FSA) an.

Ende 2012 brachen heftige Kämpfe zwischen FSA und PFLP-GC aus. Assads Armee bombardierte Jarmuk, das nur wenige Kilometer vom Präsidentenpalast in Damaskus entfernt liegt. Trotzdem gelang es den Aufständischen nach wochenlangen Gefechten, den Großteil des Viertels unter Kontrolle zu bringen.

Das syrische Regime reagierte mit kollektiver Bestrafung. Die Armee riegelte Jarmuk weitgehend ab, Lebensmittel und Medikamente gelangten nur auf Schleichwegen in das Lager. Ende 2013 gab es die ersten Hungertoten, kurz darauf entstand das weltberühmte Foto.

Assads Kalkül ging auf

Wie in anderen Teilen Syriens auch, kämpften bald verschiedene Milizen um Macht und Einfluss. Radikale Islamisten, säkular orientierte Gruppen und palästinensische Pro-Assad-Einheiten stritten rücksichtslos um die Kontrolle über die zwei Quadratkilometer große Trümmerlandschaft in Damaskus.

Das Kalkül des Regimes ging auf: Die ausweglose Lage trieb mehr und mehr junge Männer in Jarmuk in die Arme des IS. In der Hoffnung auf Unterstützung von der militärisch stärksten Miliz in Syrien, nahmen Palästinenser aus Jarmuk Kontakt zum IS auf und schlossen sich der Terrormiliz an. Es folgten drei Jahre IS-Terrorherrschaft.

Damit ist jetzt Schluss: An die Stelle der islamistischen Unterdrücker treten nun wieder jene Kräfte, gegen die sich die Bewohner von Jarmuk vor sieben Jahren erhoben.

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Seite 1
ghock 21.04.2018
1. Was für ein Bild...
das Breitbild ist überwältigend, wenn auch bedrückend und beschämend zugleich.
bauklotzstauner 21.04.2018
2.
Ich fürchte ernsthaft um den Gesundheitszustand des Autors... So einen gequirlten Quark KANN doch ein einzelner Mensch nicht ernsthaft glauben? Mal ganz abgesehen davon, daß der ganze Text im krassen Widerspruch zu Sydows Aussage in einem anderern SPON-Artikel steht, wonach "die Islamisten Aleppos" und damit wohl aus Syriens? "letzte Chance" wären...
macarthur996 21.04.2018
3. Syrien
der Is(Daech) ist überhaupt noch nicht vollständig besiegt. ob das gelingt wenn man die beiden ISIS Unterstützerstaaten Türkei und Saudi-Arabien machen lässt oder sogar auch noch unterstützt, siehe USA und auch Deutschland ist sehr ungewiss. Die Kurden, die ISIS energisch bekämpft haben, lässt man im Stich und ob die Rojava halten können ist auch ungewiss, den die Türkei verhandelt mit den USA über einen Abzug der amerikanischen Truppen aus Mandib (Rojava). die Politik des Westens ist sowas von verdreht, dass man Putin noch einen der vernünftigeren Staatschef nennen möchte. Aber, wie er die Kurden in Afrin im Stich gelassen hat und die Türkei dort reingelassen hat, zeigt, das er einfach seine Interessen verfolgt
rolf.scheid.bonn 21.04.2018
4. Assad...
... ist ein rücksichtsloser Diktator, aber die Islamisten, die der Westen direkt bzw. indirekt unterstützt, sind die größere Bedrohung für uns, die Bevölkerung vor Ort und die Stabilität des Nahen Ostens insgesamt. Unter dem Regime des laizistischen Systems von Assad konnte man in Syrien jede Religion ungestört ausüben, und auch Minderheiten waren gut geschützt, und man konnte in Damaskus im Lokal auch ein Bier bestellen, ohne Angst haben zu müssen. In Syrien ging es unter der "Entwicklungsdiktatur", wie es Gregor Gysi es treffend formulierte, stets bergauf, wie ich bei meinen Besuchen in Syrien feststellen konnte. Gemessen an dem, was die Islamisten veranstalten und veranstalten würden, ist Assads Diktatur das mit Abstand kleinere Übel. Assad ist der einzige, der das Land wieder zu Ruhe und Stabilität führen kann. Es ist daher gut, wenn er nun die nächste Islamisten-Enklave wieder unter Kontrolle bringt. Und die meisten Syrer werden froh darüber sein. Wenn ich mich nämlich unter den Flüchtlingen umhöre, auch den sunnitischen, halten fast alle den Aufstand gegen Assad inzwischen für einen Fehler.
Ossifriese 21.04.2018
5. Kalkuliert
"....Assads Kalkül geht auf." Wäre es denn besser gewesen, das Kalkül der Islamisten würde aufgegangen sein? Das Chaos, wer da genau auf welcher Seite stand, macht doch der Artikel ziemlich deutlich: Palästinensische Gruppen gegen die "FSA" (so es sie denn wirklich als "freie" Armee gab), beide wiederum gegen verschiedene Radikalislamisten und vor allem dann den IS. Und dazu die regulären Truppen Assads. Was hätte aus diesem Schlamassel denn werden sollen? Eine Demokratie, wie sie vielleicht wirklich einige überzeugte "Rebellen" angestrebt haben mochten, bestimmt nicht.
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