Syriens Alawiten: Minderheit in Todesangst
Weil der Assad-Clan zu den Alawiten zählt, werden die syrischen Glaubensbrüder zum Ziel des aufgestauten Hasses gegen das Regime. In ihrer Not beginnen die ersten von ihnen, sich öffentlich von Assad loszusagen.
Als der Konflikt zum Bürgerkrieg eskalierte, wurde der Druck so groß, dass die Verfolgten beschlossen zu handeln: "Wir, die Bürger, Aktivisten und Intellektuellen der alawitischen Sekte in Homs und seinen Vororten und den Küstenregionen verdammen die von Baschar al-Assad begangenen Massaker aufs Schärfste", begann ein Aufruf, mit dem die Unterzeichner vor allem eines im Sinn hatten: den größtmöglichen Abstand zwischen sich und den Herrscher Syriens zu bringen.
Wie die Unterzeichner des im Internet veröffentlichten Aufrufs gehört auch Assad der religiösen Minderheit der Alawiten an. Diese Tatsache hat die etwa drei Millionen Alawiten in Syrien seit Beginn des Aufstands zur Zielscheibe von Vergeltungsangriffen werden lassen. Mit ihnen rächen sich Kämpfer des Widerstands für Übergriffe seitens des Regimes.
Akkurate Berichte zur Alawiten-Verfolgung gibt es kaum: Die syrische Opposition scheint Nachrichten über solche Vorgänge kleinzuhalten. Dass sich die Alawiten der Provinz Homs nun genötigt sahen, sich öffentlich vom Regime loszusagen, scheint jedoch darauf hinzudeuten, dass die Lage für Syriens Alawiten zunehmend lebensgefährlich ist.
Etwa zwölf Prozent der Syrer gehören der geheimnisumwobenen Sekte an: Einerseits folgen ihre Anhänger dem Koran, andererseits fasten sie während des Ramadan nicht, feiern stattdessen aber Weihnachten und glauben an Reinkarnation. Alawiten sehen ihre Glaubensgemeinschaft als Abspaltung des schiitischen Islam.
Die Bezeichnung "Alawit" spielt auf ihre Gefolgschaft für Ali an, den Cousin und Schwiegersohn Mohammeds. Auf diesen berufen sich auch die Schiiten. Doch im Unterschied zu ihnen verehren Alawiten einige Propheten, unter ihnen auch Ali, als göttlich. Dies steht im scharfen Gegensatz zum ersten Grundsatz des Korans, der besagt dass es "keinen Gott außer Gott" gibt, und trug den Alawiten bei anderen Muslimen den Ruf als Ketzer ein.
Jahrhundertelang lebten die Alawiten abgeschottet
Viel mehr als diese Rahmendaten ist über den tausend Jahre alten Glauben, dessen Anhänger vor allem im heutigen Syrien und der Türkei leben, nicht bekannt. Denn nur wer zur Familie eines Scheichs gehört, darf in die Geheimnisse der Sekte eingeweiht werden. Jahrhundertelang lebte die eingeschworene Gemeinschaft abgeschottet von der Außenwelt im zerklüfteten syrischen Gebirge und an den Ufern des Mittelmeers. Dort fanden sie Schutz vor ihren Feinden.
Doch die Abgeschiedenheit, die Teil der Überlebensstrategie der religiösen Minderheit war, nahm 1970 ein abruptes Ende. Im Winter dieses Jahres putschte sich mit Hafis al-Assad in Damaskus ein Alawit an die Macht. Fortan galt als privilegiert, wer der ehemals verfolgten Minderheit angehörte.
In welchem Maße die Assads - nach dem Tod Hafis' übernahm sein Sohn Baschar im Jahr 2000 die Macht und das Präsidentenamt - ihre Glaubensgenossen in die oberen Ränge ihres Regimes hievten, ist unklar. Belegt ist, dass in Armee und Geheimdienst überdurchschnittlich viele Alawiten unter den Offizieren zu finden sind. Auch ist der harte Kern der Schabiha genannten Schlägertruppen des Regimes mit Alawiten durchsetzt. Für viele Syrer hat der Unterdrückungsapparat des Regimes deshalb ein alawitisches Gesicht.
Entrechtet und verhasst
Die überwältigende Mehrheit der Syrer sind Sunniten, etwa 75 Prozent der 22 Millionen starken Bevölkerung gehören dieser Strömung des Islam an. Um sich nach seiner Machtübernahme die Unterstützung der - ihm als Alawit äußerst misstrauisch gegenüberstehenden - Sunniten zu sichern, fuhr Assad Senior eine zweigleisige Strategie. Einerseits suchte er die Unterstützung schiitischer Geistlicher. Mit Musa al-Sadr, einem der Oberhäupter der libanesischen Schiiten, fand er einen hochrangigen Imam, der den Alawiten mittels einer Fatwa attestierte, Muslime zu sein. Dies war für Assad überlebensnotwendig, da die syrische Verfassung vorschreibt, dass der Präsident Muslim sein muss.
Andererseits versuchte Assad die Sunniten zu befrieden, indem der die alawitische Religion benachteiligte statt sie zu fördern. Wo jede andere Glaubensgemeinschaft im pluralistischen Syrien ihre Familienangelegenheiten nach ihrem eigenen Kodex regelt, unterliegen die Alawiten dem sunnitischen Recht. Die öffentliche Ausübung alawitischer Praktiken ist verboten, es gibt kein religiöses Oberhaupt. Viele Alawiten, die es nicht in die oberen Ränge des Regimes geschafft haben, leben nach wie vor in den armen ländlichen Gebieten entlang der Mittelmeerküste.
Regimekritische Alawiten beklagen, dass sie einerseits vom Regime entrechtet wurden, andererseits von nicht-alawitischen Syrern als Nutznießer des Systems gesehen werden und entsprechend verhasst sind.
Dschihadisten betrachten sektiererische Gewalt als legitim
Beobachter sehen mit Sorge, dass der Kampf gegen das Regime zunehmend sunnitisch-fundamentale Untertöne bekommt. Inzwischen scheinen Dschihadisten in den Reihen der Freien Syrischen Armee zu kämpfen, die sektiererische Gewalt gegen Andersgläubige als legitim betrachten. Auf den im Internet veröffentlichten Videos von Anti-Assad-Demonstrationen hört man immer wieder den Slogan "Christen in den Libanon, Alawiten in den Sarg". Im Arabischen reimt sich das.
Sollte der Aufstand gegen Assad Erfolg haben, könnte das seine Glaubensgenossen also teuer zu stehen kommen. Experten rechnen damit, dass Alawiten im Falle eines Umsturzes in Syrien aus ihren angestammten Siedlungsgebieten vertrieben werden könnten. Mitte Januar kündigte Israels Generalsstabschef Benny Gantz an, dass Jerusalem mit einem Flüchtlingsstrom über seine Grenze rechnet. Israel sei darauf vorbereitet, vertriebene syrische Alawiten aufzunehmen.
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Bevölkerung: 22,505 Mio.
Hauptstadt: Damaskus
Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad
Regierungschef: Wail al-Halki
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