Syrische Deserteure gegen Assad Im Wadi der Nebel-Kämpfer

Immer wieder greifen sie die Truppen des Assad-Regimes an, geschützt von Nacht und Nebel. Die Kämpfer der Freien Syrischen Armee sind desertiert, weil sie nicht auf Zivilisten schießen wollten. Doch der Preis ist hoch: Die Männer leben verschanzt im Gebirge, ihre Familien werden terrorisiert.

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Aus Wadi Khaled im Nordlibanon berichtet


Fast wirkt es, als habe sich die Natur heute auf die Seite der Revolution geschlagen: Dichter Nebel zieht über die karstigen Hügel des Wadi Khaled. Welche Felsnase noch zum Libanon, welche schon zu Syrien gehört, ist nicht auszumachen. "Schmugglerwetter" nannten die Menschen im Dorf so etwas früher. Wenn heute der Nebel aufkommt, stehen die Zeichen auf Krieg. Dann ziehen vom Wadi aus Kämpfer los, um den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad zu stürzen.

Wie ein Finger ragt das libanesische Tal auf syrisches Gebiet. Eine Besonderheit, die sich die sogenannte Freie Syrische Armee (FSA) zu Nutzen macht. Das Wadi ist einer der wichtigsten Stützpunkte der Rebellentruppen, seine Dörfer und Bauernhöfe sind ideale Fluchtorte für die Kämpfer der Miliz: Nur wenige Stunden Fußmarsch von allen wichtigen Städten im Nordwesten Syriens entfernt und jetzt im Winter oft im Nebel liegend, dienen sie ihr als Rückzugpunkte, in denen die Kämpfer unbehelligt von den syrischen Schergen durchatmen und weitere Angriffe auf das Regime planen können.

Im März begannen in Syrien die Proteste gegen das Assad-Regime. Im Mai desertierten die ersten Offiziere: Sie weigerten sich, ihre Männer auf Zivilisten zu hetzen. Mitte Juni schlossen sie sich zur Bewegung Freier Offiziere zusammen. Im Juli, als auch immer mehr einfache Soldaten fahnenflüchtig wurden, sahen die Führer des bewaffneten Widerstands die Zeit gekommen, die Freie Syrische Armee zu gründen.

Immer mehr Männer desertieren - das Regime reagiert

Wie viele Kämpfer die Truppe inzwischen hat, ist völlig unklar. Manche syrische Oppositionelle sagen, dass bis zu 35.000 Mann einen Guerillakrieg gegen die reguläre Armee führen. Doch selbst wenn die Zahl viel niedriger sein sollte: Die FSA ist heute stark genug, um dem Regime ernsthafte Sorgen zu bereiten.

Darauf lässt auch das harte Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen die Rebellentruppe schließen. In der vergangenen Woche tötete die Armee in der Provinz Idlib nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen etwa hundert Deserteure. Zugleich wurde ein Gesetz erlassen, das die Guerilleros vom Nachschub abschneiden soll. Wer "Terroristen" mit Waffen versorgt, wird danach künftig mit dem Tode bestraft.

Ahmed Kuteiba* ist ein FSA-Mann der ersten Stunde: Nach 29 Dienstjahren in der syrischen Armee kehrte der Hauptmann dem System als einer der ersten Offiziere schon am 3. Mai den Rücken. 17 seiner Untergeben setzten sich mit ihm ab. Die Frage nach dem Grund quittiert er mit einem tiefen Seufzer. "Wir haben zu viel gesehen."

Kuteiba ist nicht in Stimmung, um über Vergangenes zu reden. Erst in den frühen Morgenstunden ist er durch die Berge zurückgeschlichen in den Libanon. Die Nacht in dem zugigen Bauernhof, auf dem er mit seiner Familie untergekommen ist, war kurz. Wie andere Leute zur Arbeit pendelt Kuteiba in den Krieg. "Gestern haben wir Kseir befreit, seit gestern weht unsere Fahne auf dem Dach des städtischen Krankenhauses ", sagt er. Kseir ist eine heiß umkämpfte 45.000-Einwohner-Stadt unweit der Grenze.

"Ihre Familien werden dann schikaniert"

Kuteiba ist Berufsoldat, seine Stimme zählt, wenn die FSA über Taktik und Strategie entscheidet. Er sieht die Truppe auf dem richtigen Weg. Was es nun brauche, sei Unterstützung von außen. "Viele Männer würden gerne zu uns überlaufen. Aber sie trauen sich nicht, weil ihre Familien dann schikaniert werden", sagt der 47-Jährige.

Damit die Rebellen Assad beseitigen könnten, brauche es deshalb einen humanitären Korridor, in dem Zivilisten vom Ausland überwacht in Sicherheit wären. Wenn am Regime zweifelnde Soldaten wüssten, wie sie ihre Familien schützen könnten, würden ganze Divisionen überlaufen, ist sich Kuteiba sicher. "Und wenn wir dann noch eine Flugverbotszone wie in Libyen bekommen, kommt die Situation ins Rutschen."

Bis zu 700 Kämpfer nutzen das Wadi Khaled als Rückzugsort. Heute scharen sich nur ein halbes Dutzend um den Ölofen, der gegen die Kälte im Klassenzimmer keine Chance hat. Die FSA-Kämpfer haben sich in einer alten Schule auf der libanesischen Seite des Tals einquartiert. Sie schlafen auf Schaumstoffmatten, über ihnen an der Tafel die Aufzeichnungen der letzten Schulstunde: arabische Grammatik.

Zu viele Männer für zu wenige Waffen

"Die anderen, unsere Kameraden, sind drüben, im Einsatz", sagt ein 27-Jähriger mit dem Kampfnamen Abu Adnan. Er brenne darauf, auch wieder über die Grenze und in den Kampf zu ziehen, sagt er eindringlich. Er warte sehnsüchtig darauf, dass eine Waffe frei werde. Die FSA hat auch wegen der Repressalien des Systems immer größere Schwierigkeiten, an Waffen und Munition zu bekommen. Die Nachfrage hat die Preise in der ganzen Region in die Höhe schnellen lassen, teils gibt es zwei Kämpfer pro Kalaschnikow. Dann kommt ein zweiter Mann wie Abu Adnan erst zum Zug, wenn der erste verwundet oder getötet wurde.

Abu Adnan stammt aus Homs, der "Hauptstadt der Revolution", wie sie ihre widerständigen Einwohner inzwischen nennen. Homs lebt mit der Furcht vor einem Massaker: Seit Wochen droht das Regime, die aufständische Stadt dem Erdboden gleichzumachen. Auch deshalb hat Abu Adnan es so eilig, wieder in den Kampf zu ziehen.

Die Geschichte, die der Deserteur erzählt, ist typisch: Vor dreieinhalb Jahren verpflichtete er sich bei der syrischen Armee. Nicht aus Patriotismus, sondern mangels anderer Möglichkeiten. "Die Wirtschaftslage in Syrien ist doch seit Jahren desolat", sagt er. Ohne das nötige Schmiergeld sei es für junge Männer fast unmöglich, einen Job zu bekommen. "Außer Assad und seinen Kumpanen leben wir doch alle nur vom Minimum."

Schießbefehl gegen demonstrierende Hausfrauen

Als im März die Unruhen ausbrachen, wurde der Einheit Abu Adnans jeder Kontakt zur Außenwelt verboten. Kein Fernsehen, kein Handy, stattdessen Propaganda. "Uns wurde eingebläut, dass die Aufständischen Terroristen sind, gewaltbereite Islamisten." Umso größer die Überraschung, als Abu Adnan im Mai in seinen ersten Einsatz geschickt wurde: In der Küstenstadt Banias sollte seine Kompanie gegen eine Frauendemo vorgehen. "Wir hatten Schießbefehl, dabei war doch klar, dass da Hausfrauen auf der Straße stehen."

Viele Soldaten weigerten sich zu schießen, führten erregte Diskussionen mit ihren Vorgesetzten. Schließlich türmten etwa 40, sagt Abu Adnan. "Wir wussten: Wenn sie uns kriegen, stellen sie uns an die Wand. Aber auf die Frauen zu schießen, wäre nicht richtig gewesen." Abu Adnan hat einen hohen Preis für diese Gewissensentscheidung gezahlt. In den sieben Monaten seit seiner Fahnenflucht hat seine Frau seinen ersten Sohn zur Welt gebracht, er hat ihn noch nicht gesehen.

Schlimmer jedoch ist, dass das Regime seinen Bruder als Geisel hält. Seit er mitten in der Nacht abgeholt wurde, fehlt von ihm jede Spur. "Sie haben meinen Eltern gesagt, wenn ich mich stelle, lassen sie ihn frei", sagt Abu Adnan: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist das eine Lüge. Dann säßen beide Brüder ein.

Doch der Zweifel und die Schuldgefühle nagen an Abu Adnan, wie auch an den anderen drei Männern, die sich inzwischen um den Ofen drängen. In jeder Familie hat es Fälle von Sippenhaft gegeben, der Zorn ist groß und schürt die Kampfeslust der jungen Männer. "Wir wissen, dass wir nicht optimal ausgerüstet sind", sagt Abu Adnan. Ohne die Hilfe der internationalen Gemeinschaft würde es für die Rebellen sehr schwer, den Kampf zu gewinnen: "Es ist ein Selbstmordkommando, aber es gibt keinen Weg zurück."

*Name von der Redaktion geändert

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