Syrische Deserteure: Mit dem Handy gegen den Tyrannen

Von der türkisch-syrischen Grenze berichtet Yassin Musharbash

Immer mehr syrische Soldaten desertieren, weil sie nicht mehr auf ihre Landsleute schießen wollen. Viele schließen sich der "freien syrischen Armee" an, die nun auf internationale Hilfe hofft, um Diktator Baschar al-Assad zu stürzen. Ein Besuch beim Oberkommandierenden.

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Oberkommandierender Asaad: 31 Jahre im Dienst des Regimes

Der Befehl war eindeutig: "Auf die Köpfe schießen!", ordnete der Offizier an. Wie alle anderen in seiner Einheit legte Ahmad auf die Demonstranten an. Tatsächlich jedoch zielte er in die Luft und schoss über die Köpfe der Männer, Frauen und Kinder hinweg. Er wollte keine Landsleute töten, nur weil sie für mehr Freiheiten und gegen die Diktatur des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad auf die Straße gegangen waren.

In Daraa im Süden, in Idlib im Norden und an einem halben Dutzend anderer Orte hielt Ahmad es so - immer in Angst, aufzufliegen. Vor sechs Wochen dann zog er die Konsequenz - und desertierte. Seitdem lebt er in der Türkei, in einem Flüchtlingslager nahe der Grenze. Eine Fahne der türkischen Regierung und eine des Hilfswerks vom Roten Halbmond flattern im Wind, ein Zaun umgibt das Lager, die spitzen Dächer der weißen Zelte ragen in die Luft, ein Helfer verteilt Tee.

Ahmad, graues Puma-T-Shirt, kurze Haare, braune Augen, heißt eigentlich anders. Aber die Finger des syrischen Regimes reichen weit, auch im Lager gibt es Spitzel, so heißt es, und darum heißt Ahmad heute Ahmad, sicher ist sicher. Am Ende, ist er überzeugt, wird Assad stürzen. "Aber es ist noch ein langer Weg."

Ahmad ist nicht der einzige Deserteur in Lager, und wie viele andere hat er sich der "freien syrischen Armee" angeschlossen - einer Art Dachverband der Deserteure. Die Männer hoffen, dass eines nicht allzu fernen Tages viele kritische Soldaten des syrischen Regimes dasselbe tun.

Der Verband hat sogar ein Video aufgenommen und veröffentlicht, in dem er seine Entscheidung kundtut - auf Deutsch, denn Ahmad hat neben dem syrischen auch einen deutschen Pass und die ersten 22 Jahre seines Lebens in Deutschland verbracht. Er sei stolz, sagt er in dem Video, ein Soldat der "freien syrischen Armee" zu sein.

Viel war zu lesen über diese Armee, seit der bisher höchstrangige Deserteur, Oberst Riad Asaad, im Juli ihre Gründung verkündete. Manchmal wurde sogar ihre Existenz in Frage gestellt - wo sie denn sei, diese "freie syrische Armee"?

Keine Karten, kein Mitarbeiterstab, kein Geld

Riad Asaad, Oberkommandeur der Deserteurstruppe, kennt diese Zweifel. Er weiß auch, dass es nicht gerade leicht ist, sie zu entkräften - schließlich lebt auch er in einem Flüchtlingslager auf der türkischen Seite des Grenzgebiets, hat keine Kasernen aufzubieten und keine Waffenlager vorzuweisen. Er trägt keine Uniform, sondern eine graue Dschalabija, in den Händen hält er eine grüne Gebetskette. Auf dem weißen Plastiktisch vor ihm liegt ein Handy. Das ist seine einzige Verbindung nach Syrien und zu seinen Soldaten, keine Karten, kein Mitarbeiterstab, kein Geld.

Und trotzdem, sagt Asaad leise, aber umso fester, sei seine Armee ein zentraler Faktor. Mehr als hundert Offiziere seien desertiert, mehr als tausend einfache Soldaten. Viele agierten innerhalb Syriens, und einige von denen, die ebenfalls in der Türkei oder anderen Nachbarländern gelandet seien, würden regelmäßig in Gruppen von zehn bis 15 Mann nach Syrien einsickern.

Ihre Mission: Die Bevölkerung schützen, was bedeutet, dass sie sich den syrischen Sicherheitskräften entgegenstellen, wenn diese Razzien durchführen oder Dörfer umzingeln. Auch mit Gewalt? "Wir schießen zurück", sagt Asaad, "und wenn das Regime behauptet, bewaffnete Banden hätten Sicherheitskräfte getötet, dann waren wir das."

"Wir brauchen Waffen, um gegen die Panzer anzukommen"

Asaad berichtet, dass die Soldaten in der Assad-Diktatur keine Nachrichten hören, nicht telefonieren dürften. Dass Befehlsverweigerung mit Erschießung geahndet werde. Dass es stimme, dass iranische Offiziere dem Regime bei der Niederschlagung des seit sechs Monaten tobenden Aufstands zur Hand gingen. "Wir bräuchten Waffen", sagt er, "um gegen die Panzer anzukommen." Doch solange es keine Hilfe von außen gebe, müsse man eben mit den Waffen auskommen, die die Deserteure mitgenommen haben. "Was sollen wir denn sonst tun?"

Asaads Vision ist, dass der Diktator in Damaskus durch ein Zusammenspiel von Druck der Straße und desertierenden Militärs gestürzt wird. Hilfe von außen wäre Asaad sehr willkommen. Es ist offensichtlich, dass er enttäuscht ist, weil die internationale Gemeinschaft sich anders als in Libyen bisher nicht zu einem militärischen Engagement bereit erklärt.

Wenn es nach ihm ginge, dann würde eine Flugverbotszone über dem Norden Syriens eingerichtet - denn dann könnte die "freie syrische Armee" mit Hilfe der Bevölkerung eine Stadt übernehmen und eine befreite Zone schaffen. Das wäre dann die Basis für den Endkampf gegen die zerbröckelnden Truppen des Regimes.

Aber Asaad weiß auch, dass es derzeit nicht danach aussieht. Dass die Syrer auf sich gestellt sind, zwar die Sympathie der Weltöffentlichkeit genießen, aber jenseits von Sanktionen und Worten nicht viel erwarten können.

Deserteure schmieden Pläne in sicheren Häusern

Es wäre leicht, Riad Asaad und seine "freie syrische Armee" als Phantasietruppe abzutun. Aber wer sich nahe der syrischen Grenze umhört, der stößt immer wieder auf Spuren. Erst gestern habe es ein Gefecht gegeben, ganz nahe der Grenze, in dem Asaads Männer im Einsatz gewesen seien. Es gebe sichere Häuser, in denen desertierte syrische Soldaten leben und ihre Einsickerungen planen. Nicht alle hätten sich der "freien syrischen Armee" angeschlossen, aber sie verfolgten dieselben Ziele.

"Solche Aktionen sind sehr wichtig", sagt einer, der ebenfalls einmal nach Syrien eingedrungen ist, um ein Dorf gegen die reguläre Armee zu verteidigen. "Die müssen merken, dass es ernsthaften Widerstand gibt. Das bringt sie zum Nachdenken."

Die Türkei, heißt es allenthalben, dulde die Aktivitäten der Dissidenten, wenn sie sie auch nicht aktiv unterstütze. Das würde zu den Worten von Premier Recep Tayyip Erdogan passen, der sehr frühzeitig den Rücktritt Assads forderte.

Mindestens 2000 Menschen dürften in Syrien bereits getötet worden sein, manche glauben, die Zahl sei wesentlich höher. Immer wieder finden Zehntausende Syrer den Mut, auf die Straße zu gehen. Doch das Regime scheint trotzdem noch nicht ernsthaft geschwächt. Ein Grund dürfte in der Machtverteilung in Syrien liegen - die Schlüsselpositionen, auch in Armee, Sicherheits- und Geheimdiensten, liegen in der Hand der alawitischen Minderheit, der auch Präsident Assad angehört. Sie sind extrem loyal, weil sie bei einem Umsturz zu den Verlierern gehören würden - sie wären entmachtet.

"Das Regime muss weg"

Es ist daher auch kein Zufall, dass die "freie syrische Armee" zu 100 Prozent, wie Asaad sagt, aus sunnitischen Muslimen besteht - es geht hier nicht nur um Widerstand gegen eine Diktatur, sondern auch um die Frage, wer Syrien führen soll.

Diese Frage ist extrem heikel, und Beobachter fürchten, dass sie im schlimmsten Fall bis zum Bürgerkrieg führen kann. Oberst Asaad versucht, solche Bedenken zu zerstreuen: In seiner Vision bestimmt allein das Volk, die Armee ist neutral. "Die Alawiten", sagt er, "sind Bürger wie alle anderen auch."

31 Jahre lang diente Asaad dem Regime als Soldat, erst als Wehrpflichtiger, dann "um essen zu können". Dann holte ihn sein Gewissen ein, wie viele andere auch. Fünf Stückchen Würfelzucker versenkt der "Qa'id", der "Kommandeur" in seinem Plastikbecher. Er ist ein leiser Mann, nicht ein einziges Mal hebt er die Stimme.

Es gibt Beobachter, die glauben: Wenn Desertionen zum Massenphänomen werden, dann könnte Riad Asaad mit seiner Armee tatsächlich zu einem wichtigen Faktor werden. Es gibt andere Beobachter, die Asaad für einen Phantasten halten. Für Asaad selbst ist es ganz einfach: "Dieses Regime muss weg, und ich trage meinen Teil dazu bei." Dann klingelt sein Handy wieder, und er lächelt und steht auf und geht ein paar Meter weg, weil jetzt, bitte, niemand zuhören dürfe.

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insgesamt 41 Beiträge
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1. Wo ist die Kavallerie
redenschwinger30 16.09.2011
wenn man sie mal braucht? Es ist schnell vergessen und wird anscheinend durch den Erfolg legitimiert, dass vor etwa sechs Monaten die Engländer und Franzosen mit Panzerfäusten und Schnellfeuergewehren bewaffnete Zivilisten vor Massakern der Truppen Gadafis gerettet haben. Warum wurd in Syrien nicht eingeschritten, wenn das Einschreiten in Lybien doch völkerrechtlich zum Schutz der Zvilbevölkerung unbedingt geboten war?
2. schon komisch
karloo 16.09.2011
Bin ja kein Freund von Verschwörungstheorien aber wenn ich das lese "Ahmad, graues Puma-T-Shirt, kurze Haare, braune Augen, heißt eigentlich anders. Aber die Finger des syrischen Regimes reichen weit, auch im Lager gibt es Spitze [...]" und dann danach das "Der Verband hat sogar ein Video aufgenommen und veröffentlicht, in dem er seine Entscheidung kundtut [...]" finde ich das schon seltsam. Das Regime wird schon wissen wer er ist und kann seine Schergen losschicken. Aber wenn andere Journalisten die Story verifizieren wollen haben sie keine Chance ihn aufzuspüren. So bleibt immer der Nachgeschmack das es sich hier um Meinungsmache handelt.
3. <>
xiusxius 16.09.2011
Zitat von redenschwinger30wenn man sie mal braucht? Es ist schnell vergessen und wird anscheinend durch den Erfolg legitimiert, dass vor etwa sechs Monaten die Engländer und Franzosen mit Panzerfäusten und Schnellfeuergewehren bewaffnete Zivilisten vor Massakern der Truppen Gadafis gerettet haben. Warum wurd in Syrien nicht eingeschritten, wenn das Einschreiten in Lybien doch völkerrechtlich zum Schutz der Zvilbevölkerung unbedingt geboten war?
Weil vermutlich so einige, wie hier im Forum auch zu betrachten, gegen eine Einmischung waren. Sie müssten doch mindestens einen Beitrag gesehen haben wo jemand gegen die NATO geschrieben hat und deren Einsatz als Verbrechen betitelt hat. Man braucht einen Grund um Rebellen zu unterstützen und jemanden der um Hilfe bittet der zu den Rebellen gehört am besten noch eine Gegenregierung die den eingriff in die Staatsimmunität legitimiert indem sie letztere für den alten Staat als ungültig erklärt.
4. ...
deus-Lo-vult 16.09.2011
Es ist eine Schande wie lange die UNO hier zusieht, wenn man vergleicht, wie schnell in Libyen gehandelt wurde. SO macht sich der Westen ganz sicher keine Freunde!
5. ...
bleifuß 16.09.2011
Zitat von deus-Lo-vultEs ist eine Schande wie lange die UNO hier zusieht, wenn man vergleicht, wie schnell in Libyen gehandelt wurde. SO macht sich der Westen ganz sicher keine Freunde!
Ich habe beruflich des öfteren mit Libanesen zu tun, welche auch regelmäßig in den Libanon reißen um dort Geschäfte zu tätigen. Jeder aber wirklich jeder hatte ein Interesse das Assad im Amt bleibt. Hier spielt sich nämlich genau das ab, was schon in Lybien passiert ist. Eine kleine Gruppe übt den Aufstand und wie immer geht es um Geld und Macht. Wenn das ganze Volk sich gegen sein Oberhaupt stemmt, wäre Assad schon lange weg. Unterhalten Sie sich mal mit Leuten, die auch wirklich aus 1. Quelle berichten können.
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