Syrische Flüchtlinge im Libanon Von Behörden schikaniert, von Schleusern geködert

Bis zu zwei Millionen syrische Flüchtlinge leben im Vier-Millionen-Staat Libanon, ihr Alltag wird immer härter. Sie wollen nur eins: weit weg. Das wissen auch die Schleuser, ihr Geschäft boomt.

Syrische Flüchtlinge (in der libanesischen Bekaa-Ebene): "Wir haben im Libanon keine Zukunft"
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Syrische Flüchtlinge (in der libanesischen Bekaa-Ebene): "Wir haben im Libanon keine Zukunft"

Aus Tripoli im Libanon berichtet


Im langen braunen Mantel spaziert Heba, 36, mit ihren drei Töchtern am Strand von Tripoli entlang. Es ist Wochenende und die frische Brise höchst willkommenen. Hinter ihr im heruntergekommenen Hafen liegen ein paar rostige Schiffe. Früher fuhren von dort aus die syrischen und libanesischen Urlauber mit der Fähre zur türkischen Küste. Inzwischen legen von dort vor allem junge, syrische Männer und ein paar syrische Familien ab. Ohne Rückfahrtticket.

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Heft 36/2015
Es liegt an uns, wie wir leben werden. Ein Manifest.

Über die griechischen Inseln und den Balkan flüchten derzeit viele Syrer nach Westeuropa, die bis vor Kurzem in ihrer Heimat ausharrten. Dazu kommt nun noch eine zweite Gruppe: Syrer, die sich bereits jahrelang im Libanon oder in Jordanien oder in der Türkei aufgehalten haben und nun ebenfalls weiterziehen. Denn die Bedingungen in den Anrainerstaaten werden für die syrischen Flüchtlinge immer schwieriger.

"Wir haben im Libanon keine Zukunft", sagt Heba. "Die Libanesen wollen uns nicht. Alles ist teuer. Wir dürfen nicht arbeiten, sie zwingen uns auf den Schwarzmarkt. Bald kann ich meine Kinder nicht mehr zur Schule schicken, weil sie mit anpacken müssen. Das geht doch nicht. Meine älteste Tochter ist elf!"

Der Krisenstaat Libanon stellt den Flüchtlingen weder Unterkunft noch Nahrung. Sie müssen selbst zurechtkommen. Hilfsorganisationen und die Uno unterstützen sie dabei mit dem Nötigsten. Aber selbst diese Hilfe wird immer weniger, weil die Spendengelder ausbleiben. Dazu kommt die zunehmende Schikane durch den libanesischen Staat: Ausgangssperren, Arbeitsverbote, Bewegungsverbote, hohe Verwaltungsgebühren. Die Flüchtlinge sind eine riesige Herausforderung für den Libanon: Schätzungsweise zwei Millionen Syrer halten sich in einem Land auf mit 4,5 Millionen Einheimischen. Keiner weiß, wann sie wieder gehen.

Sie sparen für die Fahrt in die Türkei

Heba wohnt hier seit drei Jahren, zusammen mit ihrer Familie und der Familie ihrer Schwester. Die Nachbarn sind ebenfalls Syrer: Menschen aus Aleppo und aus Homs. Nur mit dem Nötigsten flohen sie vor den Bomben des Assad-Regimes: ein Koffer mit Kleidung, ein paar Fotos, Ersparnisse. Im ersten Jahr hoffte Heba, bald nach Idlib zurückkehren zu können. Auch im zweiten Jahr glaubte sie noch daran. Dann gab sie die Hoffnung auf.

Junge in Flüchtlingscamp im Südlibanon (Archivbild): Immer mehr Flüchtlinge
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Junge in Flüchtlingscamp im Südlibanon (Archivbild): Immer mehr Flüchtlinge

"Es wird alles immer schlimmer in Syrien", sagt sie. "Nun ermordet uns nicht nur das syrische Regime, sondern auch der 'Islamische Staat'." Die Dschihadisten haben sich vor knapp zwei Jahren in den Bürgerkrieg eingemischt und breiten sich seitdem aus. Nach Syrien zurückkehren? "Vielleicht in 10, 20 Jahren", sagt Heba.

Ihr Mann hat einen Job als Portier gefunden. Er verdient rund 10 Dollar am Tag. Ein bisschen Geld haben sie noch übrig, aus ihrem alten Leben. Wenn die Familie 4000 Dollar beisammen hat, wollen auch sie es riskieren: die gefährliche Flucht nach Westeuropa. Die 42-jährige Mutter träumt von einem Land, in dem niemand um sein Leben fürchten müsse. Jeder hat dort fließend Wasser und Strom, ein Dach über dem Kopf und genug zu essen. Die Kinder können zur Schule gehen und auf die Uni, ohne Gebühren zu bezahlen. Ihre Hoffnung heißt Deutschland.

"Deutschland nimmt die Syrer auf, weil die deutsche Wirtschaft junge Männer braucht", sagt Heba. "Die Deutschen haben selbst nicht genug junge Männer." Diese Theorie äußern viele syrische Flüchtlinge. Anders können sie sich nicht erklären, warum Deutschland sie willkommen heißt, während sich viele andere Länder abschotten.

Von Heidenau und Freital hat Heba nie etwas gehört. Abschrecken würde es sie eh nicht. "Vielleicht wollen uns nicht alle Deutschen, aber in Deutschland bekommen wir eine Chance, im Libanon nicht."

Alle syrischen Flüchtlinge reden von Europa

Das Ziel ist für alle gleich. "Alle syrischen Flüchtlinge im Libanon reden von Europa", sagt George Ghali von der libanesischen Menschenrechtsorganisation Alef, die mit den Syrern arbeitet.

Flüchtlinge an der Grenze zum Libanon: Die Schleuser machen ein gutes Geschäft
REUTERS

Flüchtlinge an der Grenze zum Libanon: Die Schleuser machen ein gutes Geschäft

Es gibt keine Statistiken, wie viele bereits geflohene Syrer nun nach Europa weiterreisen. Für Syrer, die sich mit gültigen Papieren im Libanon aufhalten, ist es legal, mit Schiff oder Flieger in die Türkei auszureisen. Erst wenn sie in das Schlepperboot von der Türkei auf die griechischen Inseln steigen, beginnt die heimliche Flucht.

Im Libanon hört man viele Anekdoten über junge syrische Männer, die jeden Tag unermüdlich auf dem Schwarzmarkt schufteten, bis sie genug zusammen hatten für ein Schiff in die Türkei. 170 Dollar pro Person kostet dieses Stück Hoffnung auf ein besseres Leben. Eine andere Option sind die Flüge von Beirut in die Türkei. Die Nachfrage ist groß, selbst Billigflieger nehmen 450 Dollar - one way.

Doch der libanesische Staat zwingt viele syrische Flüchtlinge in die Illegalität, seit er im Januar die Einreiseregeln verschärft hat. Wer heimlich im Land ist, wird anfällig für Ausbeutung. Ohne gültige Papiere braucht man teure Schmuggler, um vom Libanon in die Türkei zu kommen - für 1500 bis 2000 Dollar. Dabei gibt es offenbar Sondertarife: Wer vier, fünf Mitreisende rekrutiert, reist selbst umsonst. So verwandeln die Schmuggler ihre Opfer in Mittäter und sorgen gleichzeitig für Nachfrage.

"Wenn ich umkomme, ist das halt so"

Raji Abdul Salam von der Menschenrechtsorganisation Palestinian Human Rights Organization im Libanon verfolgt seit Jahren die Situation der Nachkommen der palästinensischen Flüchtlinge. Über eine halbe Million von ihnen lebten in Syrien, größtenteils seit Jahrzehnten, doch sie haben keinen Pass, sie sind staatenlos.

"Ich habe erlebt, dass ganze Familien von morgens bis nachts harte Feldarbeit leisten mussten und abends pro Person eine halbe Mahlzeit bekamen", erzählt Abdul Salam. "Wer so weit ist, der geht auch aufs Schmuggelboot und sagt sich: 'Wenn ich umkomme, dann ist das halt so.'"

Raji Abdul Salam sagt, der Schmuggel nehme ständig zu: "Der Menschenhandel wird immer raffinierter." Inzwischen würden die Schmuggler nicht nur ab Tripoli abfahren, sondern auch den Transport zum Boot organisieren. Eingepfercht in einem Lastwagen mit kaum Luft ginge es quer durch den Libanon. Vorher werden sie in einem Haus festgehalten.

"Wenn der Menschenhandel schon so weit entwickelt ist, ist es eine Frage der Zeit, bis auch andere Dinge hinzukommen. Zwangsarbeit, Zwangsprostitution oder erzwungene Organentnahmen", sagt Abdul Salam. "Diese Menschen haben keinerlei Schutz."

Die Syrerin Heba lässt sich auch von solchen Gefahren nicht abschrecken: "So viele haben es jetzt schon geschafft, das schaffen wir auch."

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