Syrische Flüchtlinge in der Türkei: "Assad soll hängen"

Von der türkisch-syrischen Grenze berichtet

Sie fliehen vor Schüssen, Granaten, Folter. Tausende Syrer retten sich ins Nachbarland Türkei, drängen in Flüchtlingslager und Krankenhäuser. Die Regierung in Ankara muss nun entscheiden: Soll sie mit Diktator Assad verhandeln, seine Gegner bewaffnen - oder gar eigene Soldaten schicken?

Grenzgebiet: Syrische Flüchtlinge in der Türkei Fotos
REUTERS

Er hat selbst einen Schuss abbekommen, keine fünf Monate ist das her, Kadir zieht das Bein noch immer ein wenig nach. Jetzt hat es seinen Neffen erwischt, vor nicht einmal 20 Stunden, drei Kugeln haben Hasim getroffen, in Schulter und Oberkörper.

Auf dem Rücken hat Kadir seinen Neffen geschleppt, ein humpelnder 41-Jähriger trug einen 20-jährigen Mann, den Abend und die halbe Nacht hindurch, so erzählt er es. Ein syrisches Krankenhaus kam nicht in Frage: "Dort hätten sie uns sofort erschossen." Er musste die Grenze erreichen; in der Türkei hatten die Ärzte ihm schon damals geholfen, bei der Sache mit dem Bein.

Das Nachbarland im Norden ist zum Zufluchtsort für Tausende Syrer geworden, die vor Baschar al-Assad fliehen, dem Diktator, der das eigene Volk seit Monaten niederschießen lässt, um seine Macht zu retten. In den Flüchtlingslagern entlang der Grenze leben sie in Zelten; in den Krankenhäusern der Provinz Hatay im türkischen Süden behandeln Ärzte die Schusswunden derjenigen, die gegen Assads Truppen demonstriert oder gekämpft haben. Oder die einfach wahllos auf der Straße niedergeschossen wurden, wie es Kadir von seinem Neffen erzählt.

Der Strom der Flüchtlinge reißt nicht ab, denn die Lage in Syrien verschlimmert sich täglich: Aktivisten in der Protesthochburg Homs berichten am Dienstag vom schwersten Beschuss seit Tagen. Eine Uno-Friedensmission, wie von der Arabischen Liga vorgeschlagen, ist unwahrscheinlich. Ohne Waffenstillstand sei ein solches Vorhaben nicht möglich, sagte ein US-Regierungssprecher. Also geht das Morden in Syrien weiter.

Flucht über die Grenze

Oppositionelle und Verletzte retten sich über die türkische Grenze, so wie Kadir, ein Mann mit grauem Vollbart, der nun in Antakya am Krankenbett wacht. Sein Neffe liegt vor ihm, die Wunden notdürftig verbunden, einen Tropf im Arm, die Füße geschunden. Sie schleiften über den Boden, wenn sein Onkel ihn nicht mehr halten konnte.

Kadir und Hasim heißen nicht wirklich so. Die beiden Männer, die sich aus dem syrischen Gouvernement Idlib in das staatliche Krankenhaus von Antakya gerettet haben, wollen ihre echten Namen nicht veröffentlicht sehen, aus Angst um ihre Familien in Syrien. Sie fürchten, Assads Männer könnten ihnen etwas antun. Im Bett neben Hasim liegt ein weiterer angeschossener Syrer, ein paar Zimmer nebenan noch einer. Der Krankenhausdirektor erzählt, am Anfang hätten seine Leute vor allem Schussverletzungen behandelt; mittlerweile aber kommen aus den Lagern auch die chronisch Kranken, Dialyse-Patienten etwa.

Die Familien der Kranken begleiten sie meist, so wie Kadir seinen Neffen. Wenn sie noch keinen Platz im Lager haben, bleiben sie im Krankenhaus, wo es dreimal am Tag etwas zu essen gibt. Kadir preist die Türkei als ein Land, das seine Arme geöffnet habe für die Opfer Assads.

Einst war Assad der liebe "Bruder", nun gilt er als "Feigling"

Allerdings ist es nicht lange her, dass der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan sich als "Abi" des syrischen Diktators bezeichnete, als Bruder, der die Dinge gerade biegt. Er bereitete Assad einen Staatsempfang und ließ seine Soldaten zusammen mit dem syrischen Militär trainieren, auf türkischem Gebiet. Jetzt, kaum zwei Jahre nach dem gemeinsamen Manöver, hat sich der Bruder von einst zum Feind gewandelt. Erdogan nennt Assad nun einen "Feigling", vergleicht ihn gar mit Hitler.

Der türkische Premier vollzog damit eine außenpolitische Kehrtwende. "Null Probleme mit den Nachbarn" hieß einst die Strategie der Regierung Erdogan - und das schloss Syrien und Iran ein. Erdogan nahm in Kauf, dass er damit Israel und den Nato-Verbündeten USA brüskierte. Im Westen sorgten sich einige: Wohin nur steuert die Türkei? Dann begannen die arabischen Völker, ihre Despoten zu stürzen, und Erdogan, der Pragmatiker, schlug sich früh auf die Seite der Revolutionäre. Er, dem türkische Laizisten vorwerfen, die Grenzen zwischen Staat und Religion aufzuweichen, pries die säkulare Türkei als Modell für die Länder des Arabischen Frühlings.

Von Assad wendete er sich zwar vergleichsweise spät ab, doch schließlich verurteilte Erdogan doch dessen "Gräueltaten". Er forderte den Rücktritt Assads und betreibt nun sogar offensiv den Sturz des Despoten. Die Türkei fing Nachschublieferungen für Assads Truppen ab, und der Außenminister in Ankara verkündete: "Wir werden Syrien nicht seinem Schicksal überlassen."

Anti-Assad-Kämpfer operieren von der Türkei aus

Erdogan schickte seinen Chef-Diplomaten nach Washington, um das weitere Vorgehen abzustimmen, und er sucht den Schulterschluss mit EU und Arabischer Liga. Nun muss Erdogan entscheiden, wie er weiter vorgeht. Es ist keine Frage, dass er weiter die Flüchtlinge versorgen lässt und bei internationalen Verhandlungen eine Führungsrolle einnehmen wird, etwa bei einer Syrien-Konferenz. Die syrische Opposition durfte zudem bereits ein Büro in Istanbul eröffnen.

Aber was wird Erdogan darüber hinaus tun? Immer wieder wird die Forderung laut, die Türkei solle die "Freie Syrische Armee" (FSA) aufrüsten, jene losen Kampfverbände, die aus ehemaligen Assad-Soldaten bestehen, die mittlerweile die Opposition unterstützen. Schon jetzt sind einige hundert Kämpfer auf türkischem Gebiet aktiv und sickern immer wieder nach Syrien ein. Doch ihre Waffen beschafft sich die FSA meist noch im Libanon.

Eine militärische Option steht ebenfalls im Raum: Die Türkei könnte im Norden Syriens einen Schutzkorridor errichten. Noch vor wenigen Monaten schloss Erdogans Außenminister den Einsatz eigener Truppen kategorisch aus. Nun formuliert er wesentlich zurückhaltender: Man wolle nicht über eine Militärintervention sprechen. Es klingt nicht wie ein Dementi, sondern wie eine Drohung in Richtung Damaskus.

Welchen Weg Erdogan wählt, das ist dem Mann im Krankenhaus von Antakya fast egal. Er hofft auf zweierlei: Dass sein Neffe gesund wird und dass der syrische Diktator stürzt. "Assad soll hängen vor den Augen des Volkes", ruft Kadir.

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1. Welche Ziele noch?
michaelslo 14.02.2012
Zitat von sysopSie fliehen vor Schüssen, Granaten, Folter. Tausende Syrer retten sich ins Nachbarland Türkei, drängen in Flüchtlingslager und Krankenhäuser. Die Regierung in Ankara muss nun entscheiden: Soll sie mit Diktator Assad verhandeln, seine Gegner bewaffnen - oder gar eigene Soldaten schicken? Syrische Flüchtlinge in der Türkei: "Assad soll hängen" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,815099,00.html)
Dass nun besonders brutale Terroristen das Weite suchen, ist nicht verwunderlich. Denn die Munition geht aus, weil nicht wie kalkuliert, der Westen massive Unterstützung leisten kann. Noch nicht, aber bald. Aber die Geduld der Aufrührer reicht nicht mehr. Und es laufen keine Soldaten mehr über, aus Saudi-Arabien, Afgahbnistan kommt auch kein personeller Nachschub, managel Flugverbotszone. Ein Dilemma. Was hätten denn diese "Kämpfer" noch so an Visionen, außer Rache u. Hängen, zu bieten. Schwebt denen eine Art Chaos, Zerrüttung nach Modell Libyen vor? Dann sollte die Türkei doch helfen, wenn sie das auch will.
2. Besser ohne Titel
Beobachter123 14.02.2012
Soll er bei seiner Hinrichtung auch beschimpft und bespuckt werden wie Saddam? Also ich finde diese Schlagzeile menschenunwürdig. Sonchen Äußerungen sollte man kein Podium bieten. Zumindest wenn man an westliche Werte und deren Gerichtsbarkeit glaubt.
3. "Abi"
perpetuummobile 14.02.2012
Erdogan hat Assad mit Sicherheit noch nie "abi" genannt. "Abi" bedeutet "großer Bruder" und wird auch nur im Alterskontext verwendet. Insofern müsste Erdogan wesentlich jünger sein als Assad. Erdogan=57, Assad=46.
4. Sofort hängen
sichersurfen 14.02.2012
Zitat von sysopSie fliehen vor Schüssen, Granaten, Folter. Tausende Syrer retten sich ins Nachbarland Türkei, drängen in Flüchtlingslager und Krankenhäuser. Die Regierung in Ankara muss nun entscheiden: Soll sie mit Diktator Assad verhandeln, seine Gegner bewaffnen - oder gar eigene Soldaten schicken? Syrische Flüchtlinge in der Türkei: "Assad soll hängen" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,815099,00.html)
Sollen weitere Morde durch Assad verhindert werden, Verhandlungen anbieten und ihn nach dem Austausch von Bruderküssen sofort hängen.
5. oder
Nonvaio01 14.02.2012
Zitat von sysopSie fliehen vor Schüssen, Granaten, Folter. Tausende Syrer retten sich ins Nachbarland Türkei, drängen in Flüchtlingslager und Krankenhäuser. Die Regierung in Ankara muss nun entscheiden: Soll sie mit Diktator Assad verhandeln, seine Gegner bewaffnen - oder gar eigene Soldaten schicken? Syrische Flüchtlinge in der Türkei: "Assad soll hängen" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,815099,00.html)
einfach die kranken pflegen und sich nicht einmischen. Das waehre auch eine option lieber Spon....
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Bevölkerung: 22,505 Mio.

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Staatsoberhaupt:
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Regierungschef: Wail al-Halki

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