Syrische Flüchtlinge in Jordanien Was vom alten Leben übrig blieb

In Syrien tobt seit fast drei Jahren die Gewalt, jeder Zweite musste sein Zuhause bereits verlassen. Was nimmt man mit, wenn einem sonst nichts mehr bleibt? Dokumente, Fotos, die letzten Habseligkeiten - Flüchtlinge erzählen, was sie retten konnten.

Aus Jordanien berichtet

Hanin, fünf Jahre alt: "Wir haben unsere Katze in Syrien gelassen"
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Hanin, fünf Jahre alt: "Wir haben unsere Katze in Syrien gelassen"


Nur sein Schuldiplom hat Abdelrahman aus Syrien mitgenommen. Zum Uni-Abschluss fehlte ihm noch ein Semester, dann kam der Krieg dazwischen. Er studierte Geschichte, wollte Lehrer werden. Seit einem Monat lebt der 25-Jährige nun auf einem Acker am Rande der jordanischen Hauptstadt Amman. Zusammen mit seinen zwei Brüdern, zwei Schwestern und der Mutter haust er in einem selbstgebauten Zelt aus Reissäcken.

Um sie herum in den 150 improvisierten Zelten wohnen die alten Nachbarn und Bekannten. Ein komplettes syrisches Dorf siedelte über auf den Acker in Amman. Auch um diese Menschen wird es gehen, wenn sich an diesem Mittwoch die Chefverhandler zur Syrien-Friedenskonferenz in der Schweiz treffen. Rund 6,5 Millionen Syrer sind im Nahen Osten als Flüchtlinge registriert.

Nahezu überall in Jordanien sind sie zu finden, die bunten Flicken-Lager. Die Zelte bestehen aus allem, was die Flüchtlinge auftreiben konnten. Bis ins hinterste Dorf Jordaniens haben sie sich eingemietet in leere Wohnungen. Manche sind bei hilfsbereiten Einheimischen umsonst untergekommen.

Die wenigsten Flüchtlinge leben im Camp

Nur ein kleiner Teil, etwa zehn Prozent, leben in dem Uno-Flüchtlingslager Saatari. Auch wenn die syrischen Flüchtlinge dort umsonst Unterkunft, Essen, Strom und Wasser bekommen, ziehen es 90 Prozent vor, außerhalb des Camps zu leben. Sie wollen selbstbestimmt leben, sind auf der Suche nach Arbeit.

Abdelrahmans Zeltlager liegt gegenüber einer Fabrik, die Gemüse verpackt. Einige der Flüchtlinge, auch Kinder, arbeiten dort. Abdelrahman hat sich den Traum vom Lehrerberuf erfüllt, allerdings unbezahlt. Jeden Tag unterrichtet er zusammen mit seinem Bruder Madsched die 60 Kinder des Lagers zwischen sechs und elf Jahren in allem - Mathe, Arabisch, Biologie, Religion. Die Flüchtlinge haben sich dafür extra ein Schulzelt gebaut.

Wie in Jordanien ist die Situation auch im Libanon und in Teilen der Türkei. Die Belastung für Syriens Nachbarstaaten ist enorm. Im Jahr drei der Gewalt ist halb Syrien auf der Flucht.

SPIEGEL ONLINE stellt Abdelrahman und 17 weitere Syrerinnen und Syrer in Jordanien vor - mit dem für sie wichtigsten persönlichen Gegenstand.

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Was ich mitgenommen habe
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Abdelrahman, 25, aus der Provinz Hama, lebt mit seiner Familie in einem Zelt in Amman.

"Ich habe mein Schulabschluss-Zeugnis mitgenommen. Ausgerechnet in 'Nationalismus' war ich am besten. Da wird uns die offizielle Staatsideologie beigebracht. Ich habe nach der Schule in Homs Geschichte studiert. Als die Proteste anfingen, holte mich meine Familie zurück ins Dorf. Sie hatten Angst um mich. Das hat mir wenig genützt. Der Sicherheitsdienst hat einen Haftbefehl ausgestellt, weil ich angeblich an den Demonstrationen in Homs teilgenommen haben soll. Danach konnte ich mich in Syrien nicht mehr frei bewegen. Wenn ich in einen Checkpoint des Regimes gekommen wäre, hätten sie mich festgenommen. Ich wäre für immer verschwunden. Vor einem Monat bin ich nach Jordanien geflohen, heimlich. Ich bin durch halb Syrien gereist durch Gebiete, in denen die Rebellen die Macht haben, und weiter nach Amman. Meine Familie ist schon ein halbes Jahr vor mir geflohen. Hier haben wir uns alle wiedergefunden."

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Madsched, 23, Abdelrahmans Bruder

"Ich habe nur mein Handy mitgenommen. Auf dem Foto bin ich in der Mensa der Universität von Damaskus. Dort habe ich studiert. Ich wollte wie mein Bruder Abdelrahman Lehrer werden. Zum Uni-Abschluss haben mir nur noch ein paar Semester gefehlt, Abdelrahman nur ein einziges. Wir unterrichten jetzt zusammen die Kinder hier im Lager. Ich weiß nicht, wie lange wir das machen können. Wir bekommen kein Geld für unsere Arbeit und müssen uns etwas dazu verdienen. Von der Uno bekommen wir regelmäßig Essensmarken. Manchmal kommen islamische Hilfsorganisationen vorbei und verteilen Wolldecken, Korane, Linsen und Zucker."

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Kalidscha, 46, mit ihren drei Söhnen Abdelrahman, Madsched und Tarek, 21

"Ich bin froh, dass wir fast alle wieder beisammen sind. Wir sind die Überlebenden. Viele aus unserem Dorf sind tot. Wir wurden immer wieder bombardiert. Meine älteste Tochter ist noch in Syrien. Sie passt auf unsere Schafherde auf. Ich habe Angst um sie. Ich habe die Hoffnung, dass wir zurückkehren können. Mit dem Nachbardorf ist es jetzt schwierig. Unser Dorf ist sunnitisch, sie sind Alawiten. Es gab nie Probleme zwischen unseren Dörfern. Doch das hat sich mit dem Krieg geändert. Unsere Nachbarn sind jetzt unsere Feinde."

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Muajad, 19, aus der Stadt Daraa, lebt mit seiner Familie in einer Wohnung in Nordjordanien

"Das ist mein syrischer Personalausweis. Eigentlich müssen den alle Syrer an der jordanischen Grenze abgeben. Wir bekommen danach von der Uno einen Flüchtlingsausweis. Mit dem dürfen wir uns nicht mehr frei bewegen. Ich bin gleichzeitig mit einem Verletzten über die Grenze gekommen. Ich habe ihm geholfen. Als sie mich nach meinen Papieren fragten, habe ich gesagt: 'Moment, ihr seht doch, dass es gerade nicht geht.' Der Verletzte hat mich gewarnt, dass sie mir meinen Ausweis wegnehmen wollen. Also bin ich einfach gegangen. Keiner hat mich aufgehalten. Mein Personalausweis ist das einzige Persönliche, das ich noch aus Syrien habe."

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Ijad, 20, Bruder von Muajad

"Ich habe ein Foto von mir und meinem besten Freund mitgenommen. Wir hätten beide längst zur Armee gehen müssen für unseren Militärdienst. Das wollten wir nicht. Ich habe gesehen, was die Soldaten machen. Wir haben in der Innenstadt von Daraa gewohnt. In dieser Stadt hat der Aufstand angefangen, März 2011. Wir haben die ersten Demonstrationen gesehen. Die Sicherheitskräfte haben auf sie geschossen. Danach sind noch mehr Leute auf die Straße gegangen. Nach elf Tagen wurden gleich Panzer und Soldaten geschickt. Sie haben sofort die Armee gegen Daraa eingesetzt, das muss man sich mal vorstellen. Ich bin immer noch geschockt. Die letzten Jahre konnte ich nicht mehr zur Schule. Sonst wäre ich eingezogen worden. Ich bin heimlich nach Jordanien ausgereist. Mein bester Freund ist in Syrien geblieben. Er kämpft jetzt für die Rebellen."

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Hanin, 5, Schwester der beiden

"Ich habe meine Kette mitgenommen. Mir fehlt unsere Katze, Biso, und unser Hund. Wir haben beide in Syrien gelassen."

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Umm Ijad, 37, Mutter der drei, und ihre Tochter Hanin

"Auf dem Foto bin ich mit meiner besten Freundin Schaher zu sehen. Sie ist Irakerin. Vor dem Krieg im Irak war sie nach Syrien geflüchtet mit ihrer Familie. Sie ist nun wieder zurück in Bagdad. Es ist bei uns in Syrien jetzt schlimmer als im Irak. Wir sind vor elf Monaten weg. In Jordanien wollte ich nicht ins Flüchtlingslager. Ich habe die Kinder dort gesehen, völlig verwahrlost und ungezogen. Ich möchte nicht, dass meine Kinder so werden. Ich lebe lieber hier in einer Mietwohnung, auch wenn wir uns keine Heizung leisten können. Meine Söhne suchen nach Arbeit."

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Safa, 17, Tochter von Umm Ijad

"Das neben mir auf dem Foto ist Ischwak, meine beste Freundin. Sie ist Irakerin. Ihre Mutter ist die beste Freundin meiner Mutter. Wir bleiben über WhatsApp in Kontakt. Das ist eine App, mit der wir umsonst chatten. Wir sind vor elf Monaten geflohen, weil sie angefangen haben, Daraa auch mit Flugzeugen zu bombardieren. Vorher waren es nur die Artillerie und die Panzer. Immer wieder wurden wir beschossen, das waren wir gewöhnt. Aber die Flugzeuge haben uns Angst gemacht."

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Safas Geldsammlung

"Ich habe auch meine Geldsammlung mitgenommen. Manche Scheine habe ich gefunden, viele habe ich gekauft. Ich finde sie schön. Es ist saudi-arabisches, iranisches, jordanisches, irakisches und syrisches Geld. Ich habe ganz alte syrische Scheine von vor den Assads und die heutigen. Auf dem Tausend-Pfund-Schein ist das Porträt von Hafis al-Assad, dem Vater von Baschar. Keiner will inzwischen mehr syrisches Geld. Alle wollen jetzt Euros, Dollars oder Rial. Das syrische Geld verliert zu schnell an Wert."

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Umm Mohammed, 30, aus der Provinz Daraa, lebt jetzt in Nordjordanien in einem Witwenhaus

"Mein Sohn Omar ist jetzt elf Monate alt. Ich war mit ihm im neunten Monat schwanger, als ich fliehen musste. Er wurde in Jordanien geboren. Er ist der Jüngste. Mein Mann sagte, als die Aufstände anfingen: 'Jetzt ist die Revolution, hör auf zu verhüten.' Er wollte viele Kinder für das neue Syrien. Seit einem Jahr ist er tot. Er kämpfte für die Rebellen und wurde von einem Heckenschützen erschossen. Wir leben in Jordanien von Spenden. Viele helfen uns, vor allem Hilfsorganisationen aus den Golfstaaten. Meine Kinder dürfen umsonst in den jordanischen Schulunterricht, weil sie syrische Flüchtlinge sind. Ich hoffe, wir können bald nach Syrien zurückkehren."

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Muna, 4, aus der Provinz Daraa, lebt jetzt in Nordjordanien bei Verwandten

"Meine Mutter hat ein Fotoalbum mitgenommen. Es gehörte meinem Vater. Er ist tot. Die Fotos sind alles, was wir von ihm haben."

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Ibrahim, 44, aus der Provinz Daraa, lebt in einem Wohncontainer im Flüchtlingslager Saatari

"Ich habe meinen Ordner mit wichtigen Papieren mitgenommen. Das sind Auszeichnungen und Schulzeugnisse meiner Kinder. Auf den Zeugnissen ist vorne immer das Porträt von Baschar al-Assad drauf. Leider kann ich es nicht zerreißen, sonst wären die Zeugnisse ungültig. In dem Ordner waren zufällig auch ein paar Fotos drin. Sie sind von mir in Beirut. Ich habe elf Jahre lang im Libanon gearbeitet und ganz gut verdient. Ich habe Geflügel transportiert. Als Syrien aus dem Libanon abgezogen ist, bin ich wieder zurück nach Daraa. Dort habe ich als Nachtwächter in Parkhäusern gearbeitet. In Saatari finde ich keine Arbeit. Meine älteste Tochter lebt in Saudi-Arabien. Sie ist mit einem Syrer dort verheiratet und überweist mir regelmäßig Geld. Ich habe zwölf Kinder. Elf leben mit mir im Wohncontainer. Wir hatten dreimal Zwillinge."

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Husam, 34, aus der Provinz Daraa, wohnt jetzt in einem Zelt im Flüchtlingslager Saatari

"Das ist mein alter Reisepass. Das Foto stammt aus einer anderen Zeit. Ich hab mich seitdem so sehr verändert, man erkennt mich nicht mehr. Alles hat sich so sehr verändert. Seit zehn Monaten lebe ich im Flüchtlingslager Saatari. Ich suche einen Job, aber ich finde nichts. Aus Syrien geflohen bin ich, weil die Sicherheitskräfte den Sohn meines Nachbarn erschossen haben, einfach so. Er war 14. Ich dachte: 'Morgen bist du dran' und bin weg. Außer meinem Reisepass habe ich noch ein paar persönliche Sachen mitgenommen: das Ultraschallbild meines ersten Kindes, den Grundbucheintrag für mein Haus. Und ich habe sogar noch die Rechnung über die Mitgift in Gold, die ich meiner Frau zur Hochzeit geschenkt habe. Das haben wir längst verbraucht."

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Hasar, 19, aus der Provinz Daraa, lebt in Nordjordanien mit ihrer Mutter und den Geschwistern

"Ich habe Gedichte geschreiben, über die Revolution, über mein Land und über meinen Vater. Er ist 2012 bei Kämpfen gestorben in Jarmuk, einem Stadtteil von Damaskus. Er war ein bekannter Rebell in Südsyrien. Auf seinen Kopf waren drei Millionen syrische Pfund ausgeschrieben, das ist viel Geld. 'Hier bin ich, deine älteste Tochter, und deine Geschichte erzähle ich. Wir werden dich rächen, heute schon, nicht erst morgen, das verspreche ich.' Das sind die letzten zwei Zeilen des Gedichtes. Ich konnte das Heft mit meinen Texten nicht mitnehmen. Meine Mutter hatte zu viel Angst. Wenn die Sicherheitskräfte dieses Gedicht bei mir gefunden hätten, hätten sie uns verhaftet. Es ist viel zu politisch. Also habe ich es auswendig gelernt. In meinem Kopf habe ich das Gedicht über meinen Vater mit nach Jordanien gebracht."

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Meisa, 30, mit ihren Töchtern Rinad, Musa und Lajana, aus Damaskus, lebt jetzt in Nordjordanien in einer kleinen Mietwohnung

"Ich habe unsere Fotoalben eingepackt. Wir sind jeden Sommer ans Mittelmeer gefahren, Baden an der syrischen Küste. Die Fotos sind jetzt unsere ganzen Erinnerungen. Als wir unser Haus verlassen haben, dachten wir, wir fahren nur kurz weg. In unserem Stadtteil Midan waren plötzlich Rebellen. In den Straßen wurde gekämpft. Wir wollten so lange nach Jordanien fahren, bis die Kämpfe wieder vorbei sind. Doch dann wurde unser Stadtteil bombardiert. Eine Woche, nachdem wir gegangen sind, wurde unser Haus zerstört. In Jordanien teilen wir uns eine Wohnung mit meinen Eltern, meiner Schwester und ihrer Familie. Wir schlagen uns durch."

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Ahmed, 60, aus Damaskus, lebt in Nordjordanien bei seiner Tochter Meisa

"Ich habe meinen Laptop mitgenommen. Seit den Aufständen bin ich auf Facebook. Wir hatten nicht viel Technologie in Syrien, nicht wie in Europa. Aber jetzt verfolgen wir alle auf Facebook, was passiert. So bleibe ich auch mit meinen Freunden in Kontakt. Wir sind jetzt alle verstreut – Jordanien, Ägypten, Saudi-Arabien. Nur einer lebt noch in Syrien. Ich habe immer davon geträumt, dass sich Syrien verändert. Als die Proteste anfingen, war ich so glücklich. Doch nun. Es ist schlimm, was passiert. Alle kämpfen nur für sich selbst. Nie hätte ich gedacht, dass so etwas einmal in Syrien passiert. Ich träume davon zurückkehren. Ich habe Damaskus geliebt. Aber es wird lange dauern. Ich weiß nicht, ob ich das noch erleben werde."

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Umm Walid, 22, aus der Provinz Daraa, lebt in Nordjordanien

"Das Medaillon aus Bronze hat mir mein Mann zur Verlobung geschenkt. Auf der einen Seite ist sein Name eingraviert, auf der anderen meiner. Er heißt Kamal. Auch unseren Ehering aus Silber habe ich mitgenommen. Mein Mann hatte mit den Rebellen gekämpft. Aber im letzten Jahr ist er bei uns zu Hause geblieben. Er wollte uns beschützen. Wir hatten Angst, dass die Sicherheitskräfte kommen und uns etwas antun. Sie sind gekommen und haben ihn verhaftet. Ich bin mit den Kindern geflohen in ein Dorf, das die Rebellen kontrollieren. Das ist ein Jahr und drei Tage her. Seitdem habe ich keine Nachricht von meinem Mann. Ich weiß nicht, ob er noch lebt. Das ist für mich wie Folter. Ständig frage ich mich, was er wohl gerade macht, ob er zu essen hat. Es ist leichter für die Frauen, die wissen, dass ihr Mann tot ist."

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Abu Mustafa, 38, aus Nordsyrien, lebt seit 16 Monaten in Jordanien

"Das ist der Schlüssel zu meinem Haus in Dschisr al-Schurur in Nordsyrien. Wir Syrer sind jetzt wie die palästinensischen Flüchtlinge in Jordanien. Diese haben aus der Heimat auch nur ihren Haustürschlüssel. Die Palästinenser dachten auch, sie fliehen nur für ein paar Wochen, bis die Kämpfe vorbei sind. Jetzt sind sie hier seit vier Jahrzehnten. Die Flucht aus Syrien war für mich sehr schwierig. Ich wurde vom Sicherheitsdienst gesucht, weil ich den Rebellen geholfen habe. Deswegen bin ich nicht in die Türkei gegangen, obwohl es viel näher war. Ich hatte Angst, dass man mich an der Grenze erkennt. Also bin ich sieben Stunden lang marschiert, dann in einen Bus und mit gefälschten Papieren über die Grenze nach Jordanien. Meine Frau und die Kinder sind nachgekommen. Sie waren schon in der Türkei. Unsere Familie ist jetzt verstreut. Ihre Eltern leben in der Türkei. Mein Bruder und seine Familie leben in Ägypten. Meine Eltern sind schon lange als Gastarbeiter in den Emiraten. Meine Schwägerin lebt mit ihrer Familie im Container nebenan. Mein Schwager ist vor kurzem in Syrien gefallen. Wir kümmern uns um seine Familie."

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Jusra, 33, die Frau von Abu Mustafa, mit ihren Kindern Mustafa, 13, und Hanan, 10

"Unser Zuhause in Dschisr al-Schurur war das Paradies. Wir hatten Äpfelbäume im Garten, Pfirsiche, Aprikosen, Orangen. Es wächst dort einfach alles. Jetzt ist natürlich das Flüchtlingslager Saatari unser neues Zuhause. Mein Mann hat in Syrien bei einer Kabelfabrik gearbeitet. Hier arbeitet er als Geldwechsler. Er tauscht alles - syrisches, jordanisches, saudi-arabisches, amerikanisches Geld. Jeden Tag wird der Wechselkurs festgelegt. Viele Flüchtlinge bekommen Geld von ihren Verwandten im Ausland überwiesen. Einmal die Woche gehen mein Mann oder unser Sohn raus aus dem Flüchtlingslager nach Amman in die Wechselstuben. So kommt das Geld ins Lager. Wir versuchen, uns in unserem Wohncontainer einzurichten. Wir haben die Wände dekoriert. Wir haben ein Bügeleisen und einen Fernseher mit Satellitenschüssel gekauft. Sobald wir es uns leisten können, wollen wir aus dem Camp ziehen in eine Wohnung."

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
fred2013 22.01.2014
1. Eine weitere Belastung für Jordanien
Es ist erstaunlich, wie belastbar Jordanien ist. Politisch hat es den gleichen Sicherheitsstandard wie Deutschland, ist aber durch die Flüchtlichngsströme extrem belastet. Es leben 2 Mio Jordanier im Land, aber bereits 4 Mio. Palästinenser. Jetzt sind noch 1 Mio Syrer dazugekommen. Warum ich das schreibe? Weil sich unsere Politiker schon mit Stolz geschwellter Brust feiern lassen, wenn wir 20.000 Syrische Flüchtlinge aufnehmen und die große Belastung die damit verbunden ist betonen. Ich war schon 5 mal in Jordanien und bin immer wieder verwundert, dass bei dieser schwierigen geopolitischen Lage, das Land so ruhig und friedlich ist. Hoffentlich bleibt das so. Meine Hochachtung haben die Jordanier jedenfalls.
verax 22.01.2014
2. Ich möchte ...
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEIn Syrien tobt seit fast drei Jahren die Gewalt, jeder Zweite musste sein Zuhause bereits verlassen. Was nimmt man mit, wenn einem sonst nichts mehr bleibt? Dokumente, Fotos, die letzten Habseligkeiten - Flüchtlinge erzählen, was sie retten konnten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrische-fluechtlinge-in-jordanien-zeigen-ihre-persoenlichen-gegenstaende-a-944603.html
... an dieser Stelle einmal anmerken, dass ich ein Problem mit der Meinungsfreiheit im Spiegelforum habe. Es entzieht sich meinem Verständnis, dass Themen, die mit Islam, Judentum und Faschismus zu tun haben häufig gar nicht erst als Forenthemen freigegeben oder schnell, manchmal sogar schon vor derm ersten Beitrag geschlossen werden. Es ist klar, dass diese Themen schnell extreme, religionsbeleidigende oder rassistische Beiträge anziehen. Trotzdem kann man sich dort die Mühe machen zu filtern, wenn eine ernsthafte Diskussion, wie aktuell über den politischen Islam, zustande kommt. Gänzlich unerträglich finde ich es allerdings, wenn Beiträge über die Leiden der syrischen Flüchtlinge und Bevölkerung der seit 2 Jahren mit absouter Sicherheit zu erwartenden zynischen Propaganda ausgesetzt werden, die aus Islamophobie oder linksideologischen Gründen den Kriegsverbrecher Assad loben und die Islamisten in Syrien als tierähnliche Bestien darstellen. Es wäre in meinen Augen angemessener bzw. sensibler, Themen wie das obige der Kommentarmöglichkeit zu entziehen und die Möglichkeit zynischer Auseinandersetzung mit den politischen Hintergründen und der Bestialität des Krieges auf die Artikel zu beschränken, in denen es vorrangig um Politik und weniger um die humanitären Auswirkungen geht. Ich weiß nicht, wie es anderen Lesern geht, aber ich leide, wenn ich Fotos von flehenden Kinderaugen sehe und darunter etwas über herzverspeisende Barbaren lesen muss. Mehr als beim Anblick zerrissener Leichen, die uns aus Pietätsgründen vorenthalten werden.
volw 22.01.2014
3. Wehrfähigkeit?
Ich frage mich bei solchen Schicksalen stets unwillkürlich, warum solche Menschen, hier als Beispiel die beiden Lehrer, anstatt im Ausland über ihr Schicksal zu jammern, nicht zu den Rebellen stoßen und ein Gewehr in die Hand nehmen, um zu helfen, die Verhältnisse im eigenen Land gerade zu rücken.
Lord Chester 22.01.2014
4. Vernebelung
"In Syrien tobt seit fast drei Jahren die Gewalt" In Syrien toben sich einige Staaten mit Söldnern und Terroristen aus, die die sozialistische Republik weg haben wollen und dafür ein islamisches Emirat einrichten wollen. Dass ein inszenierter Krieg mit Gewalt verbunden ist, scheint sich nur hier im Spiegel noch nicht rumgesprochen zu haben. Krieg hat Ursachen und Hintermänner und fällt nicht als unvermutete "Gewalt" vom Himmel. Die früheren Journalisten (z.B. Scholl-Latour) haben das noch gewusst und über die Hintergründe von Kriegen berichtet. Unparteiisch und unabhängig. Der Spiegel heute berichtet nur noch vordergründig im Auftrag derjenigen, die den Krieg nach Syrien hineingetragen haben. Eure Parteilichkeit für gekaufte Demonstranten, gekaufte Deserteure und gekaufte Menschenrechtsaktivisten ist doch offensichtlich. Folgt der Spur des Geldes und schon habt ihr die Hintermänner zum Verschweigen.
sbogfr 22.01.2014
5. An verax
An Ihrem Kommentar kann man erkennen, dass Sie nichts verstanden haben! Es ist sehr wichtig und beruhigend zu sehen, dass nicht alle den Mist glauben, den uns die Medien verkaufen möchten. Aus den Kommentaren erhält man auch eine andere Sicht, welche die Medien leider nicht liefern. Zudem bin ich mir nicht sicher ob Ihnen klar ist was ein Angriffskrieg für die Bevölkerung bedeutet - siehe Lybien... Darüber schreiben unsere tollen Medien aber nicht mehr viel... Nur dieses Kriegsgehetze
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