Aus Marj und Bar Elias berichtet Raniah Salloum
Die zehnjährige Seinab steht mit einem Dutzend anderer Kinder am Straßenrand und wartet auf den Schulbus. Dreimal die Woche, Punkt 14 Uhr, wird sie mit den anderen syrischen Flüchtlingskindern in Marj abgeholt und ins benachbarte Bar Elias gefahren, wo libanesische Freiwillige sie unterrichten. "Vorher war es schrecklich. Seit wir Unterricht haben, haben wir Spaß", sagt Seinab strahlend.
Seinab gehört zu den syrischen Flüchtlingsfamilien, die nichts mehr haben. Ihre Familie stammt aus Sit Seinab, einem ärmeren Vorort im Süden von Damaskus. Ihr Haus wurde durch Artilleriebeschuss völlig zerstört. Vor zwei Monaten kam sie mit ihren vier Geschwistern, der Mutter und dem Vater nach Marj in den Libanon.
In dem Dorf Marj hausen sie mit gut einem Dutzend anderer Flüchtlingsfamilien aus Vororten von Damaskus in einem leerstehenden Schulgebäude, wo sie auf Matratzen aus sieben Zentimeter dickem Schaumstoff auf dem Boden schlafen. Einmal im Monat bekommen sie ein Lebensmittelpaket mit Reis, Kichererbsen und Linsen. Täglich strömen neue Flüchtlinge über die Grenze. Für die Kinder ist der Unterricht eine willkommene Abwechslung von der Alltagsmisere.
55 Kinder quetschen sich auf 20 Sitze im Schulbus
Der weiße Bus kommt, und die Kinder stürmen hinein. "Nieder mit dem Regime! Nieder mit dem Regime!", fangen die Jungs fröhlich an zu singen. Siebenmal macht der Bus unterwegs halt und sammelt weitere Kinder ein. Sie stammen aus syrischen Flüchtlingsfamilien, die es sich noch leisten können, ein Zimmer oder eine Wohnung in der Gegend zu mieten. Wer irgendwie kann, vermeidet es, in dem Schulgebäude unterkommen zu müssen. Als der Bus in der Kleinstadt Bar Elias ankommt, quetschen sich rund 55 Kinder auf die 20 Sitze.
Offizielle Flüchtlingslager gibt es für die Syrer im Libanon nicht, auch keine zentrale Anlaufstelle. Daher ist unklar, wie viele Flüchtlinge es überhaupt im Libanon gibt. Allein in dem Dorf Marj leben 150 syrische Familien, sagt Baschir Jarrah, ein örtlicher Freiwilliger. Lediglich etwa 15 davon seien als Flüchtlinge in dem Schulgebäude registriert. Die Dunkelziffer ist enorm. Während die Uno von über 50.000 syrischen Flüchtlingen im Libanon ausgeht, schätzen die syrischen Flüchtlinge selbst ihre Zahl auf über zwei Millionen. Angesichts der Tatsache, dass man inzwischen überall im Libanon, selbst in Bauruinen in Beirut, syrische Flüchtlinge antrifft, scheint ihre Schätzung deutlich realistischer als die Zahlen der Uno. Auch in der Türkei und in Jordanien ächzen die Behörden unter dem Ansturm der Flüchtlinge aus Syrien.
In Bar Elias wartet in der örtlichen Schule die Libanesin Bertha auf die Kinder. Sie gehört zu einer libanesischen Freiwilligenorganisation, die in diesem Sommer im Bekaa-Tal den Unterricht für die Syrer organisiert. Unterstützt werden sie dabei von internationalen Hilfsorganisationen. Die Logos von Unicef, UNHCR, Save the Children und Danish Refugee Council prangen an den Wänden der Klassenzimmer. Hauptsächlich Englisch steht auf dem Programm.
"Das Schulniveau in Syrien ist erschreckend"
Mit dem Ende der Sommerferien in wenigen Wochen sollen die syrischen Kinder zusammen mit den libanesischen die Schulbank drücken. Dies hat die libanesische Regierung entschieden. Doch anders als in Syrien findet im Libanon der Unterricht halb auf Arabisch und halb auf Englisch statt - eine Sprache, die die syrischen Kinder nicht beherrschen. Daher ist der Vorbereitungskurs nun sehr wichtig.
Bertha ruft Seinab an die Tafel und zeigt ihr, wie man ihren Namen in lateinischen Buchstaben schreibt. Seinab übt danach an ihrem Platz mit Bleistift und Papier, das Bertha ausgeteilt hat. Ihre Sitznachbarin, Lina aus Kudsaja, einem Mittelklasse-Vorort von Damaskus, hilft ihr. "Das Schulniveau in Syrien, vor allem der Kinder, die vom Land kommen, ist erschreckend", sagt Bertha. "Ich habe in einer Klasse Zehnjährige, die können nicht einmal ihren Namen schreiben, weder auf Arabisch noch auf Englisch."
"Mir ist es egal, wenn ich im Libanon in die dritte Klasse komme und nicht in die vierte wie in Syrien", sagt Seinab. "Ich will nur wieder in die Schule." Sie hatte zuletzt normalen Unterricht im Winter 2011. Aufgrund der Bombardierungen ihrer Wohnviertel durch die Assad-treue Armee gehen manche Kinder seit über einem Jahr nicht mehr zur Schule. "Wir freuen uns alle auf die Schule", sagt Mohammed, der aus Bab Amr in Homs stammt.
Während die Kinder den Beginn eines neuen Schuljahres kaum erwarten können, sind manche ihrer Eltern weniger erfreut. Der Schulbeginn bedeutet auch, dass ihre Notunterkünfte nun wieder gebraucht werden: Flüchtlinge, die in Schulgebäuden leben, müssen diese nun in den kommenden Tagen verlassen. Vielerorts ist noch unklar, wohin die Familien umziehen sollen. Seinab hat noch relatives Glück: Die Flüchtlinge aus Marj haben ein altes, nicht mehr benutztes Schulgebäude in der Nähe zugewiesen bekommen.
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