Syrische Rebellenhochburg: Assad-Armee beginnt Sturm auf Homs

Die Truppen des Assad-Regimes haben offenbar mit dem Sturm auf Homs begonnen - doch noch verteidigen die Rebellen ihre Viertel. Teile der Widerstandshochburg sind vom Kommunikationsnetz abgeschnitten. Die Uno verurteilt das Blutvergießen, Großbritannien zieht seine Diplomaten ab.

REUTERS

Damaskus - Die Lage in der belagerten Stadt Homs wird immer dramatischer. Nach Angaben von Regimegegnern hat die syrische Armee versucht, das Viertel Bab Amr zu stürmen. Die Aktivisten berichteten am Donnerstag von Artillerieangriffen und Panzern, die rund um das Viertel in Stellung gebracht wurden. Erste Attacken wurden nach Angabe der Rebellen bisher aber abgewehrt.

Der syrischen Armee sei es nicht gelungen, in den Stadtteil einzudringen. Kämpfe gebe es lediglich außerhalb des Viertels, hieß es. Auch der Leiter der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, Rami Abdel Rahman, sagte, die Gefechte zwischen Aufständischen und Soldaten würden außerhalb von Bab Amr ausgetragen. Die Armee wolle Bab Amr dennoch einnehmen, "koste es was es wolle".

Zur Vorbereitung der Attacke wurde das Stadtviertel offenbar auch vom Kommunikationsnetz abgeschnitten. Die Behörden hatten zuvor bereits Telefonnetze lahmgelegt. Aktivisten telefonierten jedoch nach dem Ausfall von Festnetz und Mobiltelefonen über Satellitentelefone. Das sei nun auch nicht mehr möglich, sagte ein Aktivist am Donnerstag. Wie diese Gespräche technisch unterbunden werden, ist noch offen.

Die syrische Regierung hatte am Vortag angekündigt, Bab Amr von "Bewaffneten säubern" zu wollen. Der Ortsteil gehört zu den Hochburgen der Gegner von Präsident Baschar al-Assad und steht seit mehr als drei Wochen unter Dauerbeschuss.

Die staatliche Nachrichtenagentur Sana meldete unterdessen, in einem Krankenhaus in Homs sei am Mittwoch ein Krankenpfleger von "bewaffneten Terroristen" getötet worden. Auch an der türkisch-syrischen Grenze hätten sich Grenzwächter ein Gefecht mit "bewaffneten Terroristen" geliefert, die angeblich Waffen aus der Türkei ins Land bringen wollten. Wegen der Medienblockade durch die Regierung sind Berichte aus Syrien oft nicht zu überprüfen.

Der Uno-Menschenrechtsrat hat die Gewalt gegen Zivilpersonen in Syrien verurteilt. Bei einer Krisensitzung am Donnerstag stimmten 37 Mitglieder für die von der Türkei eingebrachte Resolution; Russland, China und Kuba votierten dagegen. Drei Mitglieder der 47 im Rat enthielten sich, vier stimmten nicht ab. In der Resolution wird Syrien aufgefordert, umgehend alle Angriffe auf Zivilpersonen zu stoppen und Hilfsorganisationen ungehinderten Zugang zu gewähren. Die Abstimmung im Uno-Menschenrechtsrat ist nicht rechtlich bindend.

Mit Blick auf die Sicherheitslage im Land hat Großbritannien seine Botschaft geschlossen und das diplomatische Personal aus Syrien abgezogen. Großbritannien hatte die Zahl der Belegschaft bereits im Vorfeld reduziert. Nur noch weniger als zehn Mitarbeiter waren vor Ort.

Opposition gründet Militärrat

Die syrische Opposition setzt im Kampf gegen das Regime von Präsident Assad immer stärker auf militärische Gewalt. Der Vorsitzende des Syrischen Nationalrats (SNC), Burhan Ghaliun, sagte in Paris, der SNC habe einen Militärrat gegründet. Ziel sei es jedoch nicht, einen Bürgerkrieg zu führen, sondern Chaos zu verhindern. Er erklärte: "Es gibt Staaten, die gesagt haben, sie wollten Waffen an die Opposition liefern. Damit dies nicht direkt und ohne Kontrolle geschieht, soll alles über diesen Rat laufen."

Ghaliun betonte, die Gründung des mit Experten besetzten Militärrats erfolge in Abstimmung mit den Deserteuren, die sich zur Freien Syrischen Armee zusammengeschlossen haben. Vor allem Vertreter der arabischen Öl-Monarchien hatten in den vergangenen Tagen laut über die Bewaffnung von Deserteuren in Syrien nachgedacht.

In einer Erklärung, die der SNC am Donnerstag veröffentlichte, heißt es: "Die syrische Revolution begann als gewaltfreie Bewegung und hat diesen friedlichen Charakter über Monate bewahrt. Die Situation hat sich jedoch geändert und der SNC wird sich seiner Verantwortung im Licht dieser neuen Realität stellen."

Libyen und Kuwait unterstützen Rebellen

Tatsächlich findet die Revolution in Syrien international immer mehr Unterstützer. Der libysche Übergangsrat entschied am Mittwochabend, seine Hilfen für den Nationalrat auszuweiten. Man wolle unter anderem ein Bankkonto für den SNC in Libyen eröffnen und den Oppositionellen 100 Millionen US-Dollar (rund 75 Mio Euro) zukommen lassen, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Lana.

Auch das Parlament in Kuwait kündigte an, die syrischen Rebellen unterstützen zu wollen. Gleichzeitig erklärte Kuwait, Präsident Assad müsse für seine Verbrechen gegen das eigene Volk bestraft werden.

jok/dpa/Reuters/dapd/AFP

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1.
kl1678 01.03.2012
---Zitat von spon--- Der Vorsitzende des Syrischen Nationalrates (SNC), Burhan Ghaliun, sagte in Paris, der SNC habe einen Militärrat gegründet. Ziel sei es jedoch nicht, einen Bürgerkrieg zu führen, sondern Chaos zu verhindern. ---Zitatende--- Der Mann hat Humor!
2. ...
ein anderer 01.03.2012
Zitat von sysopREUTERSDie Gewalt in Homs eskaliert: Offenbar haben die Truppen des Assad-Regimes mit dem Sturm auf die Stadt begonnen - doch noch verteidigen die Rebellen ihre Viertel. Teile der Widerstandshochburg sind vom Kommunikationsnetz abgeschnitten. Die Uno hat das Blutvergießen im Land verurteilt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,818577,00.html
"In der Resolution wird Syrien aufgefordert, umgehend alle Angriffe auf Zivilpersonen zu stoppen..." Interessante Wortwahl, weil die Sicherheitskräfte in letzter Zeit hauptsächlich gegen bewaffnete Vorgehen. Und die kann man wohl kaum als Zivilisten bezeichnen.
3.
dilinger 01.03.2012
Üblicher Sprachgebrauch ist gut; stammt von Radio Damaskus. Wenn Sie Friedhofsruhe mögen, empfiehlt sich eine Spaziergang auf dem Hauptfriedhof
4. aus
freiheitsk 01.03.2012
Zitat von sysopREUTERSDie Gewalt in Homs eskaliert: Offenbar haben die Truppen des Assad-Regimes mit dem Sturm auf die Stadt begonnen - doch noch verteidigen die Rebellen ihre Viertel. Teile der Widerstandshochburg sind vom Kommunikationsnetz abgeschnitten. Die Uno hat das Blutvergießen im Land verurteilt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,818577,00.html
Wenn SPON schreibt, dass der Sturm erst begonnen hat, ist er wohl schon vorbei.
5. ...
Barath 01.03.2012
Zitat von ein anderer"In der Resolution wird Syrien aufgefordert, umgehend alle Angriffe auf Zivilpersonen zu stoppen..." Interessante Wortwahl, weil die Sicherheitskräfte in letzter Zeit hauptsächlich gegen bewaffnete Vorgehen. Und die kann man wohl kaum als Zivilisten bezeichnen.
Wie war das im SPON-Bericht zum Referendum (aus dem Gedächtnis): ca 60 Tote Zivillisten, ca 30 Tote Sicherheitskräfte. Kein weiterer Kommentar.
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