Von Yassin Musharbash
Berlin - Die syrische Revolte hat ein neues Zentrum: Hama, die viertgrößte Stadt des Landes, wird von der eigenen Armee faktisch belagert. Am Dienstag rückten die schweren Panzer an. Auf YouTube hochgeladene Filme zeigen Kolonnen von Militärfahrzeugen auf dem Weg in die Stadt.
Die Bewohner der Stadt wehrten sich, errichteten Barrikaden und zündeten Reifen an. Doch das half nur wenig: An mehreren Stellen durchbrachen Soldaten die Hindernisse. Mindestens 22 Menschen kamen ums Leben, als Armee und Sicherheitskräfte das Feuer eröffneten. Bis zu 500 Aufständische, berichtet die Zeitung "al-Sharq al-Awsat", wurden festgenommen. Ärzte in der Stadt riefen via Twitter zu Blutspenden auf. Augenzeugen verbreiteten Videos, auf denen zu sehen ist, wie uniformierte Sicherheitskräfte mit Steinen die Scheiben von Privatfahrzeugen zerstören.
Bis in die späten Abendstunden des Dienstag kam es immer wieder zu Zusammenstößen und vereinzelten Demonstrationen.
Derzeit ist das Bild unklar. Sicher ist, dass die Armee noch nicht abgezogen ist; die Stadt ist offenbar nach wie vor von Panzern umzingelt, die wichtigsten Einfallstraßen sind gesperrt. Viele Einwohner seien geflüchtet, berichten Hilfsorganisationen. In der Stadt selbst scheinen Sicherheitskräfte weiterhin Verhaftungen vorzunehmen. Die Armee, so die Furcht vieler Bewohner, bereitet sich auf eine größere Offensive vor.
"Hama, du bist eine Wunde, die nicht verheilt"
Anfang Juni hatte es in Hama schon einmal 70 Tote gegeben. Doch danach waren die Sicherheitskräfte wieder abgezogen. Nun sind sie zurück - Auslöser dürfte gewesen sein, dass am vergangenen Freitag bis zu eine halbe Million Menschen in der Stadt den Sturz des Regimes gefordert haben.
Hama ist eine traditionelle Hochburg des Widerstands gegen das Baath-Regime. Und der Name der Stadt ist zugleich eine Chiffre für die Brutalität, mit der es sich an der Macht hält: Mehrere Zehntausend Menschen starben, als die syrische Armee im Februar 1982 in die Stadt am Orontes einmarschierte, um die oppositionellen Muslimbrüder, die das Regime zuvor mit einer Guerilla-Kampagne angegriffen hatten, ein für alle Mal zu erledigen.
Die Erinnerung an das Massaker ist unauslöschbar. Das macht es besonders brisant, dass Hama nun wieder im Zentrum der Revolte steht. "Hama, du bist eine Wunde, die nicht verheilt", verbreitete sich am Dienstag ein Gedicht über Twitter immer und immer weiter, "Hama, du bist ein trauriges Lied, das in jeder Sekunde jene verflucht, die dich mit Zerstörung heimsuchen".
Massaker von 1982 schwebt über allem
"Ich denke nicht, dass die Einwohner Hamas den Machthabern gestatten werden, die Stadt zurückzuerobern", sagte Wissam Tarif, der Leiter der Menschenrechtsorganisation Insan dem britischen "Guardian". "Wenn sie es versuchen, könnte es zu einem Blutbad kommen."
Der Massenaufmarsch am vergangenen Freitag scheint von den Einwohnern der Stadt beinahe wie eine kollektive Lossagung vom Regime empfunden worden zu sein - einige betrachteten die Stadt danach als "befreit". Sollte die Armee versuchen, sie wieder unter die Knute zu zwingen, werden viele Aktivisten der vordersten Front sich vermutlich zu wehren versuchen - womöglich auch mit nicht-friedlichen Methoden.
Denn der Hass auf das Regime sitzt tief in Hama. Über das Massaker durfte nicht einmal offen gesprochen werden. Die Militäroperation von 1982 tötete nicht nur ungezählte Menschen (einige Schätzungen gehen von bis zu 40.000 Opfern aus), sie zerstörte auch Teile der historischen Altstadt und sogar eine zentrale Moschee.
Dass Hama eine traditionelle Hochburg des Widerstands gegen das Baath-Regime ist, liegt an drei Grundvoraussetzungen: Zum einen lagen die Geschicke der Stadt jahrhundertelang in den Händen reicher Großgrundbesitzer und Kaufleute, die mit der sozialistisch grundierten Baath-Ideologie in einem Spannungsverhältnis standen. Zum zweiten ist Hama deutlich sunnitisch-islamisch dominiert - das Baath-Regime wird jedoch vor allem von Angehörigen der Sekte der Alawiten getragen. Und zum dritten gilt Hama als die religiös-konservativste Stadt Syriens. Angeblich gibt es ein Sprichwort, das besagt: "In Damaskus brauchst du drei Männer, um eine Demonstration anzuzetteln, in Hama brauchst du drei Männer, um die ganze Stadt zum Beten zu bringen."
Welche Rolle spielen die Muslimbrüder?
Es ist naheliegend, dass die islamistische Organisation der Muslimbrüder in Hama stets stark vertreten war. Und kurz nach der Machtübernahme der Baath-Partei kam es 1964 zum ersten Mal zu einem Aufstand in Hama - schon dieser wurde mit Hilfe von Panzern niedergeschlagen, 70 Muslimbrüder sollen damals ums Leben gekommen sein.
Zwischen 1976 und bis zum Massaker von 1982 nahm der Widerstand in Syrien auch militante Formen an - es gab Anschläge auf Regierungseinrichtungen und Sicherheitskräfte. Unklar ist, wie sehr die Bruderschaft involviert war, das Regime ging jedenfalls davon aus und reagierte von Beginn an mit aller Härte. 1981 gab es drei schwere Anschläge in Damaskus, die der Bruderschaft zugeschrieben werden. Kurz zuvor war die Mitgliedschaft mit der Todesstrafe belegt worden. Im Februar 1982 erhob sich die Bruderschaft dann in Hama - und die Armee konterte mit dem Massaker.
Seitdem war die Muslimbruderschaft nur noch im Geheimen aktiv, was es schwer macht, ihre gegenwärtige Stärke einzuschätzen. Mittlerweile hat sie sich offiziell von Gewalt losgesagt. In den vergangenen Wochen sollen aber Muslimbrüder zu jenen gehört haben, die sich mit Gewalt gegen die Brutalität der Sicherheitskräfte zur Wehr setzten. Belege gibt es nicht, Syriens Regime lässt keine internationalen Journalisten oder Beobachter ins Land.
Gerüchte über Panzer-Nachschub
Deshalb lässt sich auch kaum einschätzen, ob die Bruderschaft oder ihre Sympathisanten in Hama derzeit eine Rolle spielen, und mit welchen Methoden sie auf einen Einmarsch der Armee in die Stadt reagieren würden. Andererseits sind nicht alle Aufständischen Muslimbrüder oder Islamisten.
Sicher scheint nur, dass Präsident Baschar al-Assad den Widerstand in Hama brechen will. Nach der Massenkundgebung am vergangenen Wochenende entließ er den Gouverneur von Hama. Dieser, so berichtet der Kolumnist Tariq Alhomayed in "al-Sharq al-Awsat", hatte den Bewohnern der Stadt demnach versprochen, dass sie friedlich demonstrieren dürften. Der Provinz-Politiker habe einen Mittelweg gesucht und zugesagt, dass er die Sicherheitskräfte fernhalten würde, wenn dafür die Demonstranten den Präsidenten nicht beleidigen würden.
Vier Wochen hat diese Methode offenbar funktioniert. Nun stehen die Zeichen auf Sturm. Den letzten Twitter-Meldungen der syrischen Opposition zufolge, deren Wahrheitsgehalt freilich nicht einzuschätzen ist, hat Hama seit dem Mittwochmittag keinen Strom mehr - während gleichzeitig Panzer aus Damaskus auf dem Weg in die Stadt sind.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Muslimbruderschaft | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH