Terror in Tadschikistan Der IS tötet Touristen, das Regime wiegelt ab

Fünf Männer schwören dem IS die Treue, dann ziehen sie los und töten ausländische Touristen: Erstmals hat die Terrormiliz in Tadschikistan zugeschlagen. Doch das Regime in Duschanbe will davon nichts wissen.

Ausschnitt aus IS-Propagandavideo
AFP PHOTO / HO / AMAQ NEWS AGENCY

Ausschnitt aus IS-Propagandavideo

Von


Mit dem Fahrrad einmal um die Welt - das war der Traum von Lauren Geoghegan und Jay Austin aus Washington. Ein Jahr lang reisten sie schon, radelten durch Afrika und Europa. Am Sonntag endete ihr Traum auf einer Landstraße in Tadschikistan.

Die beiden Amerikaner waren zusammen mit fünf anderen Radtouristen in dem zentralasiatischen Land unterwegs, als ein Terrorkommando ein Fahrzeug mit hoher Geschwindigkeit in die Gruppe lenkte. Dann sprangen mehrere Angreifer aus dem Auto und stachen auf die Radfahrer ein. Sie töteten die beiden US-Bürger, einen Schweizer und einen Niederländer. Ein weiterer Niederländer und ein Schweizer wurden verletzt. Ein Franzose kam unversehrt davon.

Die genauen Umstände des Angriffs sind noch unklar. Die Opfer lagen entlang eines mehrere Hundert Meter langen Straßenabschnitts. Offenbar machten die Täter gezielt Jagd auf die flüchtenden Urlauber. Die Sicherheitskräfte wollen noch am Tatort vier Attentäter getötet und in den Stunden darauf fünf weitere Verdächtige festgenommen haben.

Attentäter standen in Kontakt mit dem IS

Es ist der bislang erste Anschlag auf Touristen in Tadschikistan - und das erste Attentat, zu dem sich die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) bekennt. Die Propagandaabteilung des IS, die selbsternannte Nachrichtenagentur Amaq, veröffentlichte ein Video, das die fünf Angreifer zeigen soll. Sie sitzen unter einem Baum vor einer Flagge des IS, verdammen das tadschikische Regime und schwören IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi die Treue.

Tadschikistans Präsident Emomalij Rahmon
REUTERS

Tadschikistans Präsident Emomalij Rahmon

Das Video ist ein Beleg dafür, dass die Täter vor dem Anschlag in direktem Kontakt mit dem IS gestanden haben müssen, andernfalls hätte es Amaq nach dem Attentat nicht zügig veröffentlichen können. Das Vorgehen ähnelt damit dem von Anis Amri, der ebenfalls vor seinem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz ein Bekennervideo an den IS geschickt hatte.

Umso bemerkenswerter ist, dass das Regime in der Hauptstadt Duschanbe von einer IS-Verbindung nichts wissen will. Die Regierung des seit 1994 mit harter Hand regierenden Staatschefs Emomalij Rahmon macht stattdessen die Islamische Partei der Wiedergeburt Tadschikistans (IRPT) für den Anschlag verantwortlich.

Die Partei war 1997 nach dem Ende des tadschikischen Bürgerkriegs zugelassen worden - als einzige islamistische Organisation in einer ehemaligen Sowjetrepublik. Bei den Parlamentswahlen 2005 und 2010, die das Regime jeweils in seinem Sinne manipuliert hatte, errang die IRPT jeweils rund acht Prozent der Stimmen und damit zwei von 63 Mandaten. Sie war somit die stärkste Oppositionspartei im Parlament.

Geständnisse im Staatsfernsehen

Bei den ebenfalls gefälschten Wahlen 2015 stürzte die IRPT auf 1,6 Prozent ab und flog aus dem Parlament. Im selben Jahr verbot Staatschef Rahmon die Partei. Das Regime warf der Partei vor, einen Terrorplot geschmiedet zu haben, um die Regierung zu stürzen. Sicherheitskräfte verhafteten mehr als ein Dutzend hochrangiger IRPT-Funktionäre und mehr als 150 weitere Parteimitglieder.

Mehrere Festgenommene wurden damals im Staatsfernsehen vorgeführt, wo sie ihre angeblichen Verbrechen gestanden. So auch diesmal: Am Dienstagabend strahlte das tadschikische Staatsfernsehen angebliche Geständnisse der fünf Festgenommenen aus. Die Männer zeigen deutliche Spuren von Misshandlungen. Am schlimmsten traf es den angeblichen Drahtzieher des Anschlags, Hussein Abdusamadow. Er wurde mit blauem Auge und anderen Gesichtsverletzungen vor die Kameras gezerrt.

Abdusamadow behauptet, er sei in einem Terrorlager in Iran ausgebildet worden. Ein Vorwurf, den Teherans Außenministerium umgehend zurückwies. Und auch der Teil der IRPT-Führung, der vor der staatlichen Verfolgung ins Exil flüchten konnte, bestreitet jede Verantwortung. Das Regime versuche den Anschlag zu missbrauchen, um die Opposition zu diskreditieren und weiter zu verfolgen.

Harsches Vorgehen gegen gläubige Muslime

Dabei ist unbestritten, dass militante Islamisten in Tadschikistan regen Zulauf haben. Diese Entwicklung begann schon vor mehr als 30 Jahren mit dem Bürgerkrieg im Nachbarland Afghanistan, in dessen Folge salafistische Ideologen auch nach Tadschikistan kamen.

Das Regime geht dagegen mit großer Härte vor: 2015 verbot der Staat in mehreren Landesteilen das Tragen von Bärten und schloss mehr als 160 Läden, in denen Kopftücher verkauft wurden. Ein Jahr später verbot die Regierung arabisch klingende Vornamen. Im selben Jahr schloss die letzte Koranschule. Gleichzeitig zwang das Regime mehr als 3000 junge Männer, die eine religiöse Ausbildung in Pakistan, Ägypten oder anderen Ländern absolvierten, zur Rückkehr in die Heimat.

Die rund 3700 Moscheen in Tadschikistan werden streng überwacht. Muezzine dürfen nicht mehr per Lautsprecher zum Gebet rufen, das Regime gibt den Imamen den Text der Freitagspredigt vor. Frauen und Jugendliche unter 18 dürfen überhaupt keine Moscheen mehr betreten. Tadschiken unter 40 ist die Teilnahme an der Pilgerfahrt Hadsch nach Mekka verboten.

Reger Zulauf für den IS

Das harsche Vorgehen befeuert jedoch eher die Radikalisierung unter jungen Tadschiken anstatt sie zu bremsen. Mehr als 2000 Tadschiken haben sich laut Schätzungen in den vergangenen Jahren dem IS im Irak und in Syrien angeschlossen. Allein im Jahr 2016 verübten dort im Namen des IS 27 Tadschiken Selbstmordattentate - aus keinem anderen Land waren es in dieser Zeit mehr.

Zwischenzeitlich galt der Tadschike Gulmurod Chalimow als Militärchef des IS. Er war bis 2015 Kommandeur der Polizeitruppen des Innenministeriums in Duschanbe bevor er sich zum IS abgesetzt hatte. Russlands Militär will Chalimow im September 2017 bei einem Luftangriff in Syrien getötet haben.

Dafür, dass die Attentäter vom Sonntag Kampferfahrung in Syrien oder im Irak hatten, gibt es bislang keinen Hinweis. Die Nachbarn der beiden Brüder Jafariddin und Asliddin Yusurow, die an dem Anschlag beteiligt gewesen sein sollen, sagten, sie hätten die Männer zuletzt vor zwei Monaten gesehen. Die beiden Arbeitslosen sollen gesagt haben, sie würden ihren Heimatort Nurek verlassen, weil sie Arbeit an einem Staudamm gefunden hätten.



insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
freddygrant 01.08.2018
1. Bleibt hier in ...
... Tatschikistan u.a. mal die Frage nach Ursache und Wirkung und was für das totalitäre Regime dort wichtiger ist: Der Schutz der Gesellschaft und staatlichen Ordnung oder die Religionsfreiheit - in diesem Fall der Islam?
weltenglas 01.08.2018
2. Extremes Vorgehen hilft Extremisten
Die Lage in dem Land beweist einmal mehr: Extremes Vorgehen gegen Muslime produziert viele extremistische Muslime. Dies ist in diversen anderen Weltregionen ebenfalös zu beobachten. Ich frage immer: Was lehrt uns die Erkenntnis über den Umgang mit Muslimen? Wer ihre Religionsausübung und Traditionen beschneiden und verbieten will, wird auf Widerstand stoßen. Gegen Terroristen freilich hilft am Ende nur noch massive Gewalt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.