Attentäter von Paris Drei Teams, drei Tatorte, eine Strategie

Einzelheiten über die Attentäter von Paris werden bekannt: Sehr wahrscheinlich hatten sie sich in drei Angriffsteams aufgeteilt. Ein Täter soll aus Syrien stammen und über Griechenland nach Europa gekommen sein.

Forensiker in der Nähe des Stade de France: Die Identifizierung der Täter ist schwierig
AFP

Forensiker in der Nähe des Stade de France: Die Identifizierung der Täter ist schwierig

Aus Paris berichtet


Wenige Stunden nach den Anschlägen von Paris wird mehr über die Täter bekannt - doch viel ist es noch nicht. Der Staatsanwalt von Paris, François Molins, hat am Samstagabend über den Fortgang der Ermittlungen informiert und geschildert, wie sieben Attentäter zu Tode kamen.

Drei starben demnach in der Konzerthalle Bataclan: Einer wurde von der Polizei erschossen und zwei sprengten sich mit ihren Sprengstoffgürteln in die Luft. In der Nähe des Bataclan hatte sich ein weiterer Selbstmordattentäter getötet. Drei starben vor dem Stade de France: Zwei sprengten sich nacheinander an verschiedenen Türen des Stadions in die Luft, in dem das Spiel Deutschland gegen Frankreich stattfand, ein dritter in der Nähe des Stadions.

Nach einem Bericht der US-Zeitung "Wall Street Journal" hatten die drei Stadion-Attentäter versucht, mit ihren Sprengstoffwesten auf die Tribünen zu gelangen. Sie waren jedoch von Sicherheitsleuten entdeckt worden und sprengten sich daraufhin noch draußen in die Luft.

"Sehr wahrscheinlich waren es drei Teams von Attentätern, die sich abgesprochen haben", sagte Staatsanwalt Molins. Sie seien mit großer Professionalität vorgegangen. Das erste Team griff das Fußballstadion an, ein zweites in einem Seat mehrere Restaurants und Bars im Zentrum von Paris und ein drittes in einem Polo die Konzerthalle Bataclan. Die Sprengstoff-Vorrichtungen der verschiedenen Selbstmordattentäter seien identisch gewesen.

Eine Spur führt nach Belgien

Das zweite Team hat die Anschläge offenbar überlebt: Nach Angaben des Pariser Staatsanwaltes wurde am Samstag ein Franzose mit Wohnsitz in Belgien an der französisch-belgischen Grenze kontrolliert. Bei ihm im Auto saßen demnach zwei weiteren Personen, die in der Umgebung von Brüssel lebten. Videoaufnahmen vor den Tatorten und Zeugenaussagen ergaben, dass die Autos der Täter belgische Kennzeichen hatten.

Die französische Zeitung "Le Monde" berichtet, dass im zweiten Auto vor dem Bataclan Parkscheine aus Molenbeek-Saint-Jean gefunden wurden, einer 90.000-Einwohner-Gemeinde bei Brüssel. Dort führte die Polizei am Samstagabend Razzien durch.

Staatsanwalt Molins sagte, drei Personen mit Wohnsitz in Belgien seien am Samstag festgenommen worden. Er wollte aber keine Details verraten. Derzeit suche man noch die Komplizen, Geldgeber und andere Hintermänner der Anschläge.

Wer sind die Täter?

Die Identifizierung der Täter ist mühsam: Von ihnen ist nicht viel übrig. Mit DNA-Abgleichen versuchen die Ermittler herauszufinden, wer sie waren. Der französische Radiosender "Europe 1" berichtete unter Berufung auf eine gerichtsmedizinische Quelle, dass zwei von ihnen auf zwischen 15 und 18 Jahre geschätzt würden. Von anderer Seite wurde diese Information bisher jedoch noch nicht bestätigt.

Bei den Überresten von einem der Stadion-Selbstmordattentäter wurde ein syrischer Pass gefunden, berichtete Staatsanwalt Molins. Es könnte sich also bei einem der Attentäter um einen syrischen Flüchtling gehandelt haben, aber sicher ist dies derzeit noch nicht.

Denn noch ist unklar, ob der Täter tatsächlich rechtmäßiger Inhaber des Passes war oder nicht. Offen ist auch, ob es sich bei dem Dokument um einen echten syrischen Pass handelt oder einen gefälschten. Syrische Pässe, echte wie falsche, sind derzeit leicht auf dem Schwarzmarkt zu kaufen.

Der Pass sei auf einen 25 Jahre alten syrischen Mann ausgestellt worden, sagte Molins. Nach Angaben der griechischen Behörden wurde der Pass am 3. Oktober auf der griechischen Insel Leros vorgezeigt und registriert. Die US-Zeitung "Washington Post" berichtet, der Inhaber des Passes sei in der nordsyrischen Stadt Idlib geboren.

Bei einem zweiten Selbstmordattentäter in der Nähe des Fußballstadions soll nach Angaben des französischen Fernsehsenders "BFMTV" ein ägyptischer Pass gefunden worden sein. Der Staatsanwalt von Paris machte dazu allerdings keine Angaben, es ist also noch nicht sicher, ob dies tatsächlich stimmt.

Rücksichtslose, erfahrene Täter

Auch über die Täter im Bataclan wurden inzwischen Einzelheiten bekannt. Augenzeugen berichteten, dass sie rücksichtslos und professionell vorgegangen seien.

"Das waren keine Personen, die erst gestern gelernt haben mit Waffen umzugehen", berichtete der Journalist Julien Pearce, der zum Zeitpunkt der Attacke im Konzertsaal war. "Sie waren äußerst entschlossene Männer, die methodisch ihre Sturmgewehre luden ohne jegliche Gefühlsregung." Systematisch hätten sie am Boden liegende Menschen erschossen.

Einer von ihnen konnte bereits eindeutig identifiziert werden: Der Pariser Staatsanwalt sagte, es handele sich um einen 29-jährigen Franzosen, der niemals im Gefängnis gesessen habe. Allerdings sei er zwischen 2004 und 2010 achtmal wegen verschiedener Delikte verurteilt worden.

Seit 2010 habe er wegen seiner Radikalisierung unter Beobachtung gestanden, sei allerdings kein Mitglied einer Zelle oder eines Terrornetzwerks gewesen. Das französische Magazin "Le Point" schreibt, eine DNA-Analyse habe ergeben, dass es sich bei dem Toten um den 29-jährigen Ismael M. handele. Er habe zuletzt in Chartres gelebt etwa 90 Kilometer südwestlich von Paris.

Insgesamt wurden bei den Anschlägen nach Angaben des Staatsanwaltes 129 Menschen ermordet. Weitere 99 befinden sich derzeit noch in einem kritischen Zustand zwischen Leben und Tod. Hunderte weitere wurden verletzt.

Videozusammenfassung: Terror in Paris



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