Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Tag der Gewalt: Blutiger Machtkampf im Zentrum von Kairo

Aus Kairo berichtet

Steinwurf-Salven, Selbstjustiz, Hass: Stundenlang tobten am Mittwoch in Kairo bürgerkriegsähnliche Kämpfe zwischen Mubarak-Gegnern und urplötzlich mobilisierten Anhängern des Regimes. Ein Protokoll der Stunden, die den Traum einer friedlichen Revolution zunichtemachten.

Die Stimme der jungen Frau ist heiser, trotzdem hört sich nicht auf zu schreien. "Wir sind alle Ägypter, wir dürfen uns nicht gegenseitig töten", krächzt sie. In ihren Augen stehen Tränen. Sieben Tage hat Maha auf dem Tahrir-Platz im Zentrum Kairos Tag und Nacht ausgeharrt, hat friedlich für den Sturz des Machthabers Husni Mubarak protestiert. Nun ziehen schreiende Männer an ihr vorbei. Viele von ihnen bluten am Kopf - von den Steinwürfen getroffen. Ihre Gesichter sind hassverzerrt. In den Händen haben sie Steinbrocken. Mit ausgebreiteten Armen versucht Maha, sie aufzuhalten. "Macht endlich Schluss, hört endlich auf", schreit sie. Die Männer hören nicht. Wie in Trance rennen sie weiter. Dann schleudern sie ihre Steine.

Es ist Mittwoch, irgendwann gegen 13 Uhr. Es ist der Tag nach der bisher größten Demonstration von Hunderttausenden, vielleicht gar von Millionen, die sich friedlich gegen den noch immer amtierenden Präsidenten Husni Mubarak gestemmt haben. Der Despot will immer noch nicht von der Macht weichen: Bis zum September, dem Ende seiner Amtsperiode, will er an seinem Posten festhalten. Nun sind wieder Zehntausende Regierungsgegner auf dem Platz mitten in Kairo versammelt, dem Herzen ihres Aufstands gegen das Regime, das seit 30 Jahren Ägypten mit eiserner Hand kontrolliert und sich dabei selber die Tasche gefüllt hat.

Es sollte der Tag werden, der den Traum einer friedlichen Revolution gegen Mubarak endgültig zerplatzen ließ.

An diesem Mittag begann am Tahrir-Platz ein blutiger Straßenkampf zwischen den Oppositionskräften und den Gefolgsleuten der herrschenden Elite. Wie aus dem Nichts tauchten an allen Zufahrtsstraßen plötzlich Tausende Mubarak-Anhänger auf, die in Richtung der Demonstration der Regimegegner drängten. Wer am Ende in dieser Konfrontation den ersten von Tausenden Steinen geworfen hat, wer den ersten Schlag ausführte, wird am Ende wohl niemand genau sagen können. Fest steht am Abend nur: In den Kämpfen wurden nach offiziellen Angaben mehr als 600 Menschen verletzt und es starben wohl mehr als die drei, deren Tod die Regierung am Abend bekanntgab. Ein Arzt sprachen in der Nacht von 1500 Verletzten. Die Revolte gegen Mubarak ist zum blutigen Machtkampf geworden.

Fotostrecke

25  Bilder
Kairo: Gewalt auf Kairos Tahrir-Platz
Die Aggressivität der Mubarak-Anhänger, die organisiert von seiner Partei ins Zentrum Kairos gekarrt worden waren, war von Beginn an zu spüren. Vor den Absperrungen des Platzes drängten sich schreiende Männer, die westliche Reporter ohne Vorwarnung schlugen und versuchten, sie in ihre Hotels zurückzuscheuchen. "Das ist eine Sache zwischen uns Ägyptern", skandierten sie, "lasst uns das allein regeln." Noch wirkte das wie eine der inszenierten Szenen des Regimes, dessen Staatsfernsehen auch während des Marsches der Millionen zuerst nur absurd wirkende Bilder einer kleinen Kundgebung von Mubarak-Getreuen vor dem Königspalast zeigte und den Massenprotest auf dem Tahrir Square einfach ignorierten.

Doch dann flogen die Steine. Neben dem Nationalmuseum drängten Tausende Mubarak-Anhänger auf den Platz, dazwischen Pferde, Kamele und unzählige Plakate mit dem Konterfei eines jugendlichen Mubaraks, dessen Gesicht nach 30 Jahren Herrschaft nunmehr wie eine wächserne Maske wirkt. Der Sturm war entfesselt. Innerhalb von Minuten warfen beide Seiten Stein auf Stein gegen die gegnerische Front. Noch aber trennte sie das bisher stets neutrale Militär. Dutzende Männer mit klaffenden Platzwunden am Kopf wurden aus der Menge gezogen. Ihre Freunde rissen neue Steine aus dem Pflaster, der Straßenkampf begann.

Die Gewalt war jetzt vollends entfesselt. Irgendwann zogen sich die Soldaten zurück. Parteigänger beider Seiten stiegen auf die Panzer, warfen noch mehr Steine. Versuchten die meist jugendlichen Regimegegner anfangs noch, sich mit Menschenketten gegen die Eindringlinge zu stemmen, wurden bald auch ihre Aktionen immer brutaler. Statt der sonst meist gut englisch sprechenden Studenten drängten plötzlich junge Menschen aus den verarmten Kairoer Vororten zur Frontlinie des Kleinkriegs gegen die Mubarak-Getreuen vor. Wie im Rausch rannten sie mit lauten "Gott ist groß"-Rufen nach vorne, schleuderten ihre Steine und rannten zurück, um neue Munition zu beschaffen.

"Er ist wie Mubarak, jetzt werden wir ihn töten"

Immer wieder schleiften die Oppositionellen Verletzte der Gegenseite über den Platz. "Das ist ein Undercover-Polizist", riefen sie. Der Verdacht reichte, um schnell eine Traube von hasserfüllten Menschen um den Verletzten zu versammeln, die diesen weiter brutal malträtierten. "Er ist wie Mubarak, jetzt werden wir ihn töten", hallten die Schreie. In den beobachteten Fällen konnte die Lynchjustiz noch von moderaten Demonstranten abgewendet werden. Ausschließen kann jedoch niemand, dass nicht doch in den Seitenstraßen Verletzte umgebracht worden sind.

Der Hass, der Kampf bis aufs Blut wollten kein Ende nehmen. Stundenlang bewegten sich die Fronten vor und zurück. Die angerückten Sicherheitskräfte blieben auf Position auf einer Autobahnbrücke hinter dem Nationalmuseum und auf einer Nil-Brücke, stets schwebte ein Helikopter über der Kampfzone. Dort hetzten Männer trotz Platzwunden, gerade erst notdürftig medizinisch versorgt, aufgestachelt von Schmerz und Adrenalin wieder in Richtung der gegnerischen Linien. "Wir haben 30 Jahre gelitten, jetzt bringen wir sie um", schrieen manche auf der Seite der Mubarak-Gegner. "Sie wollen zerstören, was wir mit Mubarak erreicht haben", skandierten dessen Anhänger zurück.

Die Regimegegner sehen hinter der Eskalation der Gewalt ein Kalkül des Präsidenten. Mit der organisierten Mobilisierung seines Lagers, unter ihnen erfahrene Provokateure, wollte er genau die mörderischen Bilder eines Straßenkriegs provozieren, die den ganzen Tag um die Welt gingen, hieß es. Und auch in die Nacht war das Geräusch von Schüssen und explodierenden Molotowcocktails zu hören, flackerten die Zusammenstöße immer wieder auf.

Doch auch die Oppositionsgruppen müssen sich fragen, wie sie ihre Bewegung wieder unter Kontrolle bringen können. So sehr viele Ägypter unter dem Regime gelitten haben, so abstoßend wirkten die Bilder von blankem Hass in den Reihen der Mubarak-Gegner.

Diskreditierung der Protestbewegung

Diese Bilder passen dem Präsidenten gut ins Programm. Schon bei seiner Rede nach dem Massenprotest am Dienstag signalisierte er, dass nur er, der Herr über die straffe Polizei und den gnadenlosen Geheimdienst, einen geordneten Übergang hin zu einer neuen Regierung organisieren könne. Viele Ägypter könnten nach einem Tag der Bürgerkriegsbilder aus ihrer Hauptstadt davon beeindruckt sein. Statt auf die offene Konfrontation gegen den sich an seinen Posten klammernden Mubarak zu setzen, könnten sich viele für einen Mittelweg entscheiden, der dem Präsidenten einen ehrenhaften Abgang sichert, aber eben auch der Übergang in ein System wäre, in dem seine Getreuen weiter zumindest mitbestimmen würden.

Wenn nun die Opposition für Freitag erneut zu einer Großdemonstration in Kairo aufruft, könnte die Mobilisierung der Unterstützer schwieriger als bisher werden. Außerdem müssen ihre Führer fürchten, dass die nächste Kundgebung in einem Blutbad endet. Damit wäre womöglich auch die Protestbewegung diskreditiert, Mubaraks eiskaltes Manöver somit aufgegangen.

Für seine Zwecke, das ist nun klar, geht der taumelnde Präsident über Leichen. Er riskiert gar, dass der Mob in den kommenden Tagen Kairo verwüstet und brandschatzt. Für den friedlichen Widerstand gegen einen Präsidenten, der seine Macht sogar für eine nur kurze Zeit so ruchlos absichern will, gibt es nur wenige Rezepte.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 18 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ausschreitungen in Kairo
ariane1965 02.02.2011
Der Westen und die Bundesregierung sollten jetzt Klartext reden, denn sonst droht ein Bürgerkrieg in einem friedfertigen Volk.
2. Verantwortlich handeln
Ivan Durak 03.02.2011
Zitat von sysopSteinwurf-Salven, Selbstjustiz und Hass: Am*Tag nach dem eindrucksvollen "Marsch der Millionen" tobten in Kairo bürgerkriegsähnliche Kämpfe zwischen Mubarak-Gegnern und seinen urplötzlich mobilisierten Anhängern. Ein Protokoll der Stunden, die den Traum einer friedlichen Revolution zunichte machten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,743247,00.html
Die Verantwortung tragen Husni Mubarak und Omar Suleiman. Alles haengt davon ab, wie sich nun das ägyptische Militär verhält.
3.
adsum 03.02.2011
Zitat von sysopSteinwurf-Salven, Selbstjustiz und Hass: Am*Tag nach dem eindrucksvollen "Marsch der Millionen" tobten in Kairo bürgerkriegsähnliche Kämpfe zwischen Mubarak-Gegnern und seinen urplötzlich mobilisierten Anhängern. Ein Protokoll der Stunden, die den Traum einer friedlichen Revolution zunichte machten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,743247,00.html
Die macht im Staat hat nun mal das Staatsvolk, nicht die Machthaber, nicht das Kapital, das Militär, usw. usf. auch wenn dieses vorübergehend in vielen Ländern nicht so aussieht. Ich glaube nicht mal, dass Mubarak es böse mit seinem Volk meint, aber man muss die Macht loslassen, wenn das Volk auf die Strassen geht. Freilich kann sich das Volk auch irren, keine Frage. Es kann vom Regen in die Traufe kommen. Aber die Ägypter sind ein kluges und gebildetes Volk. Es gibr das Internet und andere Kommunikationsmittel. Da kann freilich auch Unsinniges und Unwahres verbreitet werden, aber letztlich kann man denen kein X füt ein U vormachen. Die Zeiten der Diktaturen sind vorbei. Hoffentlich gibt es kein großes Blutvergießen. Freilich alle Religionen und Ideologien meinen es irgendwie gut mit uns. Aber bei diesem "Gutmeinen ohne Zweifel" kann man sich auch gegenseitig todprügeln, danach tut es fast jedem leid.
4. ...
Dirk Ahlbrecht, 03.02.2011
Nachdem, was dort in Ägypten die letzten Tage passiert ist, sollte Herr Mubarak als Gesprächs- und Verhandlungspartner des Westens endgültig Geschichte sein. Sollte er sich wieder erwarten an der Macht halten, bin ich schon heute darauf gespannt, was uns Herr Westerwelle erzählen wird, weshalb man trotzdem mit so jemandem reden muß.
5. Friedliche Revolution?
meslier 03.02.2011
Zitat von sysopSteinwurf-Salven, Selbstjustiz und Hass: Am*Tag nach dem eindrucksvollen "Marsch der Millionen" tobten in Kairo bürgerkriegsähnliche Kämpfe zwischen Mubarak-Gegnern und seinen urplötzlich mobilisierten Anhängern. Ein Protokoll der Stunden, die den Traum einer friedlichen Revolution zunichte machten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,743247,00.html
Eine friedliche Revolution? Das würde heißen eine Gruppe von Menschen verzichtet ohne Gegenwehr auf die Privilegien, die sie bisher hatte. Der Arabische Raum wird wahrscheinlich demnächst sehr unruhig werden. Und wir in Europa werden es spüren. An der Versorgung mit Erdöl...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Ägypten-Debatte auf Twitter


mehr über SPIEGEL ONLINE auf Twitter...

Hilfe für Ägypten-Urlauber
Deutsche Vertretungen
Krisenstab des Auswärtigen Amts: 030-50003000

Deutsche Botschaft in Kairo
Telefon: (0020 2) 27 28 20 00
Bereitschaftsdienst in dringenden Notfällen: 012 213-6538
Honorarkonsulat in Alexandria: (002-03) 486-7503
Honorarkonsulat in Hurghada: (002-065) 344-3605, (002-065) 344-5734
Hotlines der Reiseveranstalter
TUI: 0511-567 8000 (9 bis 20 Uhr)
Neckermann Reisen und Thomas Cook: 06171-65 65 190
Bucher Reisen: 06171-65 65 400
Air Marin: 01805-36 66 36
Öger Tours: 01805-24 25 58
Condor: 01805-767757
Rewe (ITS, Jahn Reisen, Tjaereborg, Condor): 02203-42 800
FTI: 0800-2525444 (9 bis 22 Uhr)
5vorFlug: 0800-2525113 (9 bis 20 Uhr)
L'tur: 0800-21 21 21 00 (8 bis 24 Uhr)

Fluggesellschaften
Lufthansa: Sonder-Telefonnummer, unter der Flüge ausschließlich ab Kairo gebucht werden können +49-30-50570341

Ab sofort können freie Plätze auf Flügen von Air Berlin und Condor von Scharm el-Scheich, Hurghada und Marsa Alam nach Deutschland gebucht werden.
Air Berlin: www.airberlin.com oder per Telefon unter +49-1805-737 800
Condor: www.condor.com oder per Telefon unter +49-180-5767757


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: