Tag des Terrors in Bagdad Ausgangssperre nach schlimmster Anschlagserie seit Kriegsbeginn

Blutbad in Bagdad: Bei fünf Anschlägen sind mindestens 160 Menschen ums Leben gekommen, mehr als 250 wurden verletzt. Das Gesundheitsministerium wurde attackiert. Es war die schlimmste Terrorwelle in Bagdad seit Kriegsbeginn 2003 - die Regierung verhängte eine unbefristete Ausgangssperre.


Bagdad - Die Opferzahlen steigen im Minutentakt: War in ersten Berichten zunächst von mindestens 25 Toten und 75 Verletzen die Rede, korrigieren Polizei und Behörden die Zahl der Toten inzwischen deutlich nach oben. Zuletzt gingen Sicherheitskräfte von 160 Toten und mindestens 257 Verletzten aus. Es ist die verheerendste Anschlagsserie in Bagdad seit Beginn der US-Invasion 2003.

Das staatliche irakische Fernsehen berichtete unter Berufung auf einen Vertreter des Innenministeriums, es sei eine unbeschränkte Ausgangssperre über Bagdad verhängt worden.

Die Attentate waren um etwa 15.10 Uhr Ortszeit fast gleichzeitig an verschiedenen Stellen im schiitischen Armenviertel Sadr City verübt worden. Der Bezirk mit mehr als zwei Millionen Einwohnern ist eine Hochburg des radikalen Schiiten-Geistlichen Muktada al-Sadr.

Drei Selbstmordattentäter sprengten den Angaben zufolge im Abstand von wenigen Minuten auf belebten Märkten und Plätzen Autobomben in die Luft. Anderen Angaben zufolge explodierten sogar sechs Autobomben. Zudem schlugen an zwei Stellen Salven von Mörsergranaten ein.

Schiiten rächten sich umgehend, indem sie zehn Mörserrunden auf die sunnitische Abu-Hanifa-Moschee abfeuerten, das höchste Heiligtum der Sunniten in Bagdad. Mindesten eine Person wurde getötet, sieben Menschen wurden verletzt.

Angriff auf das Gesundheitsministerium

Extremisten griffen in der irakischen Hauptstadt heute auch das Gesundheitsministerium an, das fünf Kilometer von Sadr-City entfernt liegt. Sie beschossen das Gebäude im Norden Bagdads mit Mörsern und lieferten sich heftige Kämpfe mit Wachleuten, wie aus Sicherheitskreisen verlautete.

Mindestens 30 mutmaßliche sunnitische Angreifer versuchten laut Fernsehberichten das Gesundheitsministerium zu stürmen. Die Nachrichtenagentur AFP sprach sogar von hundert Extremisten. Alle Zufahrtsstraßen zu dem Gebäude im Bezirk Bab al-Muadham wurden abgeriegelt, wie Sicherheitskräfte mitteilten. Mehrere Mitarbeiter des Ministeriums waren in ihren Büros eingeschlossen, Berichte über Opfer gab es jedoch zunächst nicht. An dem Gebäude entstand Sachschaden.

Gesundheitsminister Schemmari, selbst ein Anhänger von Muktada al-Sadr, sagte AFP, er sitze zusammen mit rund 2000 Mitarbeitern in seinem Ministerium fest. Die Attacke habe mit Mörserschüssen vom benachbarten Viertel El Fahdel aus angefangen, berichtete er. "Dann haben etwa hundert maskierte Männer mit Schnellfeuerwaffen das Gebäude angegriffen." Die Angreifer seien mit Pick-Up-Lastern und Zivilfahrzeugen angekommen und hätten auf das Gebäude geschossen.

Der Fernsehsender al-Irakija berichtete von "Terroristen, die versuchen, das Gebäude zu kontrollieren". Die mit Maschinengewehren und Werfergranaten bewaffneten Männer sollen das Gebäude umstellt haben. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, die Männer hätten versucht, in das Ministerium einzudringen, seien aber vom Wachpersonal zurückgedrängt worden. "Wir können auch Scharfschützen sehen. Jeder Mitarbeiter, der das Haus verlässt, wird umgebracht", sagte Vize-Minister Hakim al-Samili. Irakische Soldaten wurden zu dem Gebäude im Norden der Stadt beordert, sind nach den Worten von Samili aber noch nicht eingetroffen. Später sagten Mitarbeiter des Ministeriums, US-Kampfhubschrauber und Soldaten hätten die Blockade beendet. Fünf Menschen seien verletzt worden.

Samili war erst am Montag einem Anschlag entkommen, bei dem zwei seiner Leibwächter ums Leben kamen. Ein weiterer Vize-Minister, Ammar al-Saffar, wurde am Sonntag entführt. Von ihm gibt es kein Lebenszeichen.

US-Soldaten töten Iraker bei Razzia

Bei einer Razzia in dem Stadtteil töteten US-Soldaten heute nach Polizeiangaben vier irakische Zivilisten. Ein Polizeisprecher sagte, acht weitere Menschen seien verletzt worden, als die Soldaten einen Kleinbus unter Beschuss nahmen, mit dem Einwohner des Viertels auf dem Weg zur Arbeit gewesen seien. Die US-Armee stellte den Vorfall anders dar: "Ein Fahrzeug, das feindliche Absichten zeigte, wurde als akute Gefahr für die irakischen Truppen identifiziert. Irakische Soldaten feuerten auf das Fahrzeug, um die Gefahrenquelle auszuschalten."

Die amerikanischen Truppen suchen in Sadr City seit einem Monat nach einem US-Soldaten irakischer Herkunft, der in Bagdad verschleppt worden war. Laut US-Armee richtete sich auch die heutige Razzia gegen die mutmaßlichen Entführer. Fünf Verdächtige seien festgenommen worden, hieß es. Die US-Armee meldete weiter, Aufständische hätten in der westlichen Anbar-Provinz am Vortag drei amerikanische Marineinfanteristen getötet.

Verwirrung um Cheney-Besuch

Für Verwirrung sorgten irakische Fernsehmeldungen, US-Vizepräsident Dick Cheney sei anlässlich des US-Feiertags Thanksgiving zu einem Truppenbesuch im Irak angekommen. Cheneys Büro dementierte die Berichte umgehend. Das US-Militär erklärte, stattdessen sei der Leiter der Heeresabteilung im Verteidigungsministerium, Francis Harvey, in dem Golfstaat eingetroffen.

hen/phw/Reuters/AFP/AP/dpa

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